Dienstag, 6. Oktober 2020

Die Rinnsteingeschichte


Ich hatte mir schon den einen oder anderen Aperitif genehmigt. Das gebe ich zu. Dann sah ich das Restaurant. Es war so prachtvoll beleuchtet wie ein Palast, wie ein Kreuzfahrtschiff lag es in der Nacht vor mir. Da ich noch nicht zu Abend gegessen hatte, beschloss ich spontan, mir etwas Besonderes zu gönnen.

Tatsächlich gab es in der Mitte des Raums noch zwei freie Tische. Auf einem von ihnen war ein Schild mit einer Reservierung, der andere war frei. Also setzte ich mich. Alsbald kam ein Kellner, dessen piekfeiner schwarzer Anzug vorzüglich zu dem winzigen pomadisierten Schnurrbart passte. Er gab mir die Speisekarte und ich vertiefte mich in die angebotenen Genüsse.

Während ich auf den Kellner wartete, sah ich mich um. Ältere Ehepaare in Abendgarderobe. Lange Kleider, dunkelblaue Jacketts. Dazu auch ein paar junge Leute mit offenem Hemdkragen und Jeans. Am Fenster saßen eine junge Frau, die viel zu laut lachte, und ein Mann, dessen Glatze wie Tiroler Speck glänzte. Typ Erbindustrieller. Es fehlte nur noch das Monokel.

Der Kellner kam. Ich gab einen Whisky Sour in Auftrag. Ferner ein Entrecôte mit Kartoffelgratin und grünen Bohnen. Zum Essen wählte ich einen Merlot. Der Kellner nickte und verschwand. Alsbald kam der Whisky und ich vertiefte mich in die Sportnachrichten auf meinem Handy.

Kurze Zeit später kam der Kellner. Auf seinem Tablett lag nur ein gefalteter Zettel. Er überreichte ihn mir wortlos und verschwand.

Ich nahm den Zettel und las: „Bitte verlassen Sie umgehend das Restaurant. Wir bedauern die Umstände, aber der Tisch wird benötigt.“ Unterzeichnet war die Botschaft mit einem unleserlichen Gekrakel.

Ich trank den Whisky aus und winkte nach dem Kellner. Das konnte doch nur ein Scherz sein. War es einer der anwesenden Gäste, der mir einen Streich spielen wollte? Ich bin ein unbescholtener Bürger, verfüge über ausreichend Bargeld und bin nicht gerade wie ein Landstreicher angezogen. Aber der Kellner ignorierte mich.

Zehn Minuten später betraten zwei breitschultrige Männer mit kurzgeschorenen Haaren und einem Knopf im Ohr den Speisesaal. Sie setzten sich zu mir an den Tisch.

Der Ältere von den beiden kam gleich zur Sache: „Wir werden Sie jetzt nach draußen begleiten und Sie werden keine Schwierigkeiten machen.“

„Was passiert, wenn ich Ihnen Schwierigkeiten mache? Wenn ich den ganzen Laden zusammenbrülle?“ Ich wich ihren Blicken nicht aus.

„Sie verschwinden. Ist das klar?“

„Ich will erst den Grund wissen.“

„Den kennen wir selbst nicht. Hauen Sie ab!“

Ich blieb sitzen. Sie gingen.

Dann kam ein Mann im mausgrauen Dreiteiler mit weinroter Fliege und setzte sich mir gegenüber.

„Mein Name ist Helbich. Ich bin der Geschäftsführer. Bitte machen Sie keinen Skandal. Gehen Sie! Ich bitte Sie inständig. Der Whisky geht selbstverständlich aufs Haus.“

„Darf ich den Grund erfahren?“

„Am Nachbartisch erwarten wir einen sehr wichtigen Gast. Sie sehen die Reservierung. Er hat uns beauftragt, Ihnen zu sagen, dass Sie sich entfernen sollen.“

Jetzt war ich neugierig geworden. „Wer ist es?“

Der Geschäftsführer fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er kratzte sich einige Sekunden den Kopf, wischte ein paar Schuppen von seinem Anzug und sagte: „Es wäre indiskret, Ihnen den Namen zu nennen.“

„Sagen Sie mir den Namen und ich gehe auf der Stelle.“

Er zögerte einen Augenblick, dann antwortete er: „Waldemar Zinser. Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Bank.“

Waldemar Zinser! Waldi, mein alter Schulkamerad, den ich immer verprügelt habe. Jahrelang, von der Sexta bis zur Oberprima. Er hatte immer noch Angst vor mir. Dieser erbärmliche Schwächling.

Ich stand auf und ging ins Foyer. Hier war niemand, den ich kannte. Hatte Waldi mich von der Tür aus gesehen?

„Waldi, du alte Schwuchtel! Wo bist du?“ Ich schrie so laut ich konnte und lachte.

Dann packten mich die zwei Rausschmeißer an den Armen, zerrten mich vor die Tür und verpassten mir ein Tritt. Ich landete im Rinnstein, es regnete in Strömen. Ich blieb liegen und schmeckte mein eigenes Blut.

David Bowie: Knock On Wood. https://www.youtube.com/watch?v=Pf8KTeobuiM

 


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