Freitag, 31. Januar 2020

Im Nebel des Grauens


"Gerade die Tatsache, dass Tradition heute beschworen werden muss, zeigt, dass sie ihre Macht über die Menschen verloren hat." (Max Horkheimer: Kritik der instrumentellen Vernunft)
Neulich habe ich mal wieder in einem alten Suhrkamp-Bändchen von Habermas geschmökert. "Die Neue Unübersichtlichkeit" von 1985. Sieh an, dachte ich mir. Offensichtlich hat die Unübersichtlichkeit der Gegenwart nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. In einem Aufsatz geht es um die Kulturkritik der Neokonservativen. "Die neukonservative Lehre, die bei uns im Laufe der siebziger Jahre über die Presse in den politischen Alltag eingesickert ist, folgt einem einfachen Schema. Ihm zufolge beschränkt sich die moderne Welt auf technischen Fortschritt und kapitalistisches Wachstum." Beklagt wird die "Priesterherrschaft der neuen Klasse"; gemeint sind die Linksintellektuellen, die über Medien und das Bildungssystem die Bundesrepublik kulturell beherrschen würden. Das gilt alles auch für das Jahr 2020. Fortschrittsglaube und Wachstumsfetischismus sind inzwischen zur Leitkultur geworden, die Medien sind alle linksgrünversifft, wie man es in rechten Kreisen gerne formuliert, und man bedient sich weiterhin fröhlich des Opfer-Narrativs, wo man in Wirklichkeit längst an der Macht ist.
Der Aufsatz von Habermas erschien zuerst im Herbst 1982. Damals begann ganz offiziell die konservative Ära mit der Ernennung von Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Seither haben konservative Kanzlerinnen und Kanzler in diesem Land geherrscht. Von einer Herrschaft der Linksintellektuellen - ganz abgesehen von ihrer Stilisierung zur herrschenden Klasse - ist nichts mehr zu sehen. Wo sind die Linksintellektuellen? Da fällt mir gar kein Name ein. Wo sind überhaupt namhafte Linke, die den Begriff verdienen? Wo sind die Intellektuellen, gleich welcher Couleur?
Als Lösung bieten uns die Konservativen, damals wie heute, eine Rückbesinnung auf die Tradition, auf die "gute, alte Zeit" an, ohne die Ironie zu bemerken, dass gerade ihre kritiklose Fortschrittsgläubigkeit und ihr entfesselter Kapitalismus, der immer weitere Lebensbereiche und soziale Beziehungen monetarisieren möchte, das tradierte Leben zum Verschwinden bringt. Es war die Regierung Kohl, die das Kabelfernsehen und die Privatsender zugelassen hat. Beim Thema Internet werden Jugendschutz und gesellschaftliche Wirkungen noch nicht einmal ernsthaft diskutiert. Der Markt soll es regeln und die Verantwortung des Einzelnen wird zur Rechtfertigung eigener Passivität. Das war früher anders, liebe CDU/CSU, liebe SPD, liebe FDP, liebe Grüne. In den letzten vierzig Jahren haben gerade die Konservativen und die Konzerne einen Großteil der Traditionsbestände zerschlagen - und lamentieren gleichzeitig über die Bewahrung irgendeiner deutschen Leitkultur, die es längst nicht mehr gibt. Genau mein Humor.
Parallel zum Verlust der Traditionen können wir auch einen Verlust der Utopien feststellen. Unser einziges Ziel ist die Verhinderung einer Katastrophe. Die Gegenwart hat nicht nur die Vergangenheit aufgefressen, sondern auch die Zukunft.
„Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab. (…) Und je komplexer die steuerungsbedürftigen Systeme werden, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit dysfunktionaler Nebenfolgen. Wir erfahren täglich, dass sich Produktivkräfte in Destruktivkräfte, Planungskapazitäten in Störpotentiale verwandeln.“ (Jürgen Habermas: Die Neue Unübersichtlichkeit)
Foreigner – Urgent. https://www.youtube.com/watch?v=rpko5y1lR1s

2 Kommentare:

  1. Events im Januar 2020
    31 Fr

    Rückwärts-Tag
    Lass-Kunst-dein-Herz-inspirieren-Tag

    Bei Liese sei lieb!
    Bei Liese sei lieb! *hehe*

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  2. Der Text spricht mich an, er zeigt auch etwas von meinem Denken. In allen möglichen Lebensbereichen, z.B. im Gesundheitswesen(Krankenhäuser, Altenheime...) geht es um Geldeinnahmen. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt des Denkens und Handelns, sondern Soll und Haben. So können Demokratie und Gemeinschaft auch zugrunde gerichtet werden. (s. Schere arm und reich).
    Tolle Bilder, darüber freue ich mich.

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