Donnerstag, 6. Februar 2020

Fragment


Der Zug war pünktlich.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Nun hatte ich vier Stunden Zeit bis zur Lesung in der Stadthalle. Ich ließ die aufdringlichen Tauben mit ihrem bedeutungslosen Kopfnicken (Wem galt die geheuchelte Zustimmung? Mir?) auf dem Bahnsteig hinter mir und betrat die Bahnhofshalle. Dort gab es, neben einem Blumenladen und einem Reisecenter, einen Kiosk. Ich ging hinein und kaufte mir ein braunes, buckliges Jägermeisterfläschchen, das ich sogleich leertrank. Auf diese Weise gestärkt und ermutigt betrat ich den Vorplatz.
Vor mir lag die Bahnhofsstraße mit ihren Geschäften. In jeder deutschen Stadt gibt es diese Bahnhofsstraße. Früher hätte es noch ein Bahnhofskino gegeben, in dem ich die Stunden vertrödeln konnte. Früher hatte es auch noch einen Winter gegeben. Nun war es Februar und ich hatte nicht ein einziges Mal meinen Schal, meine Handschuhe und meine Wollmütze angezogen. Letztes Jahr auch nicht. Wo waren die Kinder mit ihren Schlitten? Dafür sahen die Passanten alle aus, als kämen sie gerade vom Zeltplatz. Trekking-Klamotten und Rucksäcke, so weit das Auge reichte.
Ich schlenderte den Bürgersteig entlang und sah ein Kaufhaus. Seit Jahren hatte ich kein Kaufhaus mehr betreten. Ich ging hinein. Nicht in der Absicht, etwas zu kaufen, sondern weil ich neugierig auf das Angebot war. Eine freundliche und belanglose Neugier, denn die Kaufhäuser starben langsam aus. Wie die Kirchen waren sie Refugien alter Frauen in Beige und Braun. Wühltische mit Socken und Büchern. In welchem Kulturkreis hat es jemals Wühltische gegeben? Ich war deprimiert und brauchte ein Bier.
An der nächsten Kreuzung hatte man freundlicherweise eine der vier Ecken mit einer Kneipe versehen. Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster, dessen Ausblick durch eine vergilbte Gardine verdeckt wurde, und gab bei der fülligen Wirtin ein großen Pils in Auftrag. In eine längliche Holzzwinge gepresst hing die örtliche Tageszeitung am Garderobenständer. Ich begann zu lesen. Verfall der Viehpreise. Verfall der Moral. Keine Hoffnung. Nirgends.
Bruce Springsteen – I’m On Fire. https://www.youtube.com/watch?v=lrpXArn3hII

1 Kommentar:

  1. "Ich begann zu lesen. Verfall der Viehpreise. Verfall der Moral. Keine Hoffnung. Nirgends"

    Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

    Aus Wien

    Wiener Bonmot im 1. Weltkrieg

    Ob da Andreas (noch nicht vorhandene) Krähen - Armee etwas ausrichten kann/wird ... bezweifle ich zwar ... bin aber - immer - OPTIMISTIN !!!

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