Freitag, 5. Juni 2020

Sind die explodierenden Schulden unser Untergang?


Wir erleben gerade die 26. zyklische Überproduktionskrise in der Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus, lese ich in der Jungen Welt. Großartig, denke ich, dann hat „das System“, diese Ausbeuter-Bestie, schon 25 Krisen überstanden. Zähes Luder. Respekt!
Wie schon in der letzten großen Krise 2008/2009 werden gigantische Summen in die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft gepumpt. Die Summen für die Realwirtschaft sind Petitessen (#Abwrackprämie), aber das Quantitative Easing verschlingt Billionen, beispielsweise für den Ankauf von Anleihen durch die Zentralbanken. Im Lehrbuch steht, dass die Ausweitung der Geldmenge zur Inflation führt. Hat es damals nicht, tut es auch jetzt nicht, weil das Geld in der Realwirtschaft gar nicht ankommt. Auch das „gigantische“ Konjunkturpaket der Bundesregierung substituiert nur ausgefallenen Konsum, aber es wird nicht zu Preiserhöhungen führen. Schon weil die Senkung der Mehrwertsteuer die Preise in den Geschäften eher senken statt erhöhen dürfte und Arbeitslosigkeit und Unsicherheit der Bevölkerung ihren Beitrag zur Preisstabilität leisten werden.
Aber die Schulden? Werden uns die Schulden nicht in den Abgrund ziehen? Wer soll das jemals zurückzahlen? Gegenfrage: Werden Schulden überhaupt zurückgezahlt? Es mag in der Welt von Lieschen Müller, von Beruf schwäbische Hausfrau, so sein, dass alle Schulden auch brav beglichen werden, aber das ist eine Vorstellung, die auch den Gebrüdern Grimm zur Ehre gereichen würde. Jede Bank kann Ihnen das bestätigen. Eine Firma geht bankrott, ein Mensch meldet Privatinsolvenz an, ein anderer Schuldner stirbt und die Nachkommen schlagen das toxische Erbe aus. Nicht alle Schulden werden wieder eingetrieben. Gerichtsvollzieher und Insolvenzverwalter mögen Teile des Geldes retten, der Rest ist auf immer verloren.
Für Staaten gilt das allemal. Die USA haben über zwanzig Billionen Dollar Schulden. Was machen Sie, wenn Trump morgen sagt, wir zahlen nicht mehr? Mit was kann eine Bank oder der Besitzer einer US-Anleihe den Vereinigten Staaten drohen? Setzt sich in Pirmasens ein Gerichtsvollzieher in Bewegung, um im Weißen Haus das Porzellan zu pfänden? Das Spiel ist eigentlich ganz einfach: Ein Staat leiht sich am Kapitalmarkt Geld und gibt zu diesem Zweck Anleihen aus. Sie haben verschiedene Laufzeiten, manche sind nach einem halben Jahr fällig, andere vielleicht erst nach dreißig Jahren. Der Gläubiger bekommt dafür jedes Jahr seine Zinsen und am Ende der Laufzeit die geliehene Summe zurück. Der Staat begibt daraufhin eine neue Anleihe und das Spiel beginnt von vorne. Staatschulden werden also nie wirklich zurückgezahlt, sondern immer wieder umgewälzt. In Zeiten der Nullzinspolitik wie aktuell ist das für die Staaten sogar ein gutes Geschäft, denn die Inflation knabbert jedes Jahr ein wenig von den Schulden ab.
Schuldenfreiheit ist also gar nicht das Ziel des Staates. Es wäre auch nicht gut für den Anleihenmarkt als Teil eines funktionierenden Kapitalmarkts. Falls ein Staat aber wirklich mal Bankrott gehen sollte wie Deutschland zweimal im 20. Jahrhundert, haben die Anleger eben Pech gehabt. Wer Willem Zwo Geld in Form von Kriegsanleihen anvertraut hatte, guckte 1918 in die Röhre. Krieg verloren, Geld futsch. Die Verbindlichkeiten eines Adolf Hitler wurden 1953 bei der Schuldnerkonferenz in London halbiert, die Gläubiger verloren also einen Teil des Geldes. Falls heute ein Staat Pleite macht, gilt das Prinzip Schwarzer Peter. Wer gerade eine Anleihe dieses Staates hält, hat die Arschkarte gezogen. Da ohnehin nur institutionelle Anleger wie Banken und Versicherungen Anleihen kaufen, da der Zinssatz für Privatanleger nicht attraktiv ist (es sei denn, er investiert in Wackelkandidaten), kann es uns egal sein.
Der deutsche Schuldenberg wächst in diesem Jahr gewaltig. Es wird ihn auch noch geben, wenn wir alle längst tot sind. Ebenso wie die Schuldenberge der anderen Staaten. Der Kapitalismus ist nicht in der Krise. Er war es nie. Die Notenbanken verfügen über unbegrenzte Mittel. Man muss das Geld noch nicht einmal drucken – ein Knopfdruck genügt und die neuen Billionen sprudeln.
P.S.: Die Bundesrepublik hat übrigens ein Triple-A-Rating. Besser geht’s nicht. Unsere Schuldscheine sind so beliebt wie Schokoladeneis. Wenn der Kapitalismus eines Tages untergeht, sitzen wir auf dem Sonnendeck.
CCR – Green River. https://www.youtube.com/watch?v=L5V9nK7-OkM

