Mittwoch, 6. Mai 2020

Deutsches Theater 2022


„So, meinst du? O du Wasserkrugsalbadrer!
Du wagst's, den Wein zu schmähn, den Sporn des Denkens?
Was weckt die Tatkraft so wie Wein? – Du weißt:
Sobald die Leute trinken, sind sie reich,
Energisch, unternehmend, siegreich vor
Gericht, beglückt und andre noch beglückend!
Drum hol mir gleich 'ne Kanne Wein, damit
Ich meinen Witz zu klugem Rat befeuchte!“
(Aristophanes: Die Ritter)
Vorbemerkung: Plutos, in der griechischen Mythologie der Gott des Reichtums, ist blind und kann daher nicht sehen, wie ungerecht er seine Gaben verteilt. Penia ist die Göttin der Armut, sie gilt als die Erfinderin der Künste.
***
Berlin, Tempelhofer Feld. Nicht nur die Sonne geht unter.
Atreus: Was bin ich doch für ein armer Tor. Bitter ist mein Schicksal und leer meine Schüssel.
Diomedes (tritt hinzu): Wie ist dir, Bruder? Kann ich etwas für dich tun?
Atreus: Mir kann keiner mehr helfen. Ein Künstler bin ich und in den Zeiten der Pest verloren. Das Zelt von Meister Linos ist seit sechs Wochen geschlossen und ich kann nicht mehr auftreten.
Diomedes: So bist auch du ein Jünger der Penia? Mir ist es nicht besser ergangen. Selbst das Betteln hilft nicht mehr, seit die Bürger ihre Häuser nicht mehr verlassen.
Atreus: So lasset uns zweistimmig heulen das Klagelied. Die Götter haben uns verlassen. Schwertschlucker ist mein Beruf. Und der deine?
Diomedes: Als Pantomime bin ich in ganz Berlin bekannt gewesen. Ich habe vor den Fürsten der Volksparteien und Konzerne gespielt. Wie konnte es soweit kommen?
Atreus: Was hilft alles Klagen? Gemeinsam werden wir nach Rettung sinnen.
***
Das Orakel von Berlin im Tempel von Wilmersdorf.
Atreus: Meister Bonetti. Wir sind gekommen, weil wir eures Rates bedürfen.
Diomedes: Weise uns nicht hinaus, großer Meister. Leider haben wir nicht eine einzige Kupfermünze bei uns. Unser aufrichtiger Dank sei euer Lohn.
Bonetti: Nun denn, so will ich die Götter für euch befragen. Was wollt ihr wissen?
Atreus: Warum die Mächte des Schicksals so ungnädig gegenüber uns Künstlern gewesen sind.
Bonetti: So wartet hier. Ich werde euch die Antwort der Götter bringen. (geht ab)
Einige Zeit später.
Diomedes: Nun, O weiser Herr, was habt Ihr uns Unwürdigen mitzuteilen?
Bonetti: Gehet hinaus und folget dem ersten Mann, den ihr vor dem Tempel trefft. Er wird eure Rettung sein.
***
Atreus: Siehst du den alten Mann?
Diomedes: Jener mit wirrem Haar und zerrissener Toga, der mit einem weißen Stock den Weg ertastet?
Atreus: Folgen wir ihm, Diomedes!
Sie folgen dem alten Mann bis nach Dahlem. Dort hält er vor einer Villa an.
Alter Mann: Glaubt ihr, ich hätte eure Schritte nicht gehört, ihr Narren? Wollt ihr Plutos die Börse stehlen?
Diomedes: Nein, edler Plutos von Dahlem. Meister Bonetti, Hüter des Orakels, hat uns aufgetragen, dir zu folgen und dich um Hilfe zu bitten.
Plutos: Das ging ja schnell. Ich hatte gerade erst mit ihm gesprochen. Euch Burschen kann ich gut gebrauchen. Ihr könnt das Holz hacken und das Unkraut jäten, auch einen Mundschenk brauche ich am Abend und einen Geschichtenerzähler. Traut ihr euch das zu?
Atreus: Ja, hoher Herr. Mit großer Freude.
Plutos: So möget ihr mir ein Jahr lang dienen und ich werde mein Füllhorn über euch ausschütten.
Vorhang
The Waterboys – The Whole Of The Moon. https://www.youtube.com/watch?v=pu7AR0-FRro

2 Kommentare:

  1. Ein Schauspielhaus ist unsere Welt;
    für jeden ist eine Roll bestellt.

    Unbekannt

    Spruch an der Wand eines Theaters in Amsterdam

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  2. 'Kunst' kommt von "können" und nicht von "wollen", sonst hieße es 'Wulst'.

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