Samstag, 10. Oktober 2020

Die Reise nach Petuschki

 

“Und ich trank unverzüglich.“

 

Moskau - Karatscharowo 

Berlin – Zentrum der Apokalypse. Berlin – Vulkan und nicht nur Hotspot. Berlin – die Corona-Erlebniswelt. Das Sodom der Pandemie, das Mekka der Seuche, das Tschernobyl der Viren. Ground Zero. Todeszone.

Ich bin im letzten Flugzeug, das Stalingrad verlassen kann. Im Hubschrauber auf dem Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon. Glücklich entronnen, aber immer noch in Gefahr. Mein Reiseziel hat ein Beherbergungsverbot gegen mich verhängt. Wäre mein Haus ein Hotel, dürfte ich dort gar nicht übernachten. Als Heimatloser verlasse ich die Hauptstadt. So müssen sich Maria und Josef gefühlt haben.

Am Hauptbahnhof wähle ich selbstbewusst den Abschnitt A auf Gleis 13. Es wird alles gut. 13? Ich bin nicht abergläubig. Ich habe ein Upgrade für die 1. Klasse. Dort gibt es kein Corona, nur glückliche und erfolgreiche Menschen. Aber ich habe vergessen, wie zermürbend und perfide die Strategie von Scheuer Travels sein kann. Die Wagenreihung als fröhliche Lotterie. Falsches Spiel mit Roger Rabbit.

Ich bleibe – wie immer – in der 2. Klasse, habe jedoch das Trumpfass eines Sechserabteils ganz für mich allein. Ich lege die Schutzmaske ab und breite mich flächendeckend mit Gepäckstücken, Bekleidung, Keksen und Getränken aus. Als die Schaffnerin kommt, setze ich die Maske wieder für einen Augenblick auf. Sie lächelt verständnisvoll und ermahnt mich nicht. Sicher und gesund rolle ich dem Rhein und neuen Abenteuern entgegen.

 

Karatscharowo - Tschuchlinka

Alles beginnt mit einem winzigen Hund. Er liegt am Rande des Ganges (keine Witze!) im Regionalexpress. Seine Besitzerin, die ihre Maske lässig unter dem Kinn trägt, ist eine ältere Dame, die an einem Vierertisch links neben mir sitzt. Eine Frau um die fünfzig mit Kurzhaarfrisur und einen riesigen Rucksack kommt vorbei und tritt dem Hund offenbar auf die Pfote. Der Hund schnappt zu.

„Ihr Hund hat mich gebissen.“

„Das kann nicht sein.“

„Er hat mich gerade gebissen.“

„Vielleicht haben Sie ihn getreten.“

„Das kann nicht sein.“

Nach einer Weile versiegt dieser Dialog. Die Frau mit dem Rucksack ist offenbar nicht schwer verletzt und ich muss nicht in einem Prozess aussagen, in dem es um schwere Körperverletzung oder Tierquälerei geht. Die Rucksackfrau geht weiter und findet direkt ein neues Opfer für ihren Zorn. Ein Mann in meinem Alter, den ich zwischen den Sitzen gut sehen kann, trägt die Maske ebenfalls unter dem Kinn.

„Setzen Sie sofort die Maske auf.“

Der Mann reagiert nicht.

Sie bleibt vor ihm stehen. „Setzen Sie die Maske auf!“

Der Mann beginnt zu quengeln. „Aber ich bekomme keine Luft.“

Jetzt springt aus dem Hintergrund eine andere Frau auf. „Sie müssen die Maske aufsetzen.“

„Danke“, sagt die Rucksackfrau. „Endlich unterstützt mich mal jemand.“

Wahrlich, ich sage euch: Wo zwei Deutsche einer Meinung sind, da lasse dich nieder.

Die zweite Frau baut sich vor dem Mann auf. „Ich hole jetzt den Schaffner. Entweder Sie setzen die Maske auf oder Sie müssen den Zug verlassen.“

Keine Reaktion.

Sie geht ein paar Schritte weiter und dreht sich noch mal um. „Setzen Sie die Maske auf! Ich hole jetzt den Schaffner.“

Der Mann gibt nach und zieht sich die Maske über Mund und Nase.

Fünfzehn Minuten später: Die Rentnerin mit dem winzigen Hund trägt die Maske jetzt auch vorschriftsmäßig, sieht aber, dass der Mann die Maske unter die Nase gezogen hat.

„Er hat die Maske nicht richtig an“, ruft die alte Petze.

