Dienstag, 25. Februar 2020

Ein Junge


„Das ist ja schön, dass du für deine Mutter einkaufen gehst.“
Frau Schulze, Herrin über einige Regalbretter mit Konserven und Haushaltswaren sowie einer Vitrine mit Brot, Wurst und Käse, lächelte den Jungen an.
„Ja, ich helfe ihr gerne. Sie hat so viel im Haus zu tun. Außerdem ist sie viel im Garten, wo wir Kartoffeln und Gemüse anbauen.“
„Sie hat sich ja schon lange nicht mehr im Geschäft sehen lassen.“
Der Laden von Frau Schulze auf der Hauptkreuzung des Dorfes war der Mittelpunkt der Gemeinde. Hier erfuhr man alle Neuigkeiten, hier traf man sich, seit das Gasthaus geschlossen hatte.
„Sie kommt sicher bald wieder einmal vorbei, Frau Schulze.“
Das war gelogen. Der Junge wusste nicht, wo seine Mutter war.
Sie reichte ihm einen Laib Brot und eine ganze Salami über den Tresen, er legte ein paar Münzen in die Geldschale.
„Wann kommt denn dein Vater zurück?“
„Er ist in Hamburg auf Montage. Aber er ist sicher bald wieder da.“
Der Junge verabschiedete sich. Er lief den kleinen Hügel hinauf und bog in eine schmale Gasse ein. Er lebte im letzten Haus am Waldrand. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er in die Küche. Nun war er wieder allein.
Seine Eltern waren vor Monaten in die Stadt gefahren, um vor dem Rathaus gegen die Regierung zu demonstrieren. Sie waren nicht mehr zurückgekommen. Es wurden viele Menschen verhaftet. Niemand konnte ihm etwas über seine Eltern sagen und er hatte Angst, selbst mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Er hatte im Nachttisch im Schlafzimmer seiner Eltern Geld gefunden. Bei Nachbarn verdiente er sich etwas dazu, er mähte den Rasen, rupfte Unkraut oder führte den Hund spazieren.
Das Haus war groß und still. Tagsüber saß er am liebsten im Wohnzimmer. Im Bücherregal standen hunderte von Romanen und Sachbüchern, Bildbänden und Atlanten. Wenn er auf dem großen Sessel in ein Buch vertieft war, konnte er die Einsamkeit und die Angst vergessen. Niemand durfte erfahren, dass er hier allein lebte. Keiner durfte Verdacht schöpfen.
Er schlief in seinem Zimmer, er aß in der Küche und den Garten hinter dem Haus hatte er schon lange nicht mehr betreten. Er war durch hohe Mauern von den Nachbargrundstücken getrennt und inzwischen völlig verwildert. Natürlich gab es hier keine Kartoffel und kein Gemüse, nur Gestrüpp, aus denen Rosensträucher meterhoch emporrankten.
Nachts war es am schlimmsten. Wenn jemand die Tür aufbrechen würde und hereinkäme? Er war zwölf Jahre alt. Zu jung, um zu kämpfen. Zu langsam, um zu fliehen. Zu groß, um sich zu verstecken. Manchmal knackte und ächzte das Haus, bei Sturm war es besonders unheimlich. Dann lag er mit offenen Augen in der Finsternis und konnte keinen Schlaf finden.
Bill Withers - Ain't No Sunshine. https://www.youtube.com/watch?v=YuKfiH0Scao

5 Kommentare:

  1. Leider haben sie ihn dann beim nächsten, erforderlichen Kanalisationsanschluss (lt. Abwasserentsorgungsbescheid 219 a)drangekriegt. Die sechzigtausend Kröten hatte der Nachbar fürs Rasenmähen nicht übrig. Im Schuldenturm zu Bingen muss er seitdem um Gnade ringen.

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  2. Erschreckender Tatsachenbericht zum Faschings-Dienstag ... Herr Bonetti ...welche MUTTER/Eltern macht/en denn so etwas ?!?

    *HELAU...übereineAdoptionmalnachdenke...hastedieAdressevondemJungen*

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  3. Solche Zustände habe ich mir in dem Alter gewünscht wenn ich wütend war. Aber meine Eltern blieben und irgendwann zog ich aus. Ich gäbe als Nachbarin dem Jungen Essen und würde ihm helfen. Aber bei uns wäre schnell ein Amt da...

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  4. Und wenn es nicht gestorben ist ...25. Februar 2020 um 12:06

    ... hat der Junge das Lamm eines Tages geschlachtet. Das ersparte ihm tagein tagaus einen Laib Brot und eine ganze Salami zu mampfen.

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  5. Einsam, einsam, einsam. Gute Kurzgeschichte.

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