Solide Geldanlage: Bonettis Bibliothek.

9 Kommentare:

  1. Wenn man Ihrem Blog so folgt könnte man denken, ooch...iss ja alles nich so schlimm.
    Ist es ja auch nicht, die Bäuche werden immer dicker und wir werden immer älter.
    Wobei ich mir bei letzterem nicht so ganz sicher bin. Die rel. hohe Krebsrate bei uns 60ern, also die in den 60ern gebohrenen, die langsam 60 werden, ich vermute hervorgerufen durch massenhafte Atombombenversuche von 58 bis 62, über 100 jedes Jahr, wie auch andere Umweltbedingungen, Gift, Luftverschmutzung, alles als wir noch Kinder waren, lässt einen doch nachdenklich werden. Aber wir werden trotzdem immer mehr und auch in den Entwicklungsländern, USA oder Brasilien, immer fetter. So schlimm kann es also nicht sein.
    Trotzdem hat man das Gefühl, irgend etwas stimmt nicht mehr, irgend etwas verändert sich bzw. hat sich schon dramatisch verändert. Zumindest im Vergleich zu den 70ern 80ern.
    Oder war man früher einfach nur jünger und unbeschwerter ?
    Denke nicht, schließlich war ein Slogan "no future".
    Nein, wir leben jetzt in der Zukunft. Manche Dinge wurden ja schon vor Jahrzehnten vorausgesehen, sei es durch den oft zitierten Orwell oder auch in manchen Distophien z.B. in dem genialen Film Blade Runner.
    Könne wir uns dagegen stemmen ? Nein.
    Denn die jungen Leute wollen es genau so. Unzählige Diskussionen mit jungen Kollegen haben mir klar gemacht, die Richtung bleibt, die Richtung wird eingehalten. Die paar "Spinner" mit Dreadlocks und schlampiger Kleidung wie auch teilweise strengem Körpergeruch reißen es nicht raus. Es sind nur einige wenige.
    Wird das Elektroauto die Welt besser machen ? Nein.
    Wird das Artensterben aufgehalten ? Insekten, Pflanzen. Nein.
    Werden einige wenige immer reicher und alle anderen nur noch Vieh sein ? Ja.
    Will man das ? Nein.

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    1. Sind Schafe glücklich? Sind Schafe unglücklich? Schafe sind zufrieden, solange das Gras vor ihrer Schnauze wächst. Und so zerbröselt der Keks.

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    2. Na ja, der Mensch denkt, Schafe können nicht denken.
      Habe mal mit einem geredet, der sich ob seines hohen IQ`s als Mitglied der Elite verstand. Ein riesen Arschloch, aber clever war er tatsächlich, aber auch nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Das sah er aber nicht so, egal.
      Er sagte, daß man die Mehrheit der Bevölkerung als kleine Kinder sehen müsse, mit allen Attributen, die ein Kind so ausmacht.
      Also die Unfähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen oder Sachverhalte korrekt einzuschätzen.
      Andererseits kann man Leute treffen, in den übelsten Eckkneipen, Trinkhallen oder kleinen Kiosken, durchweg starke Trinker, die eine klare und durchaus richtige Sicht der Dinge auf dieser Welt haben.
      Selbst noch in angetrunkenem Zustand.
      Wer hat recht ?

