Donnerstag, 13. Februar 2020

Die Show ist nie zu Ende


Sie hatten es eilig. In einer Stunde mussten sie in Reutlingen sein. Autohaus Beckerle. Zweihundert Euro sind nicht viel. Sprit. Essen. Trinken. Bonetti.
„Was macht der Fettsack?“ fragte er seine Freundin.
Mandy war Anfang zwanzig. Er hatte sie auf dem Dorffest kennengelernt. Sie hatte einen Aushilfsjob bei Lidl. Das war ihre Chance. Showbusiness. Sie hatte sich die Haare knallrot gefärbt und zu einer Mähne geföhnt.
Er ging auf die vierzig zu. Auf zwanzig Meter Entfernung ein cooler Typ. Je näher man ihm kam, desto erbärmlicher sah er aus.
„Ich glaube, er schläft“, antwortete sie ihm.
Bonetti rollte im Innenraum des Kleintransporters von links nach rechts. Er hatte getrunken und es war ihm egal.
***
„Ihr seid spät dran.“
„Ich weiß. Wo sind die Garderoben?“
„Hier gibt’s keine Garderoben. Geht nach hinten in die Werkstatt. Beeilt Euch!“
Sie hatten Bonetti links und rechts untergehakt und brachten ihn in die Halle.
Sie halfen Bonetti, sein Hasenkostüm anzuziehen.
Eine Viertelstunde später stand er auf der Tribüne, die man aus Euro-Paletten und roter Auslegeware zusammengebastelt hatte.
***
„Liebe Gäste! Das Autohaus Beckerle begrüßt Sie zur Osteraktion mit dem Vortragskünstler Andy Bonetti. Er wird uns einige Gedichte und Kurzgeschichten zu Gehör bringen. Bitte begrüßen Sie mit einem großen Applaus … Andy … Bonetti!“
Etwa dreißig Menschen standen vor der Bühne. Die Hälfte waren Mitarbeiter und Verwandte von Beckerle. Die Rabattaktionen liefen immer etwas schleppend.
Bonetti begann mit seiner Kurzgeschichte „Wattenscheid sehen und sterben“.
Ein junger Mann schrie nach etwa zehn Minuten: „Geh nach Hause, Bonetti!“
Dann traf ihn die leere Bierdose am Kopf. Bonetti sprach ungerührt weiter. Nieselregen setzte ein.

Und es war erst Montag.
Depeche Mode - Enjoy The Silence (Maximum Mix). https://www.youtube.com/watch?v=shyHLKT-FBQ


6 Kommentare:

  1. Danke für die gute Story.

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  2. Hätteste mal etwas ANSTÄNDIGES gelernt ... ♥

    https://www.youtube.com/watch?v=Np-3nZe12vw

    *singundträller*

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  3. Reutlingen ist eben die Hölle !
    115 000 Einwohner aber keine anständige Kneipenszene, vieleicht 2-3 Läden in die man rein kann, der Rest Pizzerien, Griechen, (nix gegen Griechen, aber so zum Abhängen ist das nix)und Dönerbuden. Unterirdischer Fußballklub in der Oberliga und Skandalgeschüttelt.
    Und dann ein "Biosphärengebiet", in dem genau so Bäume eingeschlagen werden wie anderswo, alte Wälder niedergemacht werden und die Bauern auch das ganze Spritzmittelportfolio von Bayer ausbringen wie anderswo. Ein Witz.

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    1. Als Nachtportier hatte ich mal Langeweile und rief auf gut Glück irgendwelche Telefonnummern aus dem ADAC-Schlummeratlas an. Ein Hotel war in Chicago, eins in Reutlingen. Ich tat so, als wäre mein Name Al Bundy, und ich suchte ein Zimmer. Der Nachtwächter in Chicago hat nur gegrunzt und aufgelegt, aber der Kollege in Reutlingen nahm meine Reservierung entgegen. Al Bundy musste ich ihm buchstabieren. Mit Ehefrau Peg und zwei Kindern. Ich finde Reutlingen gut.

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    2. In Reutlingen warten sie auf dich. Diese Menschen können nicht vergessen.

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  4. Ich war mal Reservedichter, auf dem Wuppertaler Büchermarkt 1983. Falls einer der Honorablen sich verletzte an der Fresse. (Faulecken etc.) Ich kam nicht zum Einsatz. Es blieb ruhig.

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