Freitag, 6. März 2020

Gelobt sei das Virus


Es mag auf den ersten Blick zynisch klingen, aber lassen Sie sich einmal auf folgenden Gedankengang ein:
In den vergangenen Jahren, konkret seit der Finanzkrise 2008/2009 mehrt sich die öffentliche und private Kritik an der Globalisierung im Besonderen und am Kapitalismus im Allgemeinen. Politische Propaganda, unterstützt durch die Hofberichterstatter der Massenmedien, lenkte unseren Blick seit Jahrzehnten auf die Vorteile der internationalen Vernetzung. Wenn wir die Produktion von Konsumgütern nach Asien verlagern, werden die Waren für den Konsumenten deutlich billiger. Der Aufstieg der Discounter wie H&M, Kik, Primark und Deichmann wäre ohne diese Verlagerung gar nicht möglich gewesen. Wenn Schuhe nur noch zwanzig Euro kosten und T-Shirts fünf Euro, kann ich das ganze Jahr über hemmungslos shoppen.
Der Kehrseite der Medaille: in Deutschland und anderen Industrieländern brachen massiv Arbeitsplätze weg. Ich nenne an dieser Stelle der Debatte immer wieder gerne das Beispiel Pirmasens. Die Schuh-Hauptstadt Westdeutschlands in meiner Kindheit, reichste Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Heute das Armenhaus des Bundeslands, denn die Schuhe kommen aus Asien, manche hochpreisigen Schuhe aus Osteuropa. Kaiserslautern war einmal eine Industriestadt. Pfaff und Singer – damals hatten viele Haushalte noch eine Nähmaschine, denn Kleidung wurde nicht weggeworfen, sondern wieder genäht, oder man nähte sich die Kleider selbst. Vorbei. Billigware aus Asien. Pfaff hat Pleite gemacht, die Nähmaschinen gleichen Namens werden heute in China hergestellt, da eine chinesische Firma die Markenrechte aufgekauft hat. In China wird schließlich auch noch genäht. Offenbach: Leder. Taschen, Gürtel usw. Drei Beispiele aus meiner näheren Umgebung. Beim Thema Rust Belt müssen wir nicht nach Amerika schauen.
Die internationale Vernetzung der Lieferketten hat dem Konsumenten Vorteile beschert und viele Unternehmer reich gemacht. Die dunkle Seite erkennen wir erst jetzt. Das Coronavirus beschleunigt die Erkenntnis. Denn nicht nur Jobverluste und der Abstieg ganzer Regionen – die „neuen“ Bundesländer können ein Lied davon singen, denn sie bekamen die Globalisierung ab 1990 mit voller Wucht zu spüren – sind das Problem, sondern auch die Abhängigkeit vom Ausland. Wir stellen überrascht fest, dass wir nicht mehr in der Lage sind, selbst genügend Atemschutzmasken herzustellen. Auch im Bereich Generika stehen wir mit heruntergelassenen Hosen da. Früher war Deutschland die Apotheke der Welt, jetzt ist es Indien. China braucht die Schutzmasken selbst und hat einen Ausfuhrstopp verhängt – auch für deutsche Hersteller. Indien braucht seine Medikamente selbst oder kann wegen unterbrochener Lieferketten nicht mehr genug herstellen.
Für den Profit der Wenigen und die Konsumgeilheit von Millionen Schwachköpfen, die sich an Tinnef und Talmi berauschen müssen, haben wir unsere Autarkie geopfert. Mit ein wenig Fantasie können wir uns vorstellen, was zukünftig passieren wird, wenn aufgrund des Klimawandels weltweit die Ernteerträge einbrechen. Beim Essen ist sich jeder selbst der Nächste, wir sehen es gerade in den Supermärkten. Können wir uns selbst versorgen, wenn die Lieferketten zusammenbrechen und andere Länder sich abschotten? Vielleicht können wir auf Kaffee und Bananen verzichten, aber was ist mit Getreide und Gemüse?

