Samstag, 6. Juni 2020

Gott erschuf den Menschen an einem Samstag


Blogstuff 441
„Denn in den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“ (Franz Kafka)
Der blütenweiße Patriot, der im Mittelpunkt der zivilisatorischen Bemühungen um Wohlstand und Wachstum steht, weiß mit dem Thema Rassismus gar nichts anzufangen, weil er ihn nur aus der Ferne beobachtet und gelegentlich selbst praktiziert, ohne ihn als solchen zu erkennen.
Ich sage es Ihnen ganz offen: Ich werde die Senkung der Mehrwertsteuer nicht an meine Leser weitergeben.
Im Ernst: Die Senkung der Mehrwertsteuer wird uns von der Politik als bürgerfreundlich verkauft, die Massenmedien verbreiten dieses Narrativ auch brav, aber sie ist eigentlich für den Handel gedacht. Die nächste Rabattaktion wird einfach mit diesem Thema gelabelt, aber die Preise bleiben im Prinzip gleich. Der entgangene Profit vom Frühjahr wird auf diese Weise ausgeglichen. It’s the economy, stupid.
Ich erinnere mich noch an die Zeit nach 9/11. Plötzlich durfte man keine Nagelschere mit ins Flugzeug nehmen, die Sicherheitskontrolle an Flughäfen wurde deutlich verschärft, gelegentlich musste ich sogar die Schuhe ausziehen, um ans Gate zu gelangen. Wir haben es alle widerspruchslos hingenommen, weil es uns notwendig erschien. Hat jemand „Diktatur“ geschrien oder sich in seinen Grundrechten beeinträchtigt gefühlt? Heute soll man, wenn man ein Geschäft betritt, eine Schutzmaske tragen. Ich kenne eine Frau, eine frühere Kollegin, die jeden Samstag aus dem Unterallgäu nach München fährt, um dagegen zu demonstrieren. Wir wurden gebeten, uns häufiger die Hände zu waschen. Das empfinden manche schon als Zumutung. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Gesellschaft verändert. Leider nicht zum Besseren.
Wenn ich mir die Kommentarbereiche im Internet anschaue, stelle ich immer wieder fest, dass die meisten Beiträge von einer sehr kleinen Gruppe geschrieben werden. Das ist mir früher schon bei der SZ oder SPON aufgefallen, als man noch jeden Artikel kommentieren konnte. Ich wage mal zwei steile Thesen: Erstens werden 95 Prozent aller Kommentare von fünf Prozent der Bevölkerung erstellt, zweitens sind die Kommentatoren hauptsächlich alte weiße Männer, die zu viel Zeit haben. Ein Mann hat mal geschrieben, er wäre jeden Tag zehn Stunden im Internet, um zu lesen und zu kommentieren. Ich habe mir einige seiner Beiträge durchgelesen. Eine Siebzig-Stunde-Woche voller Hass und Besserwisserei! Herzlichen Glückwunsch zum Ruhestand. Dann würde ich doch lieber einmal am Tag die Falschparker anzeigen.
Zum Thema Militäreinsatz in amerikanischen Städten empfehle ich den Film „Ausnahmezustand“ von 1998 mit Bruce Willis in der Rolle eines Generals, der Brooklyn abriegeln lässt. Vielleicht möchte Trump das Militär auch bei den Wahlen einsetzen?
Es ist erstaunlich, wie Menschen, die keinem Politiker über den Weg trauen und sie als Knechte des Kapitals beschimpfen, an den Lippen eines Herrn Wodarg hängen, dem Säulenheiligen der Coronaleugner, obwohl dieser Mann seit 26 Jahren Berufspolitiker ist. Für die SPD! Aber Lauterbach hat keine Ahnung. Schon klar.
Styx – Babe. https://www.youtube.com/watch?v=uBi61pgDUP8

Wenn Sie sich an diese Figur erinnern können, sind Sie alt. Sehr alt.

