Samstag, 8. Februar 2020

Zur Beschleunigung der Skandale


Wenn man sich die Geschwindigkeit früherer Empörungswellen betrachtet, leben wir definitiv in einer anderen Epoche. Als Beispiel nehme ich den Fall Thomas Kapielski. Er arbeitete in den achtziger Jahren als Kolumnist für die taz und schrieb in einem Artikel über eine Berliner Diskothek, dass sie „bereits abends um acht Uhr gaskammervoll war“. Das war am 17.10.1988.
Für die Redaktion war die Formulierung kein Problem, erst die Leser machten die taz auf die antisemitische Begriffswahl aufmerksam. Am 24.10.1988 erschienen drei Leserbriefe zum Thema. Im November entschied die taz, keine Kolumnen von Kapielski mehr zu veröffentlichen. Er publizierte danach für Suhrkamp, die Zeit, die FAZ und die Frankfurter Rundschau, außerdem wurde er mit etlichen Preisen ausgezeichnet.
Was wäre heute auf Twitter los, wenn dieser Begriff in der Presse fallen würde? Ein gigantischer Shitstorm schon wenige Augenblicke nach der Veröffentlichung. Zahllose Artikel zum Thema, Talkshows, Boykottaufrufe. Nur die Konsequenzen wären die gleichen wie damals: null. Kapielski würde weiter publizieren und vielleicht als Pressesprecher für die AfD arbeiten.
Bruce Springsteen - Downbound Train. https://www.youtube.com/watch?v=F8oFnsR_HBE

Southampton, 10. April 1912. Die Titanic legt ab.

2 Kommentare:

  1. Aufgeregte Gemüter zittern vor Hoffnung und Furcht.

    Ovid

    ... so isses! *tja*

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  2. ….wie sagte meine Omi (Jahrgang 1900) immer: jetzt wird gelernt bis zum vergasen.....

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