Sonntag, 9. August 2020

Lost in transition


Die klassische Biographie eines Linken läuft so:

Als Schüler und Student nimmt er sich vor, kein Zahnrad im „System“ zu werden wie seine Eltern. Das funktioniert sehr gut, solange er seine Existenz nicht selbst über eine Erwerbstätigkeit finanzieren muss. Sobald er Miete und Rechnungen bezahlt, schließt er einen Kompromiss mit dem verhassten System und wird ein fleißiger Arbeitnehmer bzw. ein braver Steuerzahler. Tief in seinem Inneren bewahrt er sich aber die Rolle des Dissidenten, der insgeheim gegen das System opponiert.

Jetzt kommt die Moral ins Spiel. Er rettet seine Selbstachtung mit vegetarischer Ernährung, Yoga, Online-Petitionen, Goa statt Malle und einem schwedischen Hybrid-Kleinwagen mit Greta-Aufkleber. „Ich bin anders“ – das ist sein Mantra. Daran klammert sich der Ex-Linke, der die Linken wählt, zusammen mit den Grünen die Partei aller Ex-Linken, der an das Gute glaubt und seine Kinder auf die Montessori-Privatschule schickt, der selig lächelnd in seiner esoterischen Globuli- und Reiki-Scheiße aufgeht, weil ihn das alles von der Ausgangsfrage seiner Jugend ablenkt und ihm ein „gutes Gefühl“ gibt.

Wie alle Linken tut er regelmäßig Buße in Form aufrichtiger Selbstkritik. Gerne vor anderen Linken. Er bekennt sich für einen Augenblick zu seiner Mitschuld an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Ein neuer Knoten in der Peitsche des modernen Flagellanten ist die eigene Hautfarbe, denn der Linke ist in der Regel weiß und daher ein Rassist, der sich durch Selbstkasteiung zu seinen Privilegien als Weißer bekennen muss – bis auch das irgendwann zu einem Ritual wird wie der Fairtrade-Kaffee am Morgen und die Tofu-Wurst am Abend.

Als Null ist er endlich eins mit der Welt.

Blondie – Maria. https://www.youtube.com/watch?v=IwodQdM4hvk

Wahre Linke lesen Bonetti. Ausschließlich und jeden Tag Bonetti.

 

Kommentare:

  1. Herrgoless, wie dann ?
    Dicken SUV fahren, damit die Kinder jeden Tag in die Schule oder, wie es Bekannte von mir praktizieren, zum Ferienjob karren.
    Tönnies Fleisch fressen, 2 mal im Jahr in Urlaub jetten.
    Oder gleich auf Malle leben und täglich nach Deutschland jetten, es gibt solche Leute, man sollte es nicht glauben.
    Um sich das alles leisten zu können in der Finanz"Wirtschaft" arbeiten, mit Lebensmittel spekulieren, damit in Afrika das Getreide auch ordentlich teuer wird.
    usw. Die Beispiele sind manigfaltig. Einfach leben als ob es keinen morgen gibt.
    Klar, macht Spaß. Dann auch gleich noch die Mitarbeiter in der Fa. mobben.
    Also ein richtiges Arschloch sein.
    Ohne mich.
    Klar, es ist leicht, sich über diese Salonlinken zu erheben und von einer selbstgewählten höheren Warte aus mit Affenscheiße nach unten zu werfen.
    Ist aber irgendwie auch erbärmlich.

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    1. Klar, macht Spaß.

      Ich lese da nichts was mir 'Spaß machen' würde.

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    2. Der Mehrheit macht das Spaß oder würde es machen, so Sie die Möglichkeit hätten.
      Womit das Problem ja schon recht umfassend beschrieben ist.

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  2. Kein Auto. Keine Flugreisen. Kein Billigfleisch. Kein Arbeitsplatz in einem kapitalistischen Betrieb. Keine Aktienspekulation. So kann man auch leben. Ich praktiziere das seit vielen Jahren.

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