Sonntag, 5. Juli 2020

Flatter – ein Nachruf oder ein Neubeginn?


Ja, das war abzusehen. Der junge Kollege, vor vielen Jahren und tausenden Texten so hoffnungsvoll gestartet, ist intellektuell und rhetorisch am Ende der Klopapierrolle angelangt (Fahnenstange wäre zu viel der Ehre, wenn das Schiff längst auf Grund gelaufen ist). Vor fünf Jahren hatte ich ihm noch ein bezahltes Praktikum in der Bonetti Content Factory angeboten, aber er hat hochnäsig abgelehnt. Dabei hätte er nur zweitausend Euro pro Monat zahlen müssen (#lehrgeld #qualitymatters). So geht es denn dahin, das Haus des Agamemnon …

Lektion 1: Die Überschrift
Hast du dir mal deine Überschriften angeschaut?
Wie löst Meister Bonetti diese Aufgabe? Mit Leichtigkeit. Eleganz. Und immer die Zielgruppen im Auge behalten. Mal appelliert er ans Gefühl („Abschied von Delmenhorst“), mal an die Sensationsgier („Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Merkel“) der Leser. Hier einige Überschriften der Texte für nächste Woche, die selbstverständlich schon fertig sind, während andere offenbar kein Material in petto haben:
„Entscheidung im Nordatlantik“ (spricht Männer an)
„Vier Samtpfoten für Colonel Clickbait“ (spricht Frauen an)
„Liberté – Banalité – Achherrjé“ (spricht Titanic-Leser an)
Du hast zehn Sekunden, um den Leser in den Text hineinzuziehen. Die Überschrift und den ersten Satz. Da muss jede Kugel sitzen, Sportsfreund!
Hast du dir mal deine Überschriften angeschaut?
„SPD“ – „Burnout“ – „Das Ende“ – „Gruppen ‚definieren‘“. Das will doch kein Schwein lesen.

Lektion 2: Der erste Satz
Meister Bonetti, der seit Jahren nur noch in der dritten Person von sich spricht („ein Meter fünfzig Mindestabstand!“), hat eine sehr einfache, aber raffinierte Methode. Er beginnt mit einer steilen These, die eigentlich völlig wirr ist. Beispiel aus dem heutigen Blogpost:
„Es gibt keinen Punkt außerhalb unserer technisierten Welt, von dem aus man Kritik üben könnte, keine unmittelbare Erfahrung, die über den flüchtigen Augenblick hinausgeht.“
Klingt richtig cool, oder? Derrida meets Loriot. Habe ich mir einfach so aus dem Arsch gezogen. Woher soll ich was über unmittelbare Erfahrung wissen? Dazu müsste ich das Haus verlassen. Um das Haus verlassen zu können, müsste ich mir eine Hose anziehen. Also lasse ich es und springe einfach mit einem dreifachen Salto in den Text. Ergebnis: Die Leute lesen den Mist tatsächlich bis zum Ende.
So läuft, das Geschäft, Alter! Die Clickrate ist die Wahrheit. Sonst gar nichts. Deswegen antworte ich auch nicht in deinem Kommentarbereich, sondern in meinem Blog.

Lektion 3: Der ganze verdammte Rest
Es wäre noch so viel zu sagen. Struktur. Spannungsbogen. Wortschatz. Nutzung unterschiedlicher Textformate. Dramaturgie. Und ein Ende mit BÄMM. 


Trommelwirbel - Tusch - BÄMM in your face (Symbolbild).

6 Kommentare:

  1. Kaum ist die Ernte einer Erfahrung glücklich eingebracht, so wird der Acker vom Schicksal neu umgepflügt.

    Johann Nestroy

    ... Erfahrung ist eine verstandene Wahrnehmung.

    Immanuel Kant .

    Am Abend wird man klug
    für den vergangenen Tag,
    doch niemals klug genug
    für den, der kommen mag.

    Friedrich Rückert

    Nur heute - am Internationaler Tag des Kusses 2020
    - 6 Mo - herzlichen Wochenstart-KNutscher dalass... schmatz ;)

    *alsLEKTION...1und2und3*

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  2. Hatta dich wieda angemacht ??
    Herrje, nich so dünnhäutig sein !
    Na gut, "zwielichtige Gestallt".
    Aber das adelt Sie doch !

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    1. Es ist nur ein kleiner Zeitvertreib unter Kollegen, an dem sich die Rübenbauern in Kleinbloggersdorf des Abends ergötzen dürfen. Das solltest du nicht ernst nehmen. Ich warte doch nur darauf, dem abtrünnigen Lustknaben meiner Haushälterin mal wieder das Gesicht in den Staub zu drücken ;o)

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