Donnerstag, 14. Mai 2020

Was wir wissen und was wir nicht wissen


Wir wissen, erstens, dass das Virus tödlich ist. Fast 300.000 Menschen sind gestorben und es ist kein Ende der Pandemie in Sicht. Ganz offensichtlich handelt es sich nicht um eine normale Erkältung. Auch „Spanische Grippe“ klingt harmlos, hat aber von 1918 bis 1920 mehr Menschenleben gekostet als der Erste Weltkrieg. Die „Hongkong-Grippe“ tötete zwischen 1968 und 1970 etwa eine Million Menschen weltweit, davon 40.000 in Deutschland. Viele wissenschaftliche Laie begehen derzeit den Fehler, die aktuelle Seuche mit anderen Infektionskrankheiten zu vergleichen, deren Verlauf abgeschlossen ist. Aber: Abgerechnet wird erst am Schluss, nicht während der Pandemie.
Wir wissen, zweitens, wie sich das Virus verbreitet. Durch zwischenmenschlichen Kontakt, auch indirekt, z.B. durch das Berühren der gleichen Türklinke, stecken sich Menschen gegenseitig an. Daher die bekannten Abwehrmaßnahmen: Distanz, Desinfektion, Schutzkleidung. Auch das Ziel ist klar und denkbar einfach: Unterbrechung der Infektionsketten. In diesem Bereich waren die Deutschen sehr erfolgreich, weil die Bevölkerung offenbar diszipliniert genug war und die Maßnahmen mitgetragen hat. Viele Staaten wünschten sich, eine so geringe Zahl an Toten aufzuweisen. An diesem Punkt gab es auch eine hohe Zustimmung zum Lockdown, wenn man sich die Meinungsumfragen anschaut. Im Zweifelsfall hätten die 320.000 Polizisten die Maßnahmen gegen 83 Millionen Bürger niemals mit Gewalt durchsetzen können.
Wir wissen nicht, wann es einen Impfstoff gegen das Virus geben wird. Das ist die wichtigste Frage des Jahres. Wir lernen, dass die Frustrationstoleranz in der Bevölkerung unterschiedlich ausgeprägt ist. Wer hält die „neue Normalität“, die massive Veränderung unserer Alltagsgewohnheiten, die uns allen missfällt, aus und wie lange? Welche ökonomischen und sozialen Faktoren vermindern und erhöhen den Leidensdruck? Ist mein Job in Gefahr oder nicht? Habe ich kleine Kinder zuhause oder nicht? Hier zerfällt die Gesellschaft in die Gruppe der Vorsichtigen bzw. Ängstlichen und die Gruppe der Mutigen bzw. Leichtsinnigen – je nach Betrachtungsweise.
Die Frage, wie weit Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit gelockert werden können, ist eine politische Frage. Wir wissen nicht, wie weit die Lockerungen gehen können, ohne Menschenleben zu gefährden. Ein weiterer wichtiger Punkt: Wir sind alle persönlich betroffen. Ob ich zu einer Risikogruppe gehöre oder nicht, hat einen fundamentalen Einfluss auf meinen Standpunkt. Wer Angst um sein Leben hat, spielt nicht mit der Gefahr. Wer unter dem Highlander-Syndrom leidet und sich für unsterblich hält, für den ist regelmäßiges Händewaschen ein Zeichen von Schwäche, Schutzmasken ein Symbol der Sklaverei und Rücksichtnahme der sichere Weg in die Diktatur.
Der Lockdown war einfach. Ab jetzt tasten wir uns durch die Dunkelheit und müssen jeden weiteren Schritt genau besprechen. Weitere Lockerungen? Neuer Lockdown? Andere Strategien? Es werden wahre Diskussionsorgien kommen, denn diesmal geht es um mehr als eine kleine Steuererleichterung oder eine Rentenerhöhung. Wir brauchen neue Regeln.
P.S.: Noch ein Wort zum Thema Wissenschaft. Erstens ist Wissenschaft ein Prozess. Nichts ist für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt. Zweitens sind nicht alle Wissenschaftler gleich und schon gar nicht einer Meinung. Es gibt unabhängige Wissenschaftler, aber auch Auftragsforscher, letztere in Unternehmen und in Hochschulen, die sich in ökonomische Abhängigkeit von Sponsoren begeben haben (#Gefälligkeitsgutachten). Ich selbst hatte das Glück, für Forschungseinrichtungen (WZB, Difu) arbeiten zu können, die mir bei Versuchen der Einflussnahme durch Geldgeber den Rücken freigehalten haben.
White Bird - It's A Beautiful Day. https://www.youtube.com/watch?v=ScFBqyAN8Bw


