Dienstag, 10. März 2020

Eine kleine Geschichte vom großen Geld


Es gibt Menschen, die behaupten, Geld würde nichts verändern. Sie würden ihren alten Job als Busfahrer nicht aufgeben. Sie würden in der kleinen Wohnung in Biberach bleiben. Aber das stimmt nicht. Geld verändert alles. Geld verändert den Menschen. Geld hat mich verändert.
Ich habe immer dieselben Zahlen im Samstagslotto gespielt. Die 3 und die 7 für das Geburtsdatum meines Lieblingsschriftstellers Franz Kafka, die 17 und die 8 für das Geburtsdatum meines Lieblingsschauspielers Robert de Niro und die 29 und die 12 für das Geburtsdatum meiner Frau.
Jede Zahl hat etwas Magisches. Zahlen können Glück oder Unglück bringen. Davon bin ich fest überzeugt. Auf der 13 und der 18 liegt beispielsweise ein Fluch, ich denke sofort an Judas und Hitler. Meine Zahlen haben mir Glück gebracht. Ich gewann den Jackpot von acht Millionen Euro. Die 8 steht in China für Glück und Erfolg.
Als ich das Geld auf einem Tagesgeldkonto meiner Bank hatte, begannen meine Frau und ich, über seine Verwendung nachzudenken. Natürlich würde ich meine Stelle in der Verwaltung einer Versicherungsgesellschaft aufgeben und meine Frau ihren Job als Grundschullehrerin. Wir würden ein neues Leben anfangen. Nicht das Geld vor anderen Menschen verstecken und einfach weiterleben wie bisher. Acht Millionen gehen dir ständig im Kopf herum. In den ersten Wochen konnten wir an nichts anderes denken und über nichts anderes reden.
Wir kauften uns ein Anwesen im Vordertaunus, das einmal einem Baron und später einem Industriellen gehört hatte. Wir kauften es einem ehemaligen Vorstandsmitglied der Deutschen Bank ab, das in die Schweiz umziehen wollte. Das Haus war in einem perfekten Zustand, wir mussten nur ein paar neue Möbel kaufen. Zur Villa gehörten zwei Hektar Garten mit altem Baumbestand, der von einer hohen Bruchsteinmauer umgeben war.
In den Garten ließ ich mir ein vollklimatisiertes und beheizbares Glashaus mit einer Grundfläche von 42 Quadratmetern bauen, in dem ein Ledersessel, eine Ottomane und ein Schreibtisch standen. So konnte ich bei jedem Wetter im Garten sein, ohne von Hitze, Kälte oder Insekten belästigt zu werden. Statt Schubladen hatte der Schreibtisch links einen Getränkekühlschrank und rechts ein Schränkchen mit Schokoladen und Plätzchen. Den Vormittag verbrachte ich lesend und schreibend in diesem Glashaus auf der Wiese vor dem Haus, am Nachmittag fuhr ich mit meiner Frau in die Stadt oder wir machten Ausflüge in den Taunus, den Spessart und den Odenwald.
Ich trat in den örtlichen Golfclub ein und lernte neue Freunde kennen. Die Kollegen und Schulfreunde traf ich nicht mehr. Sie passten nicht mehr zu meinem neuen Leben. Im Golfclub erlernte ich die Kunst der Geldvermehrung. Ich investierte in Aktien. Da ich im Börsenteil der FAZ nicht über den Buchstaben A hinauskam, kaufte ich Apple für fünf Euro pro Anteilsschein und Amazon für zehn Euro. Das war 2002. Sehen Sie sich bitte die heutigen Kurse an. Auch Alphabet habe ich gekauft, bekannt durch die Suchmaschine Google. Audi, Amgen und Alibaba.
Meine Frau und ich gingen auf Reisen. Sils Maria, wo wir im Waldhaus logierten, New York, Florenz. Das Geld wurde nicht weniger, es wurde mehr. Heute besitze ich 29 Millionen Euro. Eine von meinen Glückszahlen.
Terry Jacks - Seasons In The Sun. https://www.youtube.com/watch?v=-tPcc1ftj8E

8 Kommentare:

  1. Das Grausame der modernen Zeiten ist ja die Tatsache, den armen Menschen auch noch einzureden, sie seien selbst schuld an ihrem Schicksal.
    Früher war man wenigstens so gnädig es als Gottes Auswahl darzustellen. "Hätte Gott gewollt, daß du reich sein solltest, so wärest du als Fürst geboren worden. Doch tröste dich, im Himmel wartet deine Belohnung."
    Heute nur noch: "Rasier dich mal, dann findest du auch einen Job."

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    1. Mit Arbeit kommst du nicht zu Reichtum. Nur durch Erbschaft - oder eben Glück.

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    2. Oder Rücksichtslosigkeit.
      Durchsetzungsvermögen.
      Ein kleines Stück Aggressivität.
      Auch Dummheit scheint zu helfen, wenn ich mir den einen oder anderen Selbstständigen so ansehe. Oder besser anhöre.
      Bauernschläue hilft sehr.
      Fleiß auch !
      Und immer den eigenen Vorteil im Auge, immer !
      Kurze Zusammenfassung:
      Habe in der Jugend Zeitungen ausgetragen. Im Unterdorf, dort wo die Ärmeren lebten, in den letzten Buden, massig Kinder, bekam ich zu Weihnachten immer sehr gut Trinkgeld, oft 5 Mark am Stück, das war in den frühen 70ern richtig Geld.
      Oben im Neubaugebiet, bei den schicken Bungalows, gab es 10-20 Pfennige, mit einem gönnerhaften Lächeln überreicht.
      Das sollte als Lebensberatung reichen.

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  2. "Freund in der Not" will nicht viel heißen
    – hilfreich möchte sich mancher erweisen.
    Aber die neidlos ein Glück dir gönnen,
    die darfst du wahrlich Freunde nennen.

    Paul Heyse

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  3. Fortsetzung: Dann klingelte der Wecker und ich bin aufgewacht.

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  4. Da bin ich aber froh, dass ich nicht reich bin. Zufrieden ist mir erstrebenswerter, meine Freundinnen und Freunde kenne ich schon immer und möchte keinen missen, und Pelzmäntel sehen an Tieren auch besser aus als an mir. Außerdem spiele ich lieber Karten statt Golf!

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    1. So geht es mir auch. Möglicherweise ist dir die zarte Ironie der kleinen Geschichte nicht verborgen geblieben ;o)

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