Dienstag, 18. Februar 2020

Ror Wolf ist tot


Der Anfang liegt im Dunkeln. Es war in den frühen achtziger Jahren. Ich stöberte in einem Antiquariat, vielleicht in Frankfurt, vielleicht auch nicht, und las die ersten Seiten eines denkwürdigen Buches, das ich sogleich für ein paar Münzen erwarb. „Pilzer und Pelzer“ war der Titel des Suhrkamp-Bändchens und es eröffnete mir eine Welt voll sprachlicher Magie und neuer Möglichkeiten des Erzählens.
Ror Wolf beherrschte das Instrument der deutschen Sprache virtuos, er konnte mit ihr spielen wie ein begnadeter Pianist. Mit wenigen Worten erschuf er Bilder in meinem Kopf und jagte meine Assoziationen bald in die eine, bald in die andere Richtung. Literatur auf dieser Ebene, in dieser Tiefe der Durchdringung kannte ich bisher nur von Arno Schmidt. Dazu ein subtiler Humor, der ohne Pointen im herkömmlichen Sinne auskam. Schmidt und Wolf – das war das Lachen der Götter über den Menschen in all seiner Banalität.
Er lebte in den letzten Jahrzehnten in Mainz, was mich als Rheinhesse ein klein wenig stolz macht. Mitten unter uns und doch unbekannt. Er zählt für mich zu den Größten in der deutschen Literaturgeschichte. Die Nobelpreise bekommen natürlich immer nur die Plärrer und Stümper, siehe Grass. Er war und ist für mich und meine Arbeit ein Vorbild. Ein Schriftsteller, dessen Qualität ich zeitlebens nicht erreichen werde. Leider habe ich meine gesamten Wolf-Werke in meiner Berliner Wohnung, sonst könnte ich hier, statt planlos vor mich hin zu schwurbeln, den Meister selbst sprechen lassen.
Kay Sokolowsky, einer der Herausgeber von Ror Wolf Werke (RWW) bei Schöffling & Co., hat in seinem Blog „Abfall aus der Warenwelt“ den Tod von Ror Wolf bekannt gegeben. Nach Droste und Gremliza ist mit Ror Wolf innerhalb kurzer Zeit ein dritter Titan von uns gegangen. Wer Wolfs Bücher und Collagen nicht kennt, sollte sich auf die Reise durch sein Lebenswerk begeben. Es ist der pure Genuss.
Hier wenigstens noch ein paar Zeilen, die ich aus dem Internet gefischt habe:
„Seit zwanzig Jahren das vertraute Schnaufen / in Mainz im Müll im März im dritten Stock, / im großen Zimmer wo ich hock im trock / im trocknen Rock beim Dichten und beim Saufen // Seit Jahren bin ich hier herumgelaufen, / wobei ich kalt an meiner Pfeife sog / Ich lief zwei dreimal um den Häuserblock, / um Brot und Bier und warme Wurst zu kaufen // Und zweimal dreimal viermal fünfzehnmal / lief ich in etwa achtundzwanzig Tagen / hinüber in das griechische Lokal // und saß danach mit angefülltem Magen / in Mainz im Müll im März ach: ganz egal, / im dritten Stock. Viel mehr ist nicht zu sagen.“ („Am oberen Rand des Topfes. Sonett.“ 2009)
Wirklichkeitsfabrik - Die Welten des Ror Wolf. http://www.wirklichkeitsfabrik.de/

5 Kommentare:

  1. "Das allerhübscheste Talent nützt nichts, wenn der Autor nicht in der Lage ist,
    sich an den Tisch zu setzen und sehr entschlossen dort sitzenzubleiben."

    (zugeschrieben - Ror Wolf)

    AntwortenLöschen
  2. Ich danke für diesen schönen Nachruf - und freue mich, daß Sie unter allen großen Werken Ror Wolfs das allergrößte kennen und nennen. Ich hatte übrigens die enorme Ehre, "Pilzer und Pelzer" für die Schöffling-Werkausgabe herausgeben und mit einem Nachwort versehen zu dürfen. Darauf werde ich mir, so lange mein Gedächtnis funktioniert, etwas einbilden.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Herzlichen Dank. Auf der Wirklichkeitsfabrik-Seite habe ich mir die Bilder angeschaut. Sie haben ihn persönlich gekannt. Ein kostbarer Schatz von Erinnerungen, aus dem Sie in Ihrer Trauer vermutlich gerade schöpfen.

      Mein Zugang als ferner und bedeutungsloser Verehrer seiner Werke ist ungleich profaner: Ich habe mich bei Google Mops umgeschaut, wo der ominöse Grieche ist, den er von den Kupferbergterrassen in Mainz aus regelmäßig besucht hat. Es muss das "Dionysos" sein, das ich zu Ehren des Meisters in all meiner geistigen und leiblichen Fülle aufsuchen werde. Was wohl sein Leibgericht gewesen ist? Habe ich zufällig die Gabel in der Hand, die auch Ror Wolf benutzt hat? Dort werde ich demnächst einen Ouzo auf ihn trinken. Dann fällt der Regen nieder ...

      Löschen
    2. Lieber Herr Eberling, es ist das "Dionysos". Ich hatte selbst die Freude, ihn mehrfach dorthin zu begleiten, wo man ihn immer mit Handschlag begrüßte. Sein Lieblingsessen war der Lammspieß, den er immer ohne Salat nahm. Dazu ein (meist alkoholfreies) Weizen. Ich war zuletzt am 8. Februar da und habe für die beiden Wolfs dort das Abendessen besorgt. Bei dieser Gelegenheit kam heraus, dass die gar nicht genau wussten, wen sie vor sich hatten. Unsere Stamm-Bedienung hielt ihn für einen Journalisten und kannte auch den Namen Wolf nicht, aber eben das Gesicht. Den Ouzo gibt es im "Dionysos" immer vor dem Essen, also besser nicht mit dem Auto hinfahren (oder wie Ror auf selbigen verzichten).

      Herzliche Grüße
      Michael Kling

      Löschen
    3. Lieber Herr Kling, herzlichen Dank für die Info. Es ist schön zu hören, dass Herr Wolf und seine Gattin so gute Freunde wie Sie hatten. Ich werde natürlich den Lammspieß bestellen. Da ich kein Auto habe, kann ich mir ruhigen Gewissens den Ouzo zum Wohl dieses großartigen Künstlers genehmigen. Bei seiner Bestattung werden Sie sicherlich noch einmal alle treffen, die ihn in seinem Leben begleitet haben.

      Es grüßt Sie herzlich
      Matthias Eberling

      Löschen