Donnerstag, 23. Juli 2020

Die Zaubermünze


Gelegentlich erzählt der alte Bonetti seinen Enkelkindern eine Geschichte zum Einschlafen. Heute hat er die Geschichte von der Zaubermünze mitgebracht:

Es war einmal eine kleine, schmutzige Kupfermünze. Sie lag im Rinnstein und niemand beachtete sie. Der reiche Herr Wolff sah sie, wollte sich aber wegen eines einzigen Pfennigs nicht bücken. Da kam der arme Herr Schneider des Wegs. Er hob die Münze auf und steckte sie in seine Brieftasche.

Am nächsten Morgen wachte Herr Schneider auf. Er war hungrig, aber es war Monatsende und er hatte kein Geld. Traurig schaute er in seine Brieftasche, wo doch nur die kleine Kupfermünze sein konnte, aber zu seinem Erstaunen war die Brieftasche prall gefüllt mit Geldscheinen. Er ging in ein Kaffeehaus und frühstückte wie ein Fürst, dann ging er in den Supermarkt und kaufte so viele leckere Sachen, wie er tragen konnte. Jetzt war die Brieftasche wieder leer – bis auf die Kupfermünze.

Am nächsten Morgen wiederholte sich das Spiel und so ging es jeden Tag weiter. Herr Schneider kündigte seine Stelle als DHL-Fahrer und lebte glücklich und zufrieden. Bald kannte das ganze Dorf die Geschichte. Das gefiel seinem Nachbarn, dem reichen Wolff, nicht. Der Wolff beschloss, die Münze zu stehlen. Also kletterte er in der Nacht durch das Fenster von Herrn Schneiders Haus. Er fand die Brieftasche auf dem Nachttisch, der arglose Besitzer schlief tief und fest und bemerkte nichts.

Der Wolff steckte die Münze in seine Brieftasche und wartete ein paar Stunden. Als er die Brieftasche wieder hervorzog und hineinsah, waren sämtliche Geldscheine verschwunden. Nur die kleine Kupfermünze war geblieben. Das gibt es doch nicht, sagte er sich, und packte seine gesamte Barschaft in die Brieftasche. Dann fuhr er in die Stadt, weil er sich eine neue Rolex kaufen wollte. Im Uhrengeschäft suchte er sich das neueste Modell aus und zog die Brieftasche hervor. Aber sie war leer!

Da ging er aus dem Geschäft und warf die Brieftasche in den Fluss. Und dort liegt die Zaubermünze noch heute.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen, liebe Kinder? Geld ist weder gut noch böse. In den Händen eines guten Menschen kann es Gutes bewirken, in den Händen eines schlechten Menschen kann es Schlechtes bewirken.

Da riefen die Kinder: „Noch eine Geschichte!“

Also gut:

Es war einmal eine Frau mit drei kleinen Kindern. Ihr Mann war Zigaretten holen gegangen. Das war jetzt drei Jahre her. An diesem Tag wollte sie die Großmutter im Nachbardorf besuchen, die Geburtstag hatte. Sie würde erst gegen Abend wieder zurück sein und darum schärfte sie ihren Kindern ein, auf keinen Fall die Tür aufzumachen, egal was geschehen würde. Dann machte sie sich auf den Weg.

Ein böser Versicherungsvertreter sah, dass die Mutter das Haus verlassen hatte, und schlich heran. Er klopfte an die Tür.

„Wer ist da?“ rief Schantalle, die Älteste, durch die Tür.

„Ich bin ein Clown. Eure Mutter schickt mich, damit ihr Spaß haben könnt.“

Schantalle holte sich einen Stuhl und blickte durch den Türspion. „Warum hast du dann einen grauen Anzug an?“

Der Versicherungsvertreter setzte sich schnell eine rote Clownsnase auf. „Ich kann euch einen guten Witz erzählen.“

Schantalle blieb misstrauisch. „Warum hast du einen Aktenkoffer dabei?“

„Da sind Süßigkeiten drin“, sagte der Vertreter.

„Und warum hast du so ein großes Maul und so scharfe Zähne?“

„Damit ich euch besser fressen kann!“ schrie da der böse Versicherungsvertreter und hämmerte wie ein Besessener mit beiden Fäusten gegen die Tür.

Aber da schliefen Bonettis Enkelkinder schon.

Orange Juice - Falling and Laughing. https://www.youtube.com/watch?v=Cdp6iBgDUpM


                                                 Versicherungsbranche (Symbolbild).


4 Kommentare:

  1. ... ich bin noch NICHT eingschlafen ;)
    Bitte weitererzählen und dann ... noch eine Geschichte ;))) *♥gibbel*

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    1. Um die Uhrzeit erwarte ich von dir, dass du hellwach bist :o)

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    2. P.S.: Ich habe gerade ein Buch mit alten asiatischen (chinesischen, tibetischen, uigurischen und mongolischen) Märchen gelesen, da musste ich auch mal was in die Richtung schreiben. Da gibt es einige Parallelen zu Grimms Märchen wie etwa der Wolf, der möchte, dass die Kinder die Tür aufmachen.

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  2. Beide Geschichten sind lustige Allegorien auf Bekannte. Warum sind die Kinder bei Nummer 2 ein gepennt? Weil Mama und Papa immer noch zur Versicherung rennen, wenn sie Geld wollen. Betriebsrente, Riesterrente, Lebensversicherung usw. usf. sind allesamt gescheiterte Geschäftsmodelle, aber in Deutschland noch erfolgreich. Die Profifußballglotzer fallen immer noch auf das älteste Schneeballsystem Deutschlands rein, der Deutschen Vermögensverbratung, die im wesentlichen dadurch glänzte, schon Anfang der 90er auch Schulkinder in Drückerkolonnen zu pressen, während die Jüngeren sich an den neuen Schneeballsystemen, auch Bitcoins genannt, erfreuen und sich darüber wundern, dass sie von den auf dem Markt waghalsig agierenden Drogen-, Menschenhändlern und Warlords abgezockt werden, genau wie von den Firmen, die die dafür nötigen Brokerkonten (Nomen est Omen) und noch denen, die die Infrastruktur dafür zu Verfügung stellen und dann letztlich doch wieder nur das Pfandflaschen sammeln übrig bleibt. Selbst gewähltes Schicksal!

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