Dienstag, 3. November 2020

Bekenntnisse eines Systemlings

 

Ich kann es nicht mehr länger zurückhalten. Es muss raus. Heute breche ich mein Schweigen. Hiermit bekenne ich feierlich: Ich finde den Fortschritt gut.

Als ich 1987 meinen ersten Computer, einen Atari 1040 ST, gekauft habe (okay, geschenkt bekommen habe), war ich für meinen Freundeskreis verloren. An die FDP, an Helmut Kohl, an das mörderische System der Ausbeutung. Ich habe mich nicht gewehrt, ich habe mich im Stillen gefreut. Texte schreiben ohne Tipp-Ex. Nach eigenem Belieben neue Sätze oder gar Absätze einfügen oder löschen, ohne alles noch mal neu schreiben zu müssen. Und die Computerspiele! Ein Riesenspaß.

Ich gehörte auch zu den ersten Kindern, die sich eine Playstation angeschafft haben. Vorher habe ich mein Geld immer in den Arcade-Automaten in der Spielhalle oder der Kneipe versenkt und mich geärgert, wenn ich viel zu schnell meine „Leben“ verloren hatte. Also habe ich mir zum Geburtstag eine Playstation schenken lassen. Das hat mir viel Geld, viel Zeit (zur Spielhalle und zurück) und viel schlechte Laune gespart. Plötzlich hatte ich wieder genügend Kleingeld und konnte mit dem Rauchen anfangen.

Meinen Sony-Walkman habe ich geliebt. Er hat meine Welt verändert. Nicht mehr mit einer PA auf ‘nem Bollerwagen durch die Stadt ziehen oder einen Bimbomat auf der Schulter mitschleppen, wenn man im Freien Musik hören will. Walkman in die Jackentasche, Kopfhörer auf – und so konnte man IM GEHEN Musik hören. Einfach so. Der Hammer, oder? Und man hat auch die anderen Leute nicht belästigt, denn nur ich habe AC/DC laut gehört.

Der Videorekorder. Wie wäre mein Leben ohne Videorekorder verlaufen? Da konnte man ganz spontan einen Film sehen, ohne zu warten, bis er im Fernsehen läuft. Zu jeder beliebigen Zeit. Du hast um 14:37 Uhr Bock auf Bud Spencer? Du schiebst die Kassette in den Rekorder und los geht’s. Ein Film aus der Videothek kostete eine Mark pro Tag. Wenn du ihn am nächsten Tag zurückgebracht hast und mit vier Leuten geguckt hast, kostete dich das fünfzig Pfennig. Das war Lebensqualität pur.

Der größte Fortschritt ist für mich das Internet. Finde ich Weltklasse. Eine gigantische Bibliothek. Das Geschwätz der anderen „User“ interessiert mich gar nicht. Aber ich kann meiner Neugier unbegrenzt Zucker geben, ohne meinen Hintern bewegen zu müssen. Ich muss nicht mehr das Haus verlassen, wenn ich etwas über den Russisch-Türkischen Krieg Ende des 18. Jahrhunderts wissen will. Ich kann jede Zeile von Kafka lesen, ohne im Bücherregal danach suchen zu müssen.

Ich verstehe auch das Gemecker über die Smartphones nicht. Die Leute starren nicht stumpfsinnig wie Zombies auf ihr Display. Sie checken vielleicht gerade ihr Konto, buchen einen Flug, antworten auf Nachrichten ihrer Freunde oder kaufen sich eine Kiste Bier. Wir sind ständig erreichbar – wie schrecklich! Wir sind ständig erreichbar – wie geil!

Ich könnte noch ewig so weitermachen. Moderne Kaffeemaschinen, Airbags und ABS, Saugroboter und bald sitzen wir im Flugtaxi – mit Markus Söder auf dem Weg zum Jungfernflug der Bavaria One. Das System will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf, wenn Du kommst, und es entlässt Dich, wenn du gehst. Die Zukunft wird schön.

