Freitag, 21. Februar 2020

Die Einkehr


Schon der Name ist ein Rätsel, das keinen Sinn ergibt: „??? Bistro“. Warum hat die Kneipe auf dem Marktplatz in Stromberg dieses Schild über der Eingangstür? Es gibt hier kein Bistro, kein Savoir-vivre, keinen Merlot und kein Croque Monsieur. Eigentlich gibt es hier überhaupt nichts zu essen, es sei denn, man würde ein Päckchen Erdnüsse oder eine kleine Tüte Chips als Mahlzeit bezeichnen.
Gott allein weiß, wie es diesen graubärtigen Griechen in dieses Kaff verschlagen hat. Seine griechische Frau hat ihn längst verlassen und die griechische Tochter mitgenommen. Er ist gestrandet wie Odysseus, aber es ist ungewiss, ob seine Abenteuer ein gutes Ende nehmen werden. Jetzt lebt eine junge Frau bei ihm, eine Einheimische, die auch die Gäste bedient und die Kneipe putzt.
Am Tresen sitzen drei dicke alte Männer in abgewetzten Lederjacken. Einer hat das schlohweiße Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie gehörten vor langer Zeit zu einem Motorradclub, der unter dem Einfluss von „Easy Rider“ Anfang der siebziger Jahre gegründet wurde. Inhalt und Bedeutung ihrer verwaschenen Tätowierungen sind nicht mehr zu erkennen.
Am Ecktisch sitzt ein Glatzkopf mit Hosenträgern und beobachtet misstrauisch über den Rand der Tageszeitung einen Türken, der gerade am Geldspielautomat fünfzig Sonderspiele geholt hat. Neben ihm ein weiterer stiernackiger Hunsrücker, ein Waldarbeiter, der mit glasigem Blick in sein Weizenbierglas starrt.
Auf der anderen Seites des Marktplatzes, getrennt durch eine einzige Häuserzeile, liegt der Gerbereiplatz. Wo in alter Zeit die Postkutschen hielten, ist jetzt die Bushaltestelle. Wenn ich von Bingen mit dem Linienbus nach Schweppenhausen fahre, muss ich hier umsteigen. Es bleibt immer ein wenig Zeit, um in der Metzgerei ein Spießbratenbrötchen zu kaufen und mich in die einzige Kneipe des Ortes zu setzen, um zwei Gläser Bier zu trinken, bevor ich weiterfahre.
Schweigsame Männer ohne Termine, mit klobigen Uhren an den Handgelenken. Niemand stellt Fragen. Niemand will Antworten hören. Keine Handys, keine Musik. Die letzte Ruhe.
P.S.: Währenddessen diskutiert man auf einem Symposion in Berlin, ob ein New Green Deal den benzinbetriebenen, finanzmarktgesteuerten Postfordismus überwinden kann.
Gerhard Polt – Die Einkehr. https://www.youtube.com/watch?v=mvRbq7mNOyg

Der Fachkräftemangel erreicht den Hunsrück.

5 Kommentare:

  1. Die Bilder sind eine Klasse für sich!!!!

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    1. Vielen Dank. Das Netz gibt uns so viel und verlangt so wenig :o)

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  2. Bilder und Kommentar sind Ihrem Humor ebenbürtig!!!

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  3. Eine gute Geschichte, möchte mich dazusetzen in der Kneipe und fragend kucken. ;-))
    Die Bilder sind unglaublich, aber vielleicht dem Rechtschreibprogramm des PC geschuldet. Der kennt die Feinheiten nicht... Habe ich doch schon erzählt, dass Weihnachten eine Grippeausstellung war...
    Was soll eine Maschine auch wissen von Sprache?

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