7 Kommentare:

  1. Vielen Dank für die Analyse.

    Nur der Titel! Hört sich so nach gmx/WELT/ZEIT und Konsorten an. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht weiß, warum in aller Welt sollte mich jetzt zusätzlich auch noch interessieren, was andere nicht wissen? ;-)

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  2. Wenn von Mensch zu Mensch keine Brücken führen,
    sie werden sie finden, die Bazillen und Viren.

    Kühn-Görg, Monika

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  3. Ich muss in diesen Zeiten oft an eines meiner Lieblingszitate denken, das man auch als 'atheistischen Fehlschluss' bezeichnen könnte. Es stammt von Gilbert Keith Chesterton und besagt sinngemäß, wenn die Menschen aufhörten, an Gott zu glauben, dann glaubten sie nicht an nichts, sondern fingen an, an alles mögliche zu glauben.
    Wenn ich mir diverse quasireligiöse Statements aus Teilen der Aluhut-Szene ("Seitdem ich aufgewacht bin...") so anschaue, das Suchen nach Sündenböcken oder das aggressive Abschotten gegen jede noch so vorsichtig formulierte Gegenrede - dann erinnert das schon an religiösen Fanatismus, wie er in Sekten anzutreffen ist. Könnte durchaus sein, dass da ähnliche Regionen im Hirn im Spiel sind.

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    1. Es ist offenbar sehr verlockend, zu einer kleinen Gemeinde zu gehören, die über exklusives Wissen verfügt. Die Zeugen Jehovas werden die einzigen sein, die den Weltuntergang überleben.

      Vielleicht fehlen uns aber einfach nur die Chemtrails, mit denen wir früher ruhiggestellt wurden? Im Augenblick sind wir in einer Art Montagsmatrix. Werde mich beim Hersteller beschweren oder die rote Pille schlucken :o)

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  4. Mich erinnert das sehr stark an AIDS Anfang der 80er.
    Zuerst "wir werden alle sterben", dann Safer Sex. Und genauso unsäglich die Medien.
    Alle 2 Tage neues Gefasel von Wunder-Medikamenten und der Impfstoff kommt übermorgen.
    Schwups, Schluss mit Lümmeltüte. Safer Sex nur noch für Weicheier. 5000$ zusätzlich pro Film ohne Kondom in der Pornoindustrie.
    Millionen Menschen haben dann in nächsten 15 Jahren weltweit mit dem Leben bezahlt, bis Mitte der 90er Jahre dann wenigstens wirksame Medikamente zur Verfügung standen. Vom Impfstoff ist überhaupt keine Rede mehr.

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    1. Falls kein Impfstoff kommt, brauchen wir eben Surrogates - wie in diesem Bruce Willis-Film ;o)

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    2. Da Gott oder wem auch immer sei Dank verfügbaren Medikamenten die Lebenserwartung von HIV-Infizierten inzwischen derjenigen der Nicht-Infizierten entspricht (teilweise kann die Virenlast sogar unter die Nachweisgrenze gedrückt werden), ist vielleicht auch nicht mehr so der Druck da, weiter teuer und aufwändig an einem HIV-Impfstoff zu forschen.

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