Donnerstag, 1. Oktober 2020

Hundert Jahre Groß-Berlin

 

Am 1. Oktober 1920 wurde aus Berlin, einem beschaulichen Provinzstädtchen an der Spree, dessen Name schon im nahegelegenen Posemuckel gänzlich unbekannt war, Groß-Berlin. Mit einem Schlag katapultierte sich die völlig verwahrloste Ansammlung von Architektursünden und Spekulationsobjekten in die Weltgeschichte und galt fortan als drittgrößte Stadt der Welt nach London und New York. Durch die wahllose Eingemeindung unbevölkerter Waldgebiete wurde Groß-Berlin mit 878 Quadratkilometern außerdem nach Los Angeles die flächenmäßig zweitgrößte Stadt auf dem Globus.

Was war geschehen? Nach wochenlangen Provokationen durch den Sender Freies Berlin, der die Bevölkerung der preußischen Hauptstadt zum Sturz des Bürgermeisters Friedrich Malotzke aufgefordert hatte, beschloss die Oberste Heeresleitung unter General Wilhelm von Stummel, die Berliner Truppen zu mobilisieren. Am Morgen des 1. Oktober rollten Panzer durch das Brandenburger Tor in Richtung Charlottenburg und über den Potsdamer Platz in Richtung Wilmersdorf. Bereits um neun Uhr waren die Rathäuser beider Städte besetzt und die Stadträte in Gewahrsam genommen, alle strategisch wichtigen Straßenkreuzungen wurden von der Berliner Infanterie kontrolliert. Vor dem Café Kranzler wurden die Kapitulationsurkunden unterschrieben. Charlottenburg und Wilmersdorf waren mit sofortiger Wirkung annektiert.

Um die Mittagszeit erreichten die Berliner Truppen die Spandauer Zitadelle, die sich kampflos ergab, weil alle Wachmannschaften gerade Pause machten und ihnen für den nächsten Tag Erbsensuppe mit Bockwurst sowie zehn Fässer Bier versprochen wurden. Auch in Kreuzberg und Neukölln gab es keinen Widerstand, da es den Bewohnern egal war, an wen sie keine Steuern zahlen würden. Ihnen wurde außerdem Straffreiheit bei Drogenhandel in kleinen Mengen zugesichert. Die Leute in Köpenick, Friedenau und Reinickendorf erfuhren von der Besetzung durch Berliner Truppen erst am folgenden Tag aus der Zeitung. In Lübars und Kladow weiß man bis heute nicht, dass man zu Berlin gehört.

In Wien wurde ein obdachloser, eineiiger Postkartenmaler auf die Aktion aufmerksam. Etwa zwanzig Jahre später versuchte er dieselbe Nummer noch einmal mit Großdeutschland, scheiterte aber am Widerstand der umliegenden Gemeinden. Berlin heißt seitdem wieder Berlin und ist auch nicht mehr gewachsen. Selbst die Einwohnerzahl ist gleich geblieben. Die Stadt ist wieder so bedeutungslos und verschlafen wie vor hundert Jahren.

The Animals – We Gotta Get Out Of This Place. https://www.youtube.com/watch?v=z3KwI1GDNxw



4 Kommentare:

  1. Die Wiederkehr des blaugrünen Smaradgkäfers!

    https://helge-schneider.de/

    HALLO...OKTOBER...GRUß...nach...BERLIN*

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  2. Hieß dass Nest damals nicht Rixdorf?

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    1. Möglicherweise ist der Text an der einen oder anderen Stelle historisch ungenau ;o)

      Morgen wird es besser. Da gibt es echte Geschichte.

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