Dienstag, 24. März 2020

Die Neutronenbombe des 21. Jahrhunderts


„Denken Sie immer daran, wenn Sie die Prätorianergarde der Kapitalfraktion durch Ihre Straße marschieren sehen, weil es keine Ausgangssperre ohne Kontrolle geben kann: Es kommt noch schlimmer.“ (Andy Bonetti)
Vor meiner Zeit als Kiezschreiber war ich arbeitslos. Ein Jahr „normal“, zwei Jahre Hartz IV. Ich habe gelernt, das Leben herunterzufahren. Was habe ich damals aus meinem Leben gestrichen? Kneipen und Restaurants. Aldi ist billiger. Kino, Konzerte, Theater und Museen. Fernsehen und Internet tun es auch, dazu die gute alte Plattensammlung. Auslandsreisen. Ich habe damals Berlin erkundet, bin stundenlang durch meine Heimatstadt gelaufen und habe sie endlich richtig kennengelernt. Das alltägliche Berlin abseits der Touristenströme. Das Berlin ohne Glamour und Szene-Schwaben. Singende Kinder in grauen Plattenbauschulen, alte Frauen auf Friedhöfen. Die traurige Schönheit und die liebenswerte Banalität, die man erst erkennen kann, wenn man viel Zeit hat.
Ich habe das Leben auf den Kern reduziert: Essen und Trinken, Freunde und Familie. Damals gab es noch 359 Euro im Monat. Als Arbeitsloser durfte ich kostenlos in der Stadtteilbibliothek Bücher ausleihen. So wird es in der kommenden Wirtschaftskrise vielen Menschen ergehen. Die Zeit von industriell zerrissenen Jeans und teurem Craftbeer aus Mikrobrauereien ist vorbei. Der Kultur, der Modebranche und der Gastronomie droht der Enthauptungsschlag. Die Menschen haben kein Geld mehr für Luxus und die Touristen bleiben aus. Es wird andererseits auch keinen Wohnungsmangel mehr geben, denn die AirBnB-Wohnungen werden jetzt langfristig vermietet werden müssen. Wohl dem, der in diesen Zeiten einen sicheren Job im öffentlichen Dienst hat. Verwaltungsbeamte punkten bei Tinder, Hipster sind abgemeldet.
Wir können noch gar nicht ermessen, was sich 2020 alles verändern wird. Der Begriff Ellbogengesellschaft wird im Kampf um die wenigen Jobs neu definiert werden. Der polnische Bauarbeiter wird es überleben, die verwöhnten Susis aus dem Bereich Kommunikationsdesign sicher nicht. Der Niedriglohnsektor wird extrem ausgeweitet, Lohndumping wird zum Normalfall. Die schöne neue Welt der Ich-AGs und der Selbstverwirklichung im Beruf geht im Zeitraffer bankrott. Westdeutsche erleben jetzt ihren persönlichen Treuhand-Moment. Das Coronavirus ist die Neutronenbombe des 21. Jahrhunderts.
Men Without Hats – I Got The Message. https://www.youtube.com/watch?v=GAEKqHFhQYk

The Savage Skulls Street Gang, The Bronx, 1979.

4 Kommentare:

  1. "Der polnische Bauarbeiter wird es überleben"

    Der deutsche Handwerker auch, nur den Windbeuteln geht die Luft aus...

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  2. bin meinungsmäßig ganz bei dir. und die natur atmet ein wenig auf. es muss nix mehr zubetoniert werden, weil es leerstände zur genüge gibt.

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  3. Die Natur rächt sich nicht, aber präsentiert ihre Rechnung.

    Jean Giono ♥

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  4. Wie tief die Zäsur auch sein wird, wie groß auch die Opferzahlen ansteigen, spielt keine Rolle.
    Nichts wird sich ändern.
    Wer aktuell genau hin hört kann in der Kakophonie den zarten Ruf nach "Führung" hören, die Erleichterung "Endlich muss ich mein Verhalten nicht selbst entscheiden, das macht das RKI für mich".
    Der nächste Kanzler wird dann der/die sein, welche(r) die schönste B-Note im Corona Handling erhält.
    Corona wird uns deutlich tiefer als Lehman in die Grube stoßen und hinterher werden die FFF brave Kapitalisten sein, und den Rest ihres Lebens damit beschäftigt die jetzt so großzügig gewährte Hilfe zurück zu zahlen.
    Ob dann Samoa absäuft wird Keinen jucken.

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