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  2. "Money isn't real ever since we got off the gold standard."

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  3. Kleine Kinder haben es im Regelfall gut.Hirntechnisch und körperlich. Sehr frei.Ich denke, wir sind eine sehr verwöhnte Generation. Frieden, Wohlstand, unglaubliche Möglichkeiten. Warum soll es immer so bleiben?

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  4. So sieht die Sache aus wenn man Mainstream liest. Ein propagandistischer Überblick, extrem Interessenverzerrt und mit Schlagworten gespickt. Man kann sich daraus kein Bild machen. Herrschende Meinungen sind immer ... usw. sollte bekannt sein.

    Der Untergang ist auch nicht das Problem, das System geht nicht unter. Zur Not gibt es nen default. Der Staat könnte sich sogar pfänden lassen, holt er sich dann durch Steuergesetzgebung zurück.

    Dann wird neues Geld ausgegeben bzw. der Name geändert und das Spiel beginnt von vorn.
    Staatsschulden sind ein Zahlungsversprechen, mehr nicht.

    Das meiste davon ist Buchgeld, dient in der Regel zur Umschuldung. Was davon im Supermarkt ankommt weiß ich nicht. Ohne diese Info sind Spekulationen über Inflation aber reines Voodoo, egal in welche Richtung. Soweit zur Mechanik.

    Das ist aber nur die "vereinigte" Staatsverschuldung. Staaten, Städte Counties, Distrikte und s.w. haben noch mal eigene. Dazu kommen noch Pensionen und andere Zuwendungen an nicht Produktive. Ist hier aber auch nicht anders.


    Irgendwann laufen die Schulden aus. Es werden dann alte durch neue Schulden ersetzt. Ohne "positiven" Haushalt (als wenn die Bürger mehr zahlen als der Staat Sie kostet) ist das nicht möglich. Könnte in Ewigkeit so weiterlaufen, wenn die Zinsen nicht wären.

    Der Instanz welche das Geld herstellt und - viel wichtiger- die Zinsen darauf festlegt kann das egal sein, Sie kann immer Umschulden. Das ist in den USA die "private" FED, in Europa das EU Zentralkommissariat. Die Instanzen darunter können das nicht. Sie sind gezwungen zumindest die Zinsen "zu erwirtschaften" vulgo den "Steuerzahlern abzupressen. Sie Nullzinspolitik kann sich von heute auf morgen ändern. Dann sind die Haushalte zur "Abgabenerhöhung" gezwungen. Die Abgabenlast liegt heute schon teilw. bei 70%. Wo das dann herkommen soll ??


    Wer jetzt noch eins und eins zusammenzählt kann sich vielleicht vorstellen warum ich der Meinung bin das statt Untergang die Zinsknechtschaft folgt.

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  5. Sie Nullzinspolitik kann sich von heute auf morgen ändern.

    Warum sollte das geschehen? Man hat die Zinsen doch gesenkt, um die Wirtschaft noch irgendwie am Laufen zu halten.

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    1. Wären die Zinsen für deutsche Staatsanleihen wieder bei fünf Prozent wie vor der Bankenkrise 2008/2009, dann müsste der Staat jedes Jahr noch 100 Milliarden an Zinsen aufbringen. Daher wird die EZB, die für Billionen EU-Anleihen gekauft hat, die Zinsen niemals senken können. Alle EU-Staaten und die EZB wären finanziell überfordert, wenn sie den gigantischen Schuldenberg auch noch verzinsen müssten.

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    2. Relevanter ist aber, dass bei Zinsanhebungen die Kreditpreise allgemein teurer werden, was die Konjunktur dämpft.
      Es wird eher weiter in Richtung Negativzinsen (Gesell lässt grüßen) gehen, um den Laden noch irgendwie weiter am Laufen zu halten.

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