Freitag, 2. Oktober 2020

Berlin bei Nacht


Es gibt Menschen, die nach Berlin fahren, um sich die sogenannten Sehenswürdigkeiten anzuschauen, die man im Baedeker findet. Die Kulissen, die einmal Geschichte gemacht haben, die Fassaden der Vergangenheit, die „Meilensteine der Langeweile“, wie Curt Moreck sie in seinem Buch „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin“ aus dem Jahre 1931 nennt. Es gibt aber auch Menschen, die in das Leben dieser Stadt eintauchen wollen, die den Tag den gewöhnlichen Touristen überlassen, die das Brandenburger Tor fotografieren möchten, und sich in der Nacht ins Abenteuer stürzen, wenn der Baedeker-Leser längst in seinem Hotelbett liegt.

In der Weimarer Republik hat sich das Epizentrum des Vergnügens von der Friedrichstadt in Mitte in die West-City verschoben. „Der Kurfürstendamm ist die jugendlichste Straße Berlins, die frische Blutader des neuen Westens“. Der kilometerlange Boulevard, der von der Gedächtniskirche in die Villenviertel des Grunewalds führt, ist die Flaniermeile, hier gibt es feine Restaurants, Lokale und große Kinos.

Das Viertel bietet internationale Gastronomie: österreichische, italienische, russische, ungarische, jüdische, japanische und chinesische Küche – letztere vorwiegend auf der Kantstraße, wo sie auch heute noch zu finden ist. In der Joachimsthaler Straße, nahe am Ku’damm, hat mit dem Quick das erste amerikanische Fast-Food-Restaurant eröffnet.

Gegenüber der Gedächtniskirche, wo heute das Europa-Center steht, liegt das Romanische Café. „Es ist das Asyl der Berliner Bohème, seit Untergang des Café Größenwahn einzige Zuflucht aller auf- und untergegangenen Künstler, aller zentralen und peripheren Existenzen des geistigen Lebens." Hier kann man Schriftstellern und Journalisten bei der Arbeit zuschauen. 

Das Dolce Vita beginnt aber mit dem Tanztee. Was zunächst langweilig klingt, ist ab fünf Uhr nachmittags der Einstieg in den Abend mit Jazzkapelle und Sekt, mit Tanz und Gelächter. Man läuft sich warm für die Nacht. In den Mokka-Dielen, die über Separees verfügen, deren Vorhänge sich schließen lassen, treffen sich die unverheirateten Paare. In den Knutschlogen, in denen natürlich nicht nur Mokka getrunken wird, plant man die nächsten Etappen.

Wenn es Nacht wird in Berlin, geht es ins Kino oder ins Restaurant – und danach in die Tanzpaläste. „Der Tanz ist die Quelle eines Lustgefühls“, schreibt Moreck. Berühmt sind das Casanova, das Delphi und das Femina. Letzteres gilt als „Geburtsstätte des Tischtelephons“. Wer es nicht wagt, an den Tisch einer Dame oder eines Herrn zu treten und um einen Tanz zu bitten, ruft einfach an. Oder verschickt romantische Botschaften per Rohrpost. „Große Spiegelkugeln, von bunten Scheinwerfern angestrahlt, drehen sich an der Decke“ – selbst die Discokugel war schon erfunden.

Im Haus Vaterland am Potsdamer Platz hat man sich auf Themenrestaurants und –bars spezialisiert. Deutschland ist mit den Rheinterrassen für den Weinliebhaber und einer bayrischen Bierstube vertreten, es gibt ein türkisches Lokal, eine spanische Bodega, ein Wiener Beisl, ein ungarisches Restaurant und einen Saloon wie im Wilden Westen. Schwule können zwischen etwa achtzig Lokalen wählen, wo sie sich treffen können, ohne von der Polizei oder Spießbürgern behelligt zu werden. Die Lesben haben etwa gleichviel Bars zu bieten, viele sind in der Bülowstraße und Umgebung. Berlin hat selbst Nacht-Badeanstalten zu bieten. Die sucht man 2020 vergebens.

Zentren der Berliner Unterwelt, der Prostitution und der entsprechenden Nachtlokale, Bordelle und billigen Absteigen sind der Alexanderplatz, der Stettiner Bahnhof (heute: Nordbahnhof) in der Invalidenstraße, der Schlesische Bahnhof (heute: Ostbahnhof) am Stralauer Platz (Friedrichshain) und ihre Umgebung. Hier trifft sich das Berliner Volk, Touristen und Gäste aus dem bürgerlichen Westen der Stadt verirren sich nur äußerst selten in diese Spelunken. Beispielsweise ins „Sing Sing“, das im perfekten Knast-Look eingerichtet ist und in dem das Orchester Gefängniskleidung trägt.

P.S.: Moreck beschreibt auch „ältere Herren mit bourgeoisem Embonpoint“. Das bedeutet Wohlbeleibtheit. Selbst die Übersetzung ins Deutsche ist an schmeichelhafter Höflichkeit nicht zu übertreffen. Daran können sich heutige Autoren ein Beispiel nehmen.

https://www.youtube.com/watch?v=imCuu6p8dvw


1925: Das erste Mobiltelefon von Krupp kommt auf den Markt. Es wiegt stattliche zwölf Kilogramm.

2 Kommentare:

  1. Schlachtenbummler3. Oktober 2020 um 10:19

    Mir gefallen an Berlin die immer noch sichtbaren Spuren der Schlacht um Berlin.
    Die zerschossenen Fassaden, vor allem in den Querstraßen von Unter den Linden hat man gespart, nur vorne wurde renoviert.
    Auch das alte Museum und der Lustgarten sehen immer noch herb aus.
    Zum Glück muß ich nicht in Berlin leben.

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  2. "Haste mal 2 Groschen zum Telefonieren?" Das waren noch Zeiten. Das waren noch Groschen. Und nachwerfen nicht vergessen.

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