Mittwoch, 4. März 2020

Die Naivität in Zeiten der Stokowski


Es ist wieder die Zeit der Mahner und Seher, der Apostel und der Missionare. Zunächst Thüringen und Hanau, dann Corona und die Flüchtlinge. Höchste Zeit also, unseren Mitmenschen kritisch einen Spiegel vorzuhalten – wenn man eine gutbezahlte Kolumnistin der Hamburger Boulevardpresse ist, gilt das sogar im Wortsinn.
Margarete Stokowski glaubt, der Kapitalismus sei an allem schuld. Würde man ihn abschaffen, wären die Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie solidarisch und würden einander helfen. Keiner würde mehr Desinfektionsmittel und Nudeln bunkern oder Schutzmasken aus dem Krankenhaus klauen. Es wäre wieder wie … äh, wie vor dem Kapitalismus. Moment. War da nicht der Feudalismus und das Mittelalter?
Wie war es genau in Zeiten der Pest und des Krieges? War man damals solidarisch mit den Armen und den Kranken? Hat man geteilt? In Geschichtsbüchern liest man davon nichts. Kranke wurden isoliert und kaltlächelnd dem Tod überlassen. Bei Hungersnöten hat man seinen Nachbarn keine einzige Scheibe Brot abgegeben. Im Gegenteil: Sobald sich die Gelegenheit ergab, wurde geplündert und gemordet. Dagegen sind wir egozentrischen Hedonisten des kapitalistischen Zeitalters Waisenknaben.
Was lehrt uns die Antike? Sie war eine Sklavenhaltergesellschaft, die für universelle Humanität, für eine Solidarität zwischen allen Menschen, unabhängig von Herkunft, gesellschaftlichem Stand und Geschlecht, noch nicht einmal einen Begriff hatte. Der Sozialismus von 1917 bis 1990 bietet auch wenig Anschauungsmaterial im zwischenmenschlichen Bereich. Gab es etwas zu kaufen, wurde es gehamstert und gehortet. Es wurde privat getauscht und dabei wurde gefeilscht wie auf einem Flohmarkt unserer Tage. Für Bedürftigkeit und Menschen in Not gab es in der DDR am Gartenzaun ebenso viel oder wenig Rabatt wie in der BRD.
Das Problem mit dem Hamstern ist das gleiche Problem wie mit den Großstadtmieten: die Knappheit. Gäbe es genug, bräuchten wir keine moralinsauren Kommentare. Es wird am linken Stammtisch gerne auf die Überflussgesellschaft geschimpft. Wird aber eine Ware wegen plötzlich steigender Nachfrage knapp, hat der Kapitalismus versagt. Wenn es nicht genug für alle gibt, wirken Appelle an die Solidarität und den Gemeinschaftssinn der Bevölkerung hilflos. Als würde man in einem brennenden Theater rufen: keine Panik. Es stürzen trotzdem alle zum Ausgang.
Was von Margarete Stokowski als charakterlicher Auswuchs des Ausbeutersystems gebrandmarkt wird, ist nichts anderes als das menschliche Verhalten, wie wir es aus der ganzen Geschichte unserer Gattung kennen. Wer Angst hat, dass seine Familie nicht genügenden Schutz vor der Krankheit oder genug Nahrungsmittel bekommt, der wird – egal, wie irrational oder lächerlich uns diese Angst vorkommen mag – alles dafür tun, um sich und seine Familie zu versorgen. Für manche Menschen ist es tatsächlich eine Frage, in der es um Leben und Tod geht.
Wir sehen im Spiegel unser hässliches Gesicht: Es ist der ewige Adam, der notfalls über Leichen gehen wird. Er wird verlangen, dass die Spielkameraden seiner Kinder in ihren Häusern eingesperrt werden, wenn auch nur ein leiser Verdacht besteht, sie seien infiziert. Er will Städte abriegeln und Grenzen dicht machen. Menschen in Einzelhaft isolieren und in abgezäunten Grundstücken kasernieren, bis sie entweder tot oder gesund sind. Er wird den eigenen Bruder nicht im Krankenhaus besuchen, wenn man ihm keinen Schutzanzug zur Verfügung stellt.
Im Hamburger Schmierenblättchen namens Spiegel sehen wir im hilflosen letzten Absatz eine Welt im Konjunktiv, in der sich die Besserwissenden längst häuslich eingerichtet haben. Eine Welt, die es nie gegeben hat. Ein Paradies voller Liebe und Sanftheit. Zugleich ist es die erbarmungslose Welt der Richter, die den Daumen über dem real existierenden Pöbel senken, anstatt den wirklichen Adressaten für die Knappheit zu benennen: eine unfähige Obrigkeit, die bei der Gesundheitsvorsorge bereits versagt, noch bevor die Republik ihren ersten Corona-Toten beerdigen muss.
https://www.spiegel.de/kultur/die-selbstliebe-in-zeiten-des-coronavirus-kolumne-von-margarete-stokowski-a-b5b07be3-6b2b-4ebc-b2db-7e3332b5089d
Dr. Hook & The Medicine Show - Sylvia's Mother. https://www.youtube.com/watch?v=7LXpnNKNxJI

Briefträger während der Spanischen Grippe 1918 – 1920 in New York City.

4 Kommentare:

  1. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen...

    (Dietrich Bonhoeffer) ♥

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  2. Da bin ich aber froh, dass Bonetti Media nicht auch noch sagt, es gäbe kein Auenland.
    Dann hätte mich nicht mal mehr der gesamte Katzen-Content beim Xhamster trösten können.

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  3. Es muss wirklich fünf vor zwölf sein, wenn bei Frau Stokowski einmal nicht die Männer allein an allem Schuld sind.

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