Freitag, 8. November 2019

Warten


Es war im Frühling des Jahres 1978. Nach einem Jahr voller Schufterei an den Wochenenden wurde unser Haus in Schweppenhausen endlich fertig. Ich hatte schubkarrenweise Steine für die Maurer transportiert, Fenster gestrichen, meinem Vater beim Tapezieren geholfen, den Handwerkern das Werkzeug gereicht, Stullen geschmiert und was weiß ich noch alles. Auf unserer Baustelle lief nicht viel über Rechnung. Entweder hatten wir es selbst gemacht oder befreundete Tischler, Elektriker und Fliesenleger kamen vorbei. Bauen auf dem Land. In der ersten Nacht schliefen wir auf Matratzen im leeren Wohnzimmer, weil die Möbel erst noch kommen sollten.
Jedenfalls wollten wir uns an diesem Abend etwas gönnen. Mein Vater und ich. Weil wir es endlich geschafft hatten. Damals war ich elf Jahre alt. Zwei Dörfer weiter gab es den Kaiserhof von Johann Lafer, den zu dieser Zeit noch niemand kannte. Es war das beste Restaurant in der ganzen Gegend. Nur die gehobenen Stände verkehrten hier. Von Anfang an hatte ich kein gutes Gefühl. Ich sollte nicht enttäuscht werden.
***
Wir setzen uns an den reservierten Tisch und bestellen das Essen. Bis hierhin läuft es. Nervös betrachte ich die feinen Pinkel an den Nachbartischen. Wir unterhalten uns, meine Limo und der Wein meines Vaters kommen. Dann fasst er in seine hintere Hosentasche und erbleicht. Eine Weile sucht er in allen Taschen. Dann sieht er mich an und sagt: „Ich habe das Portemonnaie vergessen.“
Wir haben kein Geld. So endet also alles. Was würde jetzt passieren? Küchendienst bis in die Nacht? Oder kommt in solchen Momenten gleich die Polizei mit Blaulicht angerauscht? Es ist viel schlimmer. Mein Vater steht auf und sagt zu mir: „Ich fahre schnell nach Hause und hole es.“
Einen Augenblick später bin ich allein. So allein, wie man in diesem Universum nur sein kann. Die Blicke der anderen Gäste, ihre kalten Haifischaugen, werde ich nie vergessen. Sehe ich ein gehässiges Grinsen bei dem fetten Glatzkopf am Fenster? Ich wage es nicht, an meiner Limonade zu trinken. Wie auch? Sie ist nicht bezahlt. Vielleicht ist man bei der Bemessung meiner Strafe großzügig, wenn das Glas kaum angetrunken ist?
Die Sekunden tropfen quälend langsam herunter. Ich habe keine Uhr. Wie lange braucht man von Guldental bis Schweppenhausen und zurück? Würde mein Vater überhaupt das Portemonnaie finden? Was wäre, wenn er es nicht fände und einfach zu Hause bliebe? Wenn der Kellner in meine Richtung blickt, wende ich den Kopf ab.
Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Der Kellner stellt den Teller mit meinem Essen vor mir auf den Tisch. Noch schlimmer: Er stellt den Teller meines Vaters an seinen leeren Platz. Was soll ich tun? Ich würde jetzt keinen Bissen hinunterbringen. Einfach losrennen und in die Nacht laufen? Mich verstecken und den nächsten Morgen abwarten? Über mir der Polizeihubschrauber, der zur Fahndung eingesetzt wird, und das gespenstische Licht der Suchscheinwerfer? Oder ein Leben als Küchenhilfe, ohne Hoffnung, ohne Sinn? Meine ganze Existenz und meine Zukunft hängen von der Entscheidung der nächsten Sekunde ab. Meine Nerven sind aufs Äußerste gespannt.
Mein Vater kommt herein. Setzt sich. Der Kellner fragt, ob er das Essen noch einmal aufwärmen soll. Mein Vater verneint. Ihm ist es natürlich auch peinlich. Peinlich ist gar kein Ausdruck. Zwei Hunsrücker Rübenbauern an einem Ort, an den sie ganz offensichtlich nicht gehören. Wir essen schweigend. Mein Vater bezahlt.
Wir sind nie wieder gekommen.
P.S.: Bis heute greife ich jedes Mal nach meiner Brieftasche, bevor ich ein Restaurant betrete. Nennen Sie es Zwangsneurose. Ich fühle mich gut, wenn ich das warme Leder spüre, in dem sich mein Bargeld befindet.
Tom Waits - Twenty-Nine Dollars. https://www.youtube.com/watch?v=YbvG4jeH33U

Kommentare:

  1. Ist ja eine richtige Schauergeschichte!

    Wahrscheinlich haben damals bereits die meisten Aufschneider in derartigen Etablissements mittels Euroscheck bargeldlos bezahlt. ;-)

    Fein Essengehen "isst" anstrengend mit dem andauernden Gewese um jeden einzelnen Gang und den Eiertanz um jedes Blättchen auf dem Teller.

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  2. Geld ist besser als Armut - wenn auch nur aus finanziellen Gründen.

    Woody Allen

    Und IHR ward Ja nicht mal arm, sondern hattet nur kein Geld dabei !!!

    *HORROR...Geschichte..Liedgutfehlschaltung...Nanana.. Liedgutfehlschaltung...Liedgutfehlschaaaaltung ♫ schallalala ♪ ♫ ♫*

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  3. ….ist mir auch schon mal passiert...seitdem greif ich auch immer vorhernach dem Portemonnaie, bevor ich
    irgendwo etwas kaufen gehe....lach..

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  4. Ist manchmal ganz gut Geld zu vergessