Freitag, 24. Januar 2020

Dennis


Ich habe Dennis viel zu verdanken. Jahrelang waren die Briefe und später die Mails, die ich von ihm bekam, meine letzte Verbindung zur Heimat meiner Jugend. Wir waren seit der Grundschule miteinander befreundet. Ein witziger und warmherziger Mensch, dem es allerdings an Aufmerksamkeit für die pädagogischen Bemühungen unserer Lehrerinnen und Lehrer mangelte. Dennis Distelbrand ist in der kleinen Stadt am Rand des Pfälzer Waldes geblieben und hat eine Lehre als Elektriker gemacht, während ich nach Hamburg gegangen bin.
Regine war ihr Name. Regine Blaufuß. Meine große Jugendliebe. Wir lernten uns in der elften Klasse kennen und wurden ein Paar. Sie hatte einen Platten gehabt und mich um meine Luftpumpe gebeten. Ich pumpte ihren Reifen auf und wie sich herausstellte, hatten wir den gleichen Heimweg. Vier Wochen später der erste Kuss. Zwei Jahre später der erste Sex. Und ein Jahr nach dem Abitur – ich machte gerade Zivildienst im Jugendzentrum – wurde sie schwanger. Nach einer Party im JUZ, bei der ich am Tresen gearbeitet hatte, fingen mich ihre beiden älteren Brüder ab. Wenn ich Regine nicht heirate, würden sie mich totschlagen. Um die Ernsthaftigkeit ihres Vorschlags zu unterstreichen, trat mir einer der Brüder in die Weichteile. Ich krümmte mich auf dem Boden. Sie ließen mich liegen und verschwanden in die Nacht.
Ich beschloss, die Stadt zu verlassen. Mit einem Rucksack, in dem nicht mehr als ein paar Klamotten und Bücher waren, fuhr ich am nächsten Tag nach Hamburg. Ich schrieb Regine einen Brief und telefonierte am Abend mit meiner Mutter, um ihr meine neuen Lebenspläne zu erklären. Damals lebte ich allein mit meiner Mutter, mein Vater war schon lange tot. Es gab keine Vermisstenanzeige, im Jugendzentrum wollte man keinen Ärger mit den Behörden. Für die restlichen Monate überwies man mir meinen Sold und ich hob in Hamburg per EC-Karte Geld von meiner pfälzischen Stadtsparkasse ab. Ich ergatterte ein WG-Zimmer in Altona und begann, Philosophie zu studieren.
Viele Jahrzehnte waren die Briefe von Dennis meine Nabelschnur in die Vergangenheit. Er berichtete, wie es meinen Freunden und Regine ging. Sie hatte in Holland eine Abtreibung machen lassen und arbeitete als Bibliothekarin in der örtlichen Stadtbücherei. Sie hatte nie wieder einen Freund und blieb unverheiratet. Dennis hatte einen gut bezahlten Job als Facharbeiter in einer Fabrik für Druckmaschinen, eine hübsche Frau und zwei Kinder. Auch unsere anderen Freunde führten ein schönes Leben. Michael studierte Medizin in Kaiserslautern und wurde Hausarzt, Peter eröffnete ein Sportgeschäft in der Innenstadt. Es freute mich, wenn ich regelmäßig Post aus der alten Heimat erhielt. Alles war gut.
Aber dann meldete sich Dennis plötzlich nicht mehr. Ich schrieb ihm Mails, aber er antwortete nicht. Monatelang kein Lebenszeichen von ihm. Nach einem halben Jahr wurde ich unruhig. Das lag nicht in seiner Art. Wir hatten keinen Streit, es gab keine Auseinandersetzung. Der Tonfall der Mails war immer entspannt gewesen, oft machten wir Witze über unsere gemeinsame Zeit und die Streiche, die wir anderen gespielt hatten. Ich entschloss mich, einen Zug in die Heimat zu nehmen, und nachzusehen, was passiert war.
Gegenüber dem Bahnhof der kleinen Stadt, dessen verwitterte Fassade alt und rissig geworden war, lag unsere alte Stammkneipe. Das „Midnight Express“ gab es immer noch. Ich ging hinein und setzte mich an die Theke. Eine junge Frau spülte gerade Gläser und ich fragte nach dem Wirt. Sie rief nach ihm und Heinz-Joachim, von allen nur Heijo genannt, kam zu mir.
„Mensch, Heijo. Es ist schon lange her. Kannst du dich noch an Ingmar Schönleber erinnern?“
Er sah mich schweigend an.
„Früher war ich immer mit Dennis, Michael und Peter hier. Wir hatten unseren Tisch hinten links in der Ecke.“
Da leuchteten seine Augen auf. „Na klar, Dennis war Stammgast hier.“
„Der Bursche meldet sich gar nicht mehr. Was ist mit ihm passiert?“
„Vor sechs Monaten gestorben. Leberzirrhose. Nachdem er seinen Job verloren hatte, lungerte er nur noch in der Fußgängerzone rum. Hartz IV hatte er meistens schon zur Monatsmitte durchgebracht, danach bettelte er vor dem Einkaufszentrum.“
Ich konnte es nicht fassen. „Aber was ist mit seiner Ehefrau, seiner Familie?“
„Dennis? Der war nie verheiratet. Ich habe ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Den Job in der Fabrik hat er schon seit fünf Jahren nicht mehr.“
Ich überlegte einen Augenblick. „Kannst du dich noch an Regine erinnern?“
„Ja, ihre Brüder kommen regelmäßig am Samstagabend hierher.“
„Was ist aus ihr geworden?“
„Sie hat jung geheiratet. Einen Handwerker aus Pirmasens. Sie hat inzwischen drei Kinder und lebt dort in einem Haus am Stadtrand.“
Was war mit der Stadtbibliothek? War ich etwa Vater geworden, ohne es zu wissen? Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, während mir Heijo in aller Seelenruhe von Michael und Peter erzählte. Michael saß wegen Anlagebetrug im Gefängnis und Peter war vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben.
Ich bedankte mich und ging hinaus.
Jetzt stehe ich am Grab von Dennis und bedanke mich bei ihm. Er hat mich über dreißig Jahre lang vor diesen ganzen Tragödien bewahrt.
Foreigner – Urgent. https://www.youtube.com/watch?v=rpko5y1lR1s

5 Kommentare:

  1. Ich bin kein roboter24. Januar 2020 um 09:10

    Auch eine Form von "Matrix" ;-)

    Schöner Text, danke!

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  2. Na ja, Leben halt.
    Bei mir fing es schon etwas früher an. Freunde starben auf dem Motorrad, im Auto beim Heimflug von der Disco, dann wurde es ruhiger, zwischendurch der eine oder andere Stresstote, Coks half da mit, seit 15 Jahren sterben die ganzen Leute, die ihr Leben nie geändert haben, Drogen, Alk und was so alles dazu gehört.
    Es ist im höchsten Maße hart....das Leben.

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  3. TRAURIG ... könnte aber WAHR sein !!!

    Nur, kann man/Frau in Kaiserslautern ... nicht Medizin ... studieren (ړײ)
    Habe da Architektur, in den 80iger studiert ... das ging !!!

    Freitags-GRUß ... alla hopp ♥

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    1. Das hat Dennis ja auch nur erzählt, Engelchen. Und bekanntlich hat er seinem Freund nicht die Wahrheit geschrieben ;o)

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    2. Ich komme - hier - aber auch öfters mit den Wahrheits-, Traum -und Hollywood Wirklichkeiten durcheinander... aber echt (ړײ) *zwinker*

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