Wie von der Tarantel gestochen springen die beiden anderen Frauen auf und reden wieder auf den Mann ein. Die Drohung mit dem Schaffner wird wiederholt, ein letztes Ultimatum wird gestellt. Der Mann zieht die Maske wieder über die Nase.

An der nächsten Station steigt eine junge Frau mit Kopftuch ein. An ihrem Platz nimmt sie die Maske ab und beginnt, ein Brötchen zu essen. Die zwei Furien sind sofort bei ihr und befehlen ihr, die Maske anzuziehen. Eine weitere Frau, die bisher nicht zu hören gewesen war, mischt sich ein. Das Essen und Trinken im Zug sei erlaubt, man dürfe die Maske absetzen. Eine hochemotionale Debatte beginnt, endlich fällt unter den Kombattanten mein Lieblingssatz: „Das ist so typisch deutsch“. Die Frau, die einen durchaus korrekten Einwand formuliert hat, wird als Besserwisserin beschimpft und verlässt daraufhin beleidigt den Wagen, um sich einen neuen Sitzplatz zu suchen.

In Mainz steigen alle Frauen und der Hund aus. Der Mann zieht sich erleichtert die Maske vom Gesicht. Das wird noch ein heißer Winter, so viel ist klar.

 

Tschuchlinka - Petuschki

Ich warte auf die Regionalbahn, mit der ich die letzten Kilometer absolvieren werde. Auf der Bank neben mir sitzt ein junger, rothaariger Mann und baut sich einen Joint. Erst denke ich, er telefoniert, aber dann bemerke ich, dass er leise ein Selbstgespräch führt. Immer wieder spricht er über Straftaten, ohne auf konkrete Fälle einzugehen. Es geht um Frauen und seine Rolle als „Stammspieler“. Aus dem Hintergrund höre ich die harten Kehllaute arabischer Männer. Alles wie in Berlin. Ich war weg, um wieder da zu sein.

„Wohin? Diese endlose Fahrt - wohin?“

The Human League - Being Boiled. https://www.youtube.com/watch?v=I_NStTkSRQw

                                         Nach meiner Abreise versank die Hauptstadt im Chaos.

 

6 Kommentare:

  1. „Hallo Schatz, sitze mit den Jungs in der Kneipe.
    Hier hat einer gehustet und jetzt ist alles hier abgeriegelt.
    Komme dann in 14 Tagen nach Hause. Macht Euch keine Sorgen, mir geht es gut.“

    apropos... Quarantäne

    „Liebe Mitbürger, dass Sie in Quarantänezeiten mit ihren Haustieren reden, ist völlig normal. Deswegen müssen Sie sich nicht bei uns melden. Eine fachliche Hilfe sollten Sie erst aufsuchen, wenn diese Ihnen anfangen zu antworten!“

    Besten Dank, Ihre überlasteten Psychiater und Psychotherapeuten.

    *TJA... schwierigeZEITEN***

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    1. Von mir aus kann die zweite Welle kommen. Ich bin in meinem Häuschen am Dorfrand und gerade hat mir eine Lieferfahrerin mit Schutzmaske fünf Kisten Wein vor die Tür gestellt. Sie sagte, wenn man für Amazon arbeitet, bräuchte man kein Fitnessstudio.

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  2. Fünf Kisten, sechzig Flaschen. Das war Goethes Weinverbrauch bei seinem dreissigtägigem Aufenthalt in Karlsbad. Die Rechnungen sind erhalten.

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    1. Erstaunlich, wie exakt sich der Verbrauch meines verblichenen Kollegen mit meinem deckt. Zwei Flaschen pro Tag. Ein geringer Preis für die segensreiche Tätigkeit der Dichter und Denker.

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  3. Wo verschwinden meine Kommentare bitteschön? Saufen Sie nicht so viel!!

    Ich bin ein Säufer, bitte, nicht so schlimm wie Sie. Hihi. Der Text ist mir aber beinah etwas zu lang (Konzentrationsspanne bei mir leider verengt!). Aber nach Petuschki fahre ich mit Ihnen und Frau Mühlstein gerne - und auch allein fahre auch. Denn dort erwarte ich meine Geliebte, seit 20 Jahren. Schade. Ich hasse HUNDE. Thiere überhaupt! - Seit 20 Jahren!! Petuschki!!

    Ich stinke? Trotzdem kann man mein Geschreibsel veröffentlichen!

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  4. Haben die jetzt eigene Ü-Wagen...? ^^^

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