Mittwoch, 29. Januar 2020

Métro, boulot, dodo


Übersetzung: Pendeln, arbeiten, schlafen.
Es ist die Routine, die uns mit fünfzig Jahren nervös macht. Die Zeit rast vorüber, gestern war Silvester, morgen ist Fastnacht und du wälzt dich nachts dreimal von links nach rechts und schon ist es Ostern. Die Zeit läuft immer schneller, weil wir nur noch unsere Routinen verfolgen. Du steigst jeden Tag in das gleiche Auto, fährst immer an denselben Häusern vorbei, wartest an der gleichen Ampel und im Aufzug ins Büro kennst du jeden Knopf mit Vornamen.
Da bleibt nichts, was dein Kopf abspeichern kann. Routinen werden nicht im Gedächtnis abgebucht, nur besondere Ereignisse. Also haben wir den Eindruck, das Leben verginge immer schneller. Es liefe uns davon. Was ist die Lösung? Raus aus dem Alltag. Nicht nur eine oder zwei Wochen. Lange. Auch die räumliche Distanz ist wichtig. Geh weg! Dein Arbeitsplatz und dein Zuhause sollten dir fremd vorkommen, wenn du wieder zurückkehrst. Oder man geht für immer. Neuer Job, neue Wohnung, neues Glück.
Als ich noch am Wissenschaftszentrum Berlin gearbeitet habe, führte ich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Work-Life-Balance etwa achtzig ausführliche Interviews (jeweils ein bis zwei Stunden) zu diesem Thema. Ein Teil der Interviewpartner hatte ein Sabbatical gemacht. Da gab es zum Beispiel eine junge IT-Managerin, Mitte dreißig, die eine Abteilung geleitet hat. Sie erzählte mir, wie befreiend das Sabbatical gewesen ist. Sie war mit ihrem Motorrad in Nord- und Südamerika unterwegs. Sie hat andere Menschen getroffen und Orte besucht, die sie nie zuvor gesehen hatte. Das Jahr kam ihr vor wie vier Jahre. Sie hatte ein neues Kapitel ihrer persönlichen Geschichte aufgeschlagen.
Es gibt viele Gründe für ein Sabbatical. Die einen wollen aus der Routine ausbrechen, die anderen sind von ihrer Arbeit erschöpft oder stehen kurz dem Burnout. Jetzt habe ich einen alten Bekannten getroffen, der ab Ostern ein Sabbatical macht. Im vergangenen Jahr hat er einen fürchterlichen Verlust erlitten. Sein Sohn, gerade 25 Jahre alt, starb an Leukämie. Es hat ihn so hart getroffen, dass er mit seinem Leben nicht mehr weitermachen konnte wie bisher. Klinikaufenthalt, Gruppentherapie, Einzeltherapie. Jetzt setzt er mit der Auszeit ein Zeichen für den Neuanfang. Er will den Jakobsweg gehen, danach in Nepal wandern. Laufen ist sein Ding. Er will sich ein Jahr lang freilaufen. Und dann weitersehen. Vielleicht steigt er ganz aus. Unterwegs hat er Zeit, um nachzudenken, um Abstand zu gewinnen und aus der Distanz sein bisheriges Leben zu beurteilen. Er ist 55, seine Ehe wurde schon vor Jahren geschieden, der zweite Sohn ist längst ausgezogen (er lebte bei ihm) und er hat dreißig Jahre sehr gut verdient.
Ein zweites Leben. Bei mir war es die schwere Depression 2013. Seit sieben Jahren lebe ich neu. Ich habe niemanden bei den Interviews getroffen, der das Sabbatical bereut hätte. Es lohnt sich, über einen Neustart nachzudenken. Man gewinnt mehr, als man verliert.
Bruce Springsteen - Dancing in the Dark. https://www.youtube.com/watch?v=129kuDCQtHs

8 Kommentare:

  1. "...und er hat dreißig Jahre sehr gut verdient." Ein in diesem Zusammenhang sicher nicht zu unterschätzender Umstand.

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  2. Das ist das Kernproblem. Für gering- bis Mittelverdiener stellt die Sache sich oft anders dar. Die können vielleicht eine evtl. geförderte Auszeit bekommen, bleiben aber mangels Mitteln auf ihr gewohntes Umfeld und den Nahraum beschränkt.
    Ich habe früher auch immer gesagt, 'Lebensstandard' mache einen bloß unfrei. Dann kam ich in das Zahnersatz-Alter...

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    1. Mit dem Geld erhöht sich natürlich der Aktionsradius. Aber man kann auch mit dem Fahrrad von Zuhause losfahren und auf Campingplätzen oder in Jugendherbergen übernachten. Im Sommer kannst du z.B. einfach irgendwo im Wald schlafen. Habe ich als Jugendlicher mit Freunden gemacht. Das Abenteuer um die Ecke.

      Mein Schwester hat letztes Jahr vier Monate Sabbatical gemacht, sie hat es über mehrere Jahre durch Lohnverzicht angespart. Als Sekretärin kann sie selbstverständlich nicht vier Monate ins Waldorf Astoria in New York, aber sie hat viele kleinen Reisen mit dem Auto gemacht: Rügen, Antwerpen, Nordsee usw. Dazwischen immer mal wieder ein oder zwei Wochen zu Hause gewesen. Da gibt es viele Möglichkeiten.

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  3. Faust in der Tasche29. Januar 2020 um 11:14

    Das ist jedes mal das Problem. Im TV, gerne in den Dritten, sieht man immer Berichte von den tollen Typen, wie Sie jetzt auf dem Land leben, Bio-Käse herstellen oder Fliegenpilze züchten. Ausgestiegen. Ganz klasse.
    Immer in einem tollen Anwesen, top renoviert, der Allrad steht auch vor der Türe, Traktor ist auch da, das ganze Equipment, neidisch könnte man werden.
    Und was waren die vorher ? Banker, IT Leute, Medizinmänner, leitende Positionen, genug Kohle in der vorherigen Stellung rangeschafft, mit schöner Ablöse aus dem Haus kompimentiert, und dann hier einen auf Öko machen. Sei mir leise.
    Könnte kotzen.
    Vorher noch schön das System angeschoben, mitgemacht und profitiert und jetzt milde lächelnd in die Kamera schauen und einem die Welt erklären.

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  4. "Oder man geht für immer.
    Neuer Job, neue Wohnung, neues Glück."

    Wenn ich loslasse, was ich bin,
    werde ich, was ich sein könnte.
    Wenn ich loslasse, was ich habe,
    bekomme ich was ich brauche.

    Lao Tse
    (Chinesischer Philosoph, 6 Jh. v. Chr.)

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  5. Das geht schon, allerdings wäre es von Vorteil jung dabei zu sein. Damit man Unbequemes besser abfedern kann. Mir sind durchaus Menschen bekannt, die trampend und mit Gelegenheitsjobs vor Ort es sogar bis Mexiko geschafft haben (vgl.: http://rumkommen.de/de/blog/index.php).

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  6. Wasser holen am Brunnen und früh sterben.

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    1. Wenn man nicht mal das mehr schafft, war ohnehin alles vergebens.

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