Samstag, 16. Mai 2020

Die neue Eiszeit


Restaurantbesuch 2020. Der Tisch ist vorbestellt. Mit Schutzmasken betreten wir das Lokal. Wir desinfizieren uns die Hände. Dann geben wir dem Kellner unsere Daten: Name, Telefonnummer. Damit man uns in den nächsten Wochen orten kann. Es sind nur wenige Tische besetzt, andere Menschen sind weit entfernt. Die Kellnerin, die einen Mundschutz trägt, bringt Speisekarten, die in Plastik eingeschweißt sind. Das Tablett mit den Getränken stellt sie an den Rand des Tisches, weil sie uns nicht zu nahekommen möchte. Jeder nimmt sich selbst sein Glas. Nach jedem Gang zwischen Küche und Tisch desinfiziert die Kellnerin ihre Hände. Am Ende des Abends werden unsere Teller, Bestecke und Gläser dekontaminiert. Wir ziehen unsere Masken auf und gehen.
Die wichtigste Ressource in einer Gesellschaft ist gegenseitiges Vertrauen. Wir können uns nicht mehr vertrauen. Das Virus zwingt uns, im anderen Menschen ein Monstrum zu sehen, eine lebensgefährliche Bedrohung. Das Leben mit dem Virus verändert unser Zusammenleben viel grundsätzlicher, während wir uns in oberflächlichen Diskussionen um Arbeitsplätze und Ladenöffnungszeiten verlieren. Die „neue Normalität“ widerspricht unserer bisherigen Lebenserfahrung fundamental. Beim Betreten eines Restaurants denke ich nicht zuerst daran, was ich heute essen werde, sondern ob ich mir hier eine tödliche Infektion holen kann. Die Gabel hatten schon viele andere Leute im Mund. Ist sie wirklich sauber? Kann ich dem Personal in dieser lebenswichtigen Frage vertrauen? Darum wehren sich viele Menschen gegen die Maßnahmen oder ignorieren die Gefahr, weil sie ihr altes Leben zurückhaben wollen. Letztes Jahr haben wir uns noch über die soziale Kälte des Kapitalismus beklagt, heute sehnen wir uns nach dieser Zeit. Die „neue Normalität“ ist nicht normal, sie ist unwirklich, unnatürlich.
Während wir mit unserer Art zu leben die Natur in eine Epoche der Erderwärmung stürzen, zwingt uns die Natur mit einem unsichtbaren Virus eine neue Eiszeit auf. Eine soziale Eiszeit. Falls wir ein oder zwei Jahre so weiterleben müssen wie in den letzten zwei Monaten, wird das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Einsamkeit.

2 Kommentare:

  1. Die Masken machen mein Gegenüber fremd, und mich für diese auch. Ich liebe so sehr die lebendigen Gesichter, deren Mimik ihr Reden unterstreicht. Oder eine Kommunikation ohne Worte, Zeichen geben, Lachen...
    Masken machen mich fast weinen.

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    1. Im Karneval lachen wir über die Masken. Jetzt erinnern sie uns nur an Tod und Entfremdung.

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