Mittwoch, 12. August 2020

Das Grab der Schatten

Jedes Buch hat sein eigenes Schicksal und es hat die Macht, das Schicksal seiner Leser zu verändern.

***

„Die Bibliothek schließt in zehn Minuten.“

Die Stimme aus dem Lautsprecher hatte einen beruhigenden Klang, aber er geriet augenblicklich in Panik. Den ganzen Nachmittag hatte er recherchiert und nichts erreicht. Er ging noch einmal zum Regal mit den Atlanten. Aber nirgendwo war ein Ort namens Flaschenhals verzeichnet. Hatte der alte Mann ihn belogen? Auf dem Sterbebett? Seine Frau hatte ihn angerufen und angefleht, sofort zu kommen. Der Mann konnte kaum noch flüstern, als er an seinem Bett stand. Flaschenhals sei ein Land, sagte er ihm. Zorn. Immer wieder: Zorn. Dort sollte er suchen. Zwischen Amerika und Frankreich. Dort hätte er die Kriegsbeute versteckt. Offensichtlich war er im Delirium. Im Keller der Kirche müsse man suchen. Von dort aus ginge ein Geheimgang in eine Höhle.

Welcher Zorn? Der Zorn Gottes? Der Zorn der beraubten Menschen? Wovor hatte er Angst? Zwischen Amerika und Frankreich ist viel Platz. Die Frau hatte ihm erzählt, sie seien beide in Katzenelnbogen geboren. War das ein Wortspiel? Er verstand gar nichts. Vielleicht sollte er die ganze Sache einfach aufgeben.

Als er die Bibliothek verließ, stand auf der anderen Straßenseite ein Mann in einem dunklen Trenchcoat. Wurde er beobachtet?

***

Als er die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, blieb er einen Augenblick stehen. Im Flur lagen leere Weinflaschen. Er ging in sein Schlafzimmer. Das Bett war völlig zerwühlt, der Schrank war offen und seine Kleidung lag wild zerstreut auf dem Boden. Die Schublade seines Nachtschränkchens war geöffnet. Er ging ins Wohnzimmer. Das Sofa war aufgerissen, an einer Stelle quoll die Füllung hervor. Auf dem Tisch das reinste Chaos, zerfledderte Papiere, leere Pizzakartons, Gläser, Flaschen. Der Boden war mit Müll, Zeitungen und Bücherstapeln übersäht. Im Bad und in der Küche sah es nicht anders aus. Waren Einbrecher in seiner Wohnung gewesen, um die Ergebnisse seiner Recherchen zu suchen? Nein, alles war wie immer. Chaos, Dreck, Hoffnungslosigkeit.

Er setzte sich an den Computer. Da er mit dem Begriff Flaschenhals nicht weitergekommen war, probierte er es mit Zorn. Vielleicht war ja nicht das Gefühl gemeint, sondern etwas anderes. Da gab es zum Beispiel den General Eberhard Zorn, den Heimatforscher Richard Zorn oder den Chemiker Hermann Zorn. Aber ihre biographischen Angaben bei Wikipedia führten ihn nicht weiter. Zorn war auch ein Fluss, der durch Lothringen und das Elsass floss. Immerhin ein Bezug zu Frankreich. Dann fand er das Dorf Zorn im Taunus und schaute es sich auf Google Maps an. Katzenelnbogen lag unmittelbar in der Nähe. Also gab es den Ort wirklich.

***

Am nächsten Morgen saß er im Zug nach Wiesbaden. Von dort würde er mit dem Bus weiterfahren. Das winzige Dorf mit seinen vierhundert Einwohnern war von 1919 bis 1923 Teil des Freistaates Flaschenhals gewesen, einem schmalen Streifen zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone mit kaum zehntausend Einwohnern. Niemand fühlte sich für dieses Gebiet zuständig und so war es gezwungen, sich selbst zu verwalten. Es gab sogar eigene Geldscheine.

Aber der alte Mann, der ihm sein Geheimnis zugeflüstert hatte, konnte zu dieser Zeit unmöglich einen Schatz versteckt haben. Das war hundert Jahre her. Hatte er das alles nur geträumt? Warum hatte ihn die Ehefrau des Alten überhaupt angerufen? Woher kannten sie ihn? Hatten ihm Alkohol und Drogen einen Streich gespielt? Hatte er etwas gelesen und am nächsten Morgen für die Wahrheit gehalten? Er erinnerte sich nur noch, dass er mittags auf dem Sofa aufgewacht war und direkt in die Bibliothek gegangen war.

Als er am frühen Nachmittag aus dem Bus stieg, waren die Straßen des Dorfes menschenleer. Es nieselte und der Himmel hing grau über den hässlichen Häusern Zorns. Die Kirche hatte er schnell gefunden. Er war an der Haltestelle „Zum Pfarrgarten“ ausgestiegen. Ein klobiger, scheunenartiger Bau, weißgestrichen, mit einem dicken Turm, an dem eine Uhr angebracht war. Er war kurz vor seinem Ziel, aber die Tür war verschlossen. Er ging um die Kirche herum. Nichts zu machen.

An der Hauptstraße lag das „Gasthaus zum Taunus“. Hier würde er fragen, ob man die Kirche besichtigen könne. Er setzte sich an einen Tisch und wartete auf dem Wirt, der gerade ein Bier zapfte. Er sah sich um. An einem Tisch spielten ein paar Bauern Karten. Dann sah er den Mann, der allein in einer düsteren Ecke neben dem Tresen saß. War das der Mann, der vor der Bibliothek gestanden hatte? Er war sich nicht sicher.

Was ist die Wahrheit? Was ist nur Erzählung? Warum war er in der Bibliothek? Er hätte sich doch gleich an seinen Computer setzen können. Die Dämmerung brach unerwartet früh herein.

J.J. Cale – New Lover. https://www.youtube.com/watch?v=c65MjDNLERU


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