Freitag, 28. August 2020

Wir sind Millionen

 Heute ist der große Tag. Samstag, der 29. August. Der Tag, der die Welt verändern wird. Berlin, Stadt der Bewegung. Zehn Millionen Menschen werden sich heute treffen, ein Fanal für die Freiheit des Menschen, für den Kampf gegen das Joch der Tyrannei.

Schon um acht Uhr bin ich am Frankfurter Hauptbahnhof. Keine trägt eine Schutzmaske. Offene Gesichter. Glänzende Augen. Menschen voller Erwartungen. Der Zug fährt ein. Wir setzen alle unsere Masken auf und steigen ein.

Ich nehme meinen reservierten Platz am Gang ein. Den Rucksack stelle ich auf den Fensterplatz. Meine Größe und mein Leibesumfang sind wie ein Schild. Keiner wird es wagen, den Platz neben mir einnehmen zu wollen. Der Zug ist ohnehin nicht voll, wie ich zu meiner Überraschung feststelle.


Erleichtert nehme ich die Maske wieder ab. Einige fassungslose Blicke, ein älterer Herr mit Pepita-Hut und Deutschlandflagge lächelt mich schüchtern an. Keiner sagt etwas. Ich klappe das Tischchen herunter, hole meine Thermoskanne mit Kaffee aus dem Rucksack und trinke genüsslich eine Tasse.

Als nächstes nehme ich mir ein paar Cracker vor. Solange man isst und trinkt, darf man im Zug die Maske abnehmen. Ich habe auch ein Stück Manchego und ein Stück Schwarzwälder Schinken dabei. Natürlich dürfen das Schneidebrett und das Küchenmesser nicht fehlen. Auf jeden Cracker lege ich winzige Scheiben Käse und Schinken.

Danach komme ich zum ersten kulinarischen Höhepunkt: ein halbes Huhn. Langsam und mit großer Konzentration wird jedes Knöchelchen abgenagt. So ein Huhn ist eine zeitraubende Angelegenheit. Inzwischen habe ich auch das Tischchen am Fensterplatz heruntergeklappt, um mehr Platz haben.

Eine Flasche Chablis und ein Kunststoffbecher mit Ramones-Motiv leisten mir Gesellschaft, als wir nach einer Stunde Hanau erreichen. Ich proste der Schaffnerin zu, die unsere Fahrkarten kontrolliert. Ich bin Bahncard 100-Kunde, also gehöre ich praktisch zur Familie. Ein wohlwollendes Lächeln und sie geht weiter.

Inzwischen habe ich auch einen Teller und Besteck ausgepackt. Es folgt der zweite kulinarische Höhepunkt. Schweinekrustenbraten mit Kartoffelsalat. Sorgfältig kaue ich jeden Bissen. Köstlich! Der Chablis ist inzwischen fast leer, aber ich muss mir keine Sorgen machen. Mein Rucksack ist unerschöpflich wie das Tischlein-deck-dich.

Ich muss eingeschlafen sein. Wir sind schon in Erfurt. Ich trinke eine Tasse Kaffee, dann nehme ich den nächsten Gang ein. Weintrauben, frisches Baguette und Brie. Aus einer Tupperdose zaubere ich zum Abschluss noch ein Stück Zitronenkuchen. Den Rest der Fahrt verbringe ich mit zwei Flaschen Tegernsee Hell.

Auf dem Berliner Hauptbahnhof angekommen warte ich, bis alle Reisenden an mir vorüber sind. Ich räume die Abfälle zusammen und werfe sie in den Mülleimer neben der Toilette. Dann verlasse ich den Zug. Viele Menschen strömen zum Ausgang Richtung Spree, um zu Fuß zum Brandenburger Tor zu gehen. Diese Narren.

Ich nehme den Ausgang Richtung Straße und steige in ein Taxi. Ich fahre zu meiner Wohnung in der Nähe des Ku’damms. Jetzt brauche ich eine oder zwei Stunden auf der Couch. Eine wohlverdiente Erholung nach dieser opulenten Bahnfahrt. Sollen die Leute doch gegen die Schutzmasken demonstrieren. Was geht es mich an? Ich bin heute Abend mit einer Freundin in einem indischen Restaurant verabredet. Da muss ich wieder fit sein.  

Robert Palmer - Mercy Mercy Me / I Want You (Medley). https://www.youtube.com/watch?v=1q77P4mXnPQ



 

Kommentare:

  1. Es gibt Leute die werden vom Staat bezahlt um ihm die Füße zu küssen, und dann gibt es
    solche die machen es ganz umsonst.

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  2. Wir sind ein Idioten-Club und laden herzlich ein,
    ein jeder ist da gern gesehn, nur blöde muss er sein.

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  3. Vielleicht ist es das beste, die ganze Aufregung zu ignorieren und ein gutes Essen zu genießen.

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  4. Verteilen Zugbegleiter auch kleine Pfefferminzblätttchen an die BC100 Kundschaft?

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    1. Nur in der 1. Klasse. In einigen Wochen komme ich wieder in den Genuss kostenloser Süßigkeiten und Tageszeitungen.

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  5. Die Demo findet statt! Armes Berlin. Muslime, Juden, BIPOC und LGBTQIA sollten morgen die Innenstadt meiden.

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  6. @Mitesser : Welche Aufregung ?
    @Kiezschreiber: Hast Du schon gegen das neue Weingesetz demonstriert ? Kein Kabinett, keine Spätlese mehr ?

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    1. Hier gibt es nur zwei Weingesetze:

      1. Er darf in meinem Haus nicht alle werden.

      2. Es wird nur unterschieden zwischen "Schmeckt" und "Schmeckt nicht".

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  7. Darauf einen Piesporter Nierentritt.

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