Wir müssen wieder selbständig und unabhängig werden, sonst erleben wir eines Tages noch einen Steckrübenwinter wie vor hundert Jahren. Gelobt sei das Virus.
P.S.: Die aktuellen Hamsterkäufe sind das augenfälligste Zeichen der Angst vor Versorgungsengpässen. Aber sie sind nur eine vorübergehende Erscheinung. Wie viel Kilogramm Nudeln braucht man, bis die Angst einem Gefühl der Sicherheit weicht? Zehn, zwanzig, dreißig? Wie viel Liter Desinfektionsmittel lassen uns tief durchatmen? Wie viel Kilometer Klopapier? Es gibt räumliche und mentale Grenzen der Vorratshaltung, selbst bei psychotischen Preppern. Außerdem müssen die Vorräte auch verbraucht werden und nicht alles lässt sich einlagern - es sei denn, man kauft noch zwei Tiefkühltruhen.
Morrissey - First of the gang to die. https://www.youtube.com/watch?v=8Fzf_KgHUa8

Kommentare:

  1. "Wir müssen wieder selbständig und unabhängig werden, sonst erleben wir eines Tages noch einen Steckrübenwinter wie vor hundert Jahren. Gelobt sei das Virus."

    *unterschreib*

    Preppern ... neues Wort für mich, wieder was gelernt hab ... DANK Bonetti Media (ړײ)

    *hehe*

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  2. Unabhängig auch in Sachen Digitalisierung und Verteidigung (=> USA) sowie Energie (=> arabische Länder, Russland).

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  3. Zu den zwei Gefriertruhen braucht es dann einen Generator, falls der Strom ausfällt, und dann Sprit.
    Ich bin erstaunt wie schnell Menschen sich in einen Trend einklinken. Nirgendwo stand, dass Corona Durchfall erzeugt,und trotzdem kaufen sie WC-Papier in Massen. Druck entsolidarisiert, und das macht mir Angst vor Notzeiten.

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  4. Das Projekt Unabhängigkeit von Energie, sprich Wind und Solarenergie, wurde und wird ja von CDU/FDP seit Jahren erfolgreich torpediert.
    Für den ganzen Rest ist der "Verbraucher" selbst schuld. Warum kaufen die auch den ganzen Schrott. Wenn ich in den H&M gehe rieche ich schon die ganze Chemie, die in den Klamotten steckt, obwohl ich rauche, dieser unangenehme Geruch.
    Andere interpretieren es als " es riecht neu ". Grüß Gott.
    Ich kaufe Unterwäsche / T-Shirts aus Schwäbischer Produktion.
    Jaa, genau, der mit dem Affen. Ist gleich bei mir um die Ecke.
    Wenn auch etwas teurer, das Zeug hält Jahrzehnte. Das ist billiger und nachhaltig.
    Möbel am besten von Opa/Oma oder dem Trödler, was im Möbelhaus steht ist Sperrmüll ab Kasse. Außer man gibt richtig Geld aus.
    Leider gibt es so etwas bei Autos, Elektronik oder gar Software leider nicht.
    Gerade bei Autos ist es schon Betrug, die Kisten halten noch 10-12 Jahre oder 150 000 Km, dann entstehen plötzlich Schäden, die es früher nicht gab und sehr teuer in der Reparatur sind und selbst von einem versierten Schrauber wie mir nicht mehr selbst gemacht werden können. Geplanter Exitus. Betrug !
    Gut, ein Porsche hält länger sagt der TÜV Bericht. Jo, ne, Porsche kaufen, iss klaar.

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  5. OT?:

    Waren Bonetti Media Agenten in Ferrari-&-Parmesan-Land?

    "Wir versichern, dass es sich um einen Verlust von Lebensmittelflüssigkeit (Wein) handelt, die nicht schädlich für den Organismus ist." (Frei gespiegelt aus der Pnline-Doublette)

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    1. Da brauche ich genauere Informationen.

      Grundsätzlich gibt die Bonetti Intelligence Agency keine Informationen über den Standort ihrer Agenten.

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  6. Kennt jemand noch das Wort Butterberg?

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  7. Deutsche kauft Deutsche Bananen.

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  8. siehe
    http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/panorama/auch-das-noch-wein-statt-wasser--183493618.html

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    1. Schöne Geschichte. Träumen wir nicht alle von solchen "Wundern"?

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  9. Hmmm, Scheißhauspapier ist doch in den Geschäften massenhaft vorhanden. War das nur ein Hoax?

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    1. Gemeint war das weiche weiße popofreundliche. Nicht das bunt bedruckte vorn neben den Kassen. Das ist zwar auch für den A...., aber mehr im mentalen Sinne...

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