Kommentare:

  1. Cool bis zu Kotzen6. Juni 2020 um 10:04

    Ich berühre z.B. die Knöpfe an den Fußgängerampeln schon seit Jahren nur noch mit dem Ellbogen. Tastatur am Bankautomaten oder Knöpfe an Aufzügen immer mit den Knöcheln. Türen in Geschäfte/Läden rein schiebe ich immer unten mit dem Fuß auf, alter Fußballer.
    Wenn die Türe nach außen aufgeht warte ich, bis jemand rauskommt und schlüpfe dann rein.
    Auf Arbeit wasche ich mit regelmäßig die Hände. Als Bürohengst ! Dann sieht auch die Tastatur rel. lange gut aus. Und die wird im Halbjahresrythmus gereinigt. Eigentlich ist das alles doch völlig normal.
    In meinem alten Laden sollte man jeden Morgen durch die Büros und jedem die Hand geben. Was ich nie gemacht habe. Habe die Leute schon begrüßt, aber ohne shake hands. Drum habe ich die Grippewellen, die jedes Jahr durch die Fa. schwappten, immer gut überstanden.
    Den Chef hat es jedes mal erwischt, Hi Hi, manches mal so richtig herb.
    Und wenn man in der Kneipe ist regelmäßig einen guten Schnaps, so im Stundenrythmus.
    Und wenn man dann doch was erwischt, Schnupfen ist so eine Sache, ja gut äh....
    Das Leben ist lebensgefährlich, vor allem im Irak, Lybien, Jemen, Afganistan, aber auch in Brasilien in der Favela oder in Detroit als black man.
    Oder auf der Autobahn. Also cool runnings.

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    1. Da lebe ich im Vergleich recht unbeschwert. Ich denke, Dreck härtet ab :o)

      Aber in den Corona-Monaten war ich vorsichtig, da bin ich zuhause geblieben. Wenn man alleine lebt und alles online bestellt, muss man sich noch nicht mal die Hände desinfizieren. War eigentlich ganz locker. Dazu ein 30qm-Balkon und ein 900qm-Garten. Splendid Isolation.

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  2. Da du gestern geschwiegen hast, so schweige denn auch heute und morgen.

    Schon fantastisch, rückwirkend jedermann eine Hsndlungsweise zu unterstellen.

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    1. Klassische AfD-Argumentation. Den ganzen Tag meckern und maulen, in Selbstmitleid versinken, "Aber ich darf ja nix sagen".

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  3. An den Film ,,Ausnahmezustand'' musste ich auch letztens denken. Der ist erschreckend glaubwürdig. :-/

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    1. 43% der US-Soldaten sind Schwarze, Asiaten oder Latinos. Die werden kaum gegen #Blacklivesmatter kämpfen. Das wissen auch die Generäle. Trump checkt das natürlich wieder nicht.

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    2. Ja, das ist ein wichtiger Einwand. Trotzdem zeigt der Film sehr gut und komprimiert die Probleme von militärischer Gewalt im Innern auf. Hier war es ja der Kampf gegen Terrorismus.

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    3. @Mathias Eberling:
      Da gehe ich nicht mit Ihnen. Soldaten sind kraft ihrer "Berufswahl" bereits weg von eigenen Entscheidungen. Da wird auf Befehl geschossen, die passende Geschichte liefert der Vorgesetzte. Oder glauben Sie rechtsradikale Verbindungen und Todeslisten sind ein Alleinstellungsmerkmal der KSK in Deutschland?
      Im KuK des alten Österreich hat man das ganz einfach gelöst, in dem im deutschen Teil Truppen aus Ungarn, auf dem Balkan Deutsch-Österreicher und in Ungarn Truppen vom Balkan stationiert waren. Da umgeht man ganz elegant jede Ladehemmung.
      Also USA, schwarze Truppen in Latino-Stadtvierteln, weiße Truppen in Afro-amerikanischen Vierteln. Und die Jagd ist eröffnet.

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    4. @ Pater

      Es gibt beim US-Militär keine ethnisch homogenen Kompanien, Regimenter und Divisionen. Das ist in jedem Truppenteil eine bunte Mischung und die Generäle werden sich ihre Ordnung sicher nicht von einem Rassisten diktieren lassen. Die "Jagd" bleibt ein Hirngespinst, ebenso wie die Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch von Trump.

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    5. @Pater Busoni
      Waren Sie schon mal Soldat?
      Das kann ich mir kaum vorstellen. Den absoluten Kadavergehorsam gibt es nur noch in wenigen (Teil-)Streitkräften. Im Krieg (oder einem ähnlichen Konflikt) auf Leute zu schießen ist etwas ganz anderes als auf die eigene (!) Bevölkerung.
      Die Militärs bis sogar hinunter zu den Master Sergeants haben sich ja auch sehr deutlich gegen die Ideen von Trump geäußert.

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