Sonntag, 26. Januar 2020

Dreißig Minuten Realität


Machen wir uns nichts vor. Andy Bonetti ist nur eine Kunstfigur. In Wirklichkeit bin ich alt, dick, männlich, weiß, heterosexuell und verlasse nur noch selten das Haus. Ich darf mich glücklich schätzen, eine Haushaltshilfe und einen Gärtner zu beschäftigen, die mich von allen weltlichen Arbeiten befreien, so dass ich mich ausschließlich der Kunst, namentlich der Vogelstimmenimitation und der präapokalyptischen Lyrik, widmen kann. Dennoch bin ich gezwungen, gelegentlich das Haus für Einkäufe oder Besuche zu verlassen.
Heute war ich im Nachbarort, um im Supermarkt einige Einkäufe zu erledigen. In diesen dreißig Minuten haben mich tatsächlich zwei fremde Frauen angesprochen, eine davon sogar jung (!) und blond (!!).
Die erste Begegnung war am Pfandautomaten. Ich hatte mehrere Tüten mit Pfandflaschen bei mir, weil ich diesen entwürdigenden Moment mit der bockigen Maschine, die gerne die Identifikation von Flaschen verweigert und wirre Befehle gibt, so weit wie möglich hinauszögere. Ich hatte wie üblich irgendwelche Billigklamotten an, in denen ich schon zwei Nächte geschlafen hatte, weil ich mich für den Einkauf nicht extra umziehe, und nur ein letzter Rest von Würde mich davor bewahrt, im Bademantel und in Filzpantoffeln bei Rewe vorzusprechen.
Eine Frau trat hinter mich, sah stöhnend in den randvollen Einkaufswagen und schenkte mir einfach ihre leere Flasche. Dann ging sie. Wortlos. Hätte ich einen leeren Kaffeebecher in der Hand gehabt, wäre vermutlich ihr Kleingeld darin gelandet. Ich gehe mit meinem Neun-Euro-Pfandbon und einem Zehn-Euro-Schein einkaufen. Wein, Schokolade und Mikrowellen-Hamburger. Ich packe alles auf das Band.
Da spricht mich eine junge blonde Frau an, bereits dezent adipös, wie bei uns im Hunsrück ab dem 20. Geburtstag üblich.
„Tschuldigung. Schmecken diese Burger?“
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Die sind sogar noch schlechter als bei McDonalds.“
Sie schaut mich weiter an.
„Aber ich bin zu faul, mir richtige Burger zu machen. Obwohl ich alles zu Hause habe: Patties, Buns, Ketchup undsoweiter.“
Ich fange an, mich zu rechtfertigen. Für Schweinefraß. Für mein ganzes Leben. Für die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz im Jahr 2020. Es ist so peinlich. Selbst die Kassiererin sieht mich nur mitleidig an.
Ich werde von zwei fremden Frauen angesprochen. In den seltenen Momenten, in denen ich überhaupt noch vor die Tür gehe. Und es ist trotzdem einfach nur deprimierend.
Die Burger schmecken beschissen. Danach tröste ich mich mit Wein und Schokolade. Wie lange geht dieses Leben eigentlich noch?
P.S.: Gestern war ich ausnahmsweise mal länger weg. Party in einem anderen Dorf. Sechzig Leute. Ich war - amtlich bestätigt - der letzte Gast und bin heute um 13 Uhr wieder zu Hause gewesen.
Sheryl Crow - All I Wanna Do. https://www.youtube.com/watch?v=a-SaoaXfz6E

8 Kommentare:

  1. amtlich bestätigt? Es gibt also ein Polizeiprotokoll?

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    1. Hier auf dem Land wird noch unter notarieller Aufsicht getrunken.

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  2. Weißt Du denn nicht, dass zu einer ausgewogenen Ernährung auch Chips und Stolichnaya gehören ?

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    1. Selbstverständlich bekenne auch ich mich zu diesen unverzichtbaren Grundnahrungsmitteln.

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  3. Und dann gibt es in Ihrem gottverlassenen Kaff noch nicht mal mehr ein Freudenhaus. Ist das deprimierend.

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    1. Wir müssen inzwischen die Freude selbst machen. Harte Arbeit!

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  4. You need the drugs https://www.youtube.com/watch?v=eSJgf3_3T74

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  5. Aha ! Habe Sie es auch so langsam geschnallt.
    Die beste Anmachlocation für über 50-Jährige ist der Supermarkt.
    Hier am besten ab 17:30 Uhr.
    Ein Blick in den Einkauf lässt auch gleich erahnen, wie es aussieht im Haushalt der Auserwählten. Katzenfutter ist ein gutes Zeichen, daß Sie alleine lebt.
    Auch Fertiggerichte, aber auch Schokolade, Liköre u.s.w..
    Ihr wisst bescheid, wenn Du scharf bist mußt Du rangehn.

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