Sonntag, 5. Juli 2020

Die Matrix


Es gibt keinen Punkt außerhalb unserer technisierten Welt, von dem aus man Kritik üben könnte, keine unmittelbare Erfahrung, die über den flüchtigen Augenblick hinausgeht. Selbst die fundamentalsten Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse sind technisch auf dem allerneusten Stand. Wer kein Smartphone hat, wer nicht die aktuell angesagte Software benutzt, wer nicht in den wichtigsten sozialen Medien vertreten ist, wird mitleidig belächelt und weder ernst- noch wahrgenommen. Kritik ist nur möglich, wenn man sich tief in die Welt des Internets, der Medienwirtschaft und der digitalen Fernbeziehungen zu fremden Menschen hineinbegibt.
Unsere Erfahrungen sind zu 99 Prozent medienvermittelt und deswegen sehen wir häufig nur, was wir vorher in den Medien gesehen haben. Der griechische Kellner mag den ganzen Abend durch die Taverne rennen, er bleibt für uns der verträumte Lebenskünstler, der am liebsten an der Mole sitzt und den Fischerbooten nachschaut. Das italienische Zimmermädchen macht in Rekordzeit fünfzig Hotelbetten, aber wir beneiden sie um ihr unbeschwertes Dolce Vita in Venedig. Rassismus und Sexismus sind nur Facetten aus dem Kosmos unserer Vorurteile.
Wie lassen uns nicht nur mit drittklassigem Billigfleisch füttern, sondern auch mit Billiginformationen und maschinell ausgestanzten Meinungen. Unser Maul frisst Dreck, unser Kopf frisst Dreck. Aber glücklicherweise stecken wir so tief in der Welt der Apparate, dass wir es längst nicht mehr merken. Wir haben die Fähigkeit verloren, unsere Unfreiheit zu bemerken. Kritik wird nur noch als Verbesserungsvorschlag akzeptiert. Wir leben in einer Matrix, die viel raffinierter ist als der gleichnamige Film.
Louisiana Red - Alabama Train. https://www.youtube.com/watch?v=3oye8zrv8xc

3 Kommentare:

  1. James Baldwin († 1. Dezember 1987) said: “People pay for what they do, and still more for what they have allowed themselves to become. They pay for it very simply; by the lives they lead.”

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  2. Am heutiegn:

    Bastel-eine-Vogelscheuche-Tag 2020
    5. Juli 2020 in der Welt

    könnten WIR versuchen (mit kindlicher Phantasie) den blöden Mammon zu vertreiben... aufi geht´s Buam und Mädels (ړײ) *hehe*

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  3. unser Kopf frisst Dreck
    ...niemand zwingt Dich....

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