Donnerstag, 23. Januar 2020

Der 14. Earl of Limebuckle


Er hatte eine geradezu talibanöse Gesichtsbehaarung und eine Visage wie eine genmanipulierte Kartoffel. Jeden Mülleimer inspizierte er akribisch. Gelegentlich zog er mit einem Lächeln eine Pfandflasche heraus, die er in einen riesigen blauen Müllsack stopfte.
Ich beobachtete ihn eine Weile, während er näherkam. Dann trank ich meine Wasserflasche leer und hielt sie ihm entgegen.
„Vielen Dank“, sagte er. „Kann ich mich einen Augenblick setzen?“
„Selbstverständlich“, antwortete ich ihm. „Die Parkbänke sind für alle da.“
Er musste sechzig oder siebzig Jahre alt sein. Mit einem leisen Ächzen ließ er sich neben mir nieder.
„Das ist harte Arbeit, oder? Ich meine: Flaschen sammeln.“
„Nein, ich habe Glück gehabt.“
„Glück?“ fragte ich ungläubig.
„Ja. Ich kann mich glücklich schätzen, das wunderbare Leben auf den Straßen Berlins zu genießen.“
„Das ist nicht ihr Ernst.“
„Doch, ich hatte schon immer viel Glück im Leben. 1988 war ich zur Flugshow in Ramstein eingeladen. In letzter Sekunde rief mein Chef an und gab mir einen dringenden Auftrag. Damals kamen siebzig Leute ums Leben.“
„Unglaublich“.
Er kratzte sich den Nasenrücken. „Im August 2001 war ich zu einem Bewerbungsgespräch im World Trade Center eingeladen. Aber ich habe den Job nicht bekommen. Am 1. September hätte ich anfangen sollen. Bei den Terroranschlägen gab es dreitausend Tote.“
Ich war sprachlos.
„Über Weihnachten und Silvester 2004 hatte ich einen Thailand-Urlaub gebucht. Aber kurz zuvor habe ich mir ein Bein gebrochen. Also musste ich die Reise stornieren. Bei dem Tsunami starben über zweihunderttausend Menschen.“
Inzwischen starrte ich den Mann mit offenem Mund an, der von seinem Leben in einem Tonfall erzählte, als sei es ein ewiges Picknick im Sonnenschein gewesen.
„Können Sie sich an das Erdbeben in Haiti 2010 erinnern? Ich war da. Als es losging, war ich gerade auf dem Meer, um zu angeln. Ich habe es gar nicht richtig mitbekommen, aber als ich in den Hafen kam, war alles zerstört. Über dreihunderttausend Tote.“
„Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ich bin Cletus Elwood McRib, der 14. Earl of Limebuckle. Stets zu Ihren Diensten.”
Dann lachte er, schnappte sich seinen riesigen Müllsack voller Pfandflaschen und ging davon. Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Information Society - What's On Your Mind. https://www.youtube.com/watch?v=ijAYN9zVnwg

3 Kommentare:

  1. Das Glück ist im Grunde nichts anderes als der mutige Wille, zu leben, indem man die Bedingungen des Lebens annimmt.

    - Maurice Barrès (1862 - 1923)

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  2. Der 14. Earl of Limebuckle ist "Relotius-Preis" verdächtig:

    "Das Ding, was da knackte, war mein Schädel"

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  3. Der name triggert: Elwood

    "Well, I've wrestled with reality for thirty five years, Doctor, and I’m happy to state I finally won out over it."


    Elwood P Dowd's Philosophy of Life

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