 Spliff - Disco-Kaine. https://www.youtube.com/watch?v=rg3-gxXvoXU

 


13 Kommentare:

  1. Aha, wusste ich's doch! Jetzt sind Sie enttarnt!
    Wahrscheinlich stecken Sie auch hinter dem Terror in Wien. Das können ja nur turbo-radikalisierte Drosten-Jünger gewesen sein, die den Lockdown durchsetzen wollen.
    Fefe hat vor Kurzem auch den Drosten verlinkt, vermutlich ist er auch involviert.

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    1. Wenn man die Leute dazu bringen will, zuhause zu bleiben, muss man eben zu drastischen Mitteln greifen.

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  2. 'n MegaST. Hätte ich auch gern gehabt. Da hätte man mal Mucke mit machen können, hätte man jemanden gekannt, der Software dafür gehabt hätte. Saugroboter sind wie alle IOT-Sachen. Schrott... Können nix (außer nach Hause telefonieren), kosten zu viel und sind schwer zu entsorgen (Sondermüll, der nach Afrika verklappt wird, was wiederum Flüchtlingsströme nach sich zieht). Die No Name Walkmen waren wirklich käse seinerzeit. Aiwa und Sony waren die einzigen, die was aushielten und auch Klang geboten haben. Als Schüler ziemlich unbezahlbar. Unsere Videothek hatte je nach Film zwischen 3 und 4 Tacken pro Tag verlangt. Da auch die Geräte dafür teuer waren (obwohl VHS gerade das wesentlich besser Video 2000 abgelöst hatte), musste man halt immer irgendwo anders zum Glotzen hin, was eine Einladung voraussetzte und das Programm haben eben andere ausgesucht. Das Dorfkino war cool. Man konnte Rauchen, Saufen, Essen und bekamst das alles per Knopfdruck auch noch an den Tisch gebracht (ganz ohne Smartphone). Beim Smartphone musst Du (ausgenommen Apple) erst mal in den Entwicklermodus rein, um es überhaupt so zu präparieren, dass Du es vernünftig nutzen kannst. Ansonsten bist Du halt nur Content-Lieferant für andere. Wenn ich was über den Russisch-Türkischen Krieg Ende des 18. Jahrhunderts wissen will, weiß ich, dass ich wieder in die Bibo muss, weil entweder die Mullahs, die Russen, ein Script Kiddie oder eine Marketingabteilung gerade die Geschichte umgeschrieben haben, um anderen vorsätzlich zu schaden.

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    1. Hätte hätte liegt im Bette3. November 2020 um 17:57

      Hätte, könnte, sollte, müsste - wärste 'ne Frau, dann hätteste Brüste!

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  3. "Das war Lebensqualität pur."

    Da will ich DIR mal recht geben ;D

    Den erneuten

    "Lockdown ohne mich.
    Da bleib ich lieber zuhause."

    *Spruch aus dem Internet... hehe*

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  4. Bravo! Endlich sagt mal einer was Sache ist. Mit Kulturpessimismus braucht mir auch keiner mehr zu kommen. O Jahrhundert! O Wissenschaften: Es ist eine Lust zu leben! Ich muss nur mit den Fingerspitzen auf einem kleinen Bildschirm herumtippen, schon setzen sich in der Ferne Pizzalieferanten und Paketboten in Bewegung. Ich muss mir nicht einmal die Mühe machen, Kafka auf dem Bildschirm zu lesen. Den Prozess ziehe ich mir auf Youtube in doppelter Geschwindigkeit als Hörbuch rein, während ich Videogames zocke und weiter meinen Warenkorb befülle. Sollten Umweltkatastrophen, Seuchen und Krieg dem Spaß eines Tages doch einmal ein Ende machen, so können wir wenigstens sagen, dass wir nichts ausgelassen haben und dass wir auf der Höhe unserer Möglichkeiten abtreten. Einmal lebte ich wie Götter und mehr bedarfs nicht.

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    1. Richtig. Und ich habe auch absolut keinen Bock auf schlechtes Gewissen. Genuss ohne Reue. Das Ende kommt schnell genug.

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  5. Gut gebrüllt Löwe.
    Blöde nur, daß dieses Leben öde ist. Öde und leer.
    Ach ja, und ohne Geld ist dieses Leben auch nicht darstellbar, irgendwie muß diese Dreckpizza ja bezahlt werden.
    Und das Leute ohne diese Segnungen des Vortschritts wenigstens noch überlebensfähig sind.
    Lass mal heutige "moderne" Kinder oder Jugendliche im Wald versuchen, ein Feuer zu entzünden.
    Habe ich schon beobachtet. War klasse. Ohne app nicht machbar.
    Oder gar ohne Pappis Auto in die Schule gelangen. Ha !!!
    Kumpel von mir lebt in Brasilien, "etwas" weiter drausen. Die Kinder mussten um 5 Uhr raus, erst mal mit dem Boot bis zum Bus , dann weiter. Das sag mal so einem Wohlstandsbratzen.
    Lach mich tot.

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    1. Warum sollten Kinder im Wald Feuer machen? Wird man nur ein echter Kerl, wenn man mit dem Bus zur Schule fährt? Hast du zu viel Karl May gelesen?

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    2. Man muß kein "echter Kerl" werden.
      Davon kenne ich genügend, Messer "im Sack" und so, ne ne, das isses auch nicht.
      Aber wenn ich jeden Morgen die Kids vor der Schule aus den Autos rausrollen sehe, meistens A6, dunkelgrau, ( den gibt`s au nur in dukelgrau ), oder in meiner Straße in die Autos einsteigen sehe, meistens übergewichtig, da muß ich mir schon überlegen, was aus meiner Rente wird.....oder so.
      Aber so wird es werden, die armen Gesellschaften, die armen Länder werden uns in nicht all zu ferner Zeit einfach überholen, weil Sie vitaler, schneller, hungriger sind. Und dadurch einfach auch schlauer, weil Sie eben in der Kindheit ein Feuer gemacht haben, irgend was gebastelt haben, etwas wortwörtlich begriffen haben, wer weiß, am Ende sogar Bücher gelesen haben.
      Nicht nur irgend welche Tasten gedrückt haben.
      Und jetzt komm mir bloß nicht mit " Hast wohl Angst, das die Deutschen untergehen, die Deutsche Rasse, bla bla". Kenn Dich doch.

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    3. "Und dadurch einfach auch schlauer, weil Sie eben in der Kindheit ein Feuer gemacht haben". Das ist einfach Bullshit. Wir leben im Kapitalismus. Der dicke, kurzatmige Sohn des Fabrikbesitzers wird Fabrikbesitzer. Scheiß doch die Wand an, ob der Afrikaner "schneller, hungriger" ist. Wir sind hier nicht auf dem Sportplatz, sondern in der Realität.

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  6. Zu ersten mal so etwas wie Emotionen.
    Schön !
    Wo waren wir ? Genau, Realität. Und Kapitalismus.
    Der Kapitalismus ist gnadenlos, wer nicht vitaler, schneller und hungriger ist fällt durch.
    Der Sohn des Fabrikanten wird Fabrikant ? Inzwischen verkaufen viele Fabrikantensöhne den Scheiß, weil Fabrikant zu sein Stress und Überstunden ohne Ende bedeutet.
    Also richtig Arbeit. Da hängt man lieber irgendwo am Strand ab.

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    1. Falsches Business. Mach rüber in die Finanzen, Cum-Cum & so sind da nur Zubrote. Probiere es aus! Die gesamte deutsche IT liegt Dir dabei zu Füßen, um auch Dir zu ermöglichen, sich den Weg durch`s Perlentor zu vögeln. Viel Spaß!

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