Freitag, 10. April 2020

In einer kleinen Stadt


Francesco Rigatoni, neuntes von elf Kindern eines sizilianischen Hütchenspielers, starb fünfundsiebzigjährig mit einer Vision vom Paradies.
Ich hatte ihm bis zum letzten Augenblick die Hand gehalten. Nun war ich sprachlos. Erschüttert. Es war kaum zu beschreiben. Der Schmerz. Die Trauer. Wut. Hilflosigkeit. Mir fehlten die Worte. Ich spürte die Tränen nicht, die mir heiß über die Wangen liefen und auf das Beatmungsgerät tropften, wo sie funkelnd liegenblieben. Warum? Warum? Wie kann Gott es zulassen, diesen aufrechten Menschen aus dem Leben zu reißen?
Schwester Sophia legte mir den Arm um die Schultern, um mir Trost zu spenden. Wir waren einander in diesen schweren Tagen auf der Intensivstation sehr nahegekommen. Sie war meine Seelenverwandte, eine Schwester im besten Sinne des Wortes. Ich hatte auf der Station rund um die Uhr geholfen und nur nachts einige Augenblicke in einer Besenkammer geschlafen. Ich trug Proben ins Labor, brachte den Patienten das Essen, wusch Operationsbesteck und Teller – alles, was ein Laie in einem Krankenhaus machen kann. Selbstverständlich ohne Schutzkleidung, denn ich wollte den Schwestern und Ärzten nichts wegnehmen, was sie dringender brauchten als ich.
Als ich am zwölften März zum ersten Mal nach Bergamo gekommen war, schien die Welt noch in Ordnung. Die Mandelbäume blühten, in den Straßen summte das Dolce Vita und auf dem Marktplatz riefen die Händler ihre Waren aus wie Operntenöre. Nichts deutete darauf hin, dass in Kürze Gevatter Tod durch die Stadt streifen und an die Türen vieler Familien klopfen würde. Dennoch hatte ich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine düstere Vorahnung, weswegen ich mich nach meiner Ankunft am Flughafen vor der Stadt, der merkwürdigerweise Mailand-Malpensa heißt, unverzüglich ins städtische Krankenhaus begab.
Kurz bevor er starb, hat mir Francesco Rigatoni von seiner Vision erzählt. Er würde im Paradies auf seine Frau und auf seine Familie warten. Gemeinsam würden sie an einem großen Tisch auf einer sonnenbeschienenen Wiese sitzen und mit Wein anstoßen. Es würde Pasta geben. Die köstliche Pasta, die seine Frau immer selbst gemacht hatte. Dazu ein schlichtes Pesto Rosso und vielleicht etwas Weißbrot. Er blieb bis an sein Lebensende bescheiden. Für uns bleibst du unvergessen, Francesco.
Claas Relotius, SPIEGEL 16/2020
Eurythmics - Would I Lie To You? https://www.youtube.com/watch?v=wpSE9WF8Tjg

6 Kommentare:

  1. „Ist Alles verloren / Kommt die Welt zu Dir.“

    https://www.packpapierverlag.de/?product=unbekannt-die-harmonie-der-welt-lyrik-eines-landsteichers-l41

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  2. Ein Bekannter von mir meinte neulich, er sei Lotse in einer großen Klinik im Ruhrgebiet. Ich so: "Lotse?" Er: "Klar, einer muss doch jeden morgen die Schiffe rausbringen."

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  3. Francesco Rigatoni, neuntes von elf Kindern eines sizilianischen Hütchenspielers

    Alles Fake-News!!! Tatsächlich heißt Rigatoni mit Vornamen Anton und hat sein ganzes Leben in der Hauptstadt von Lettland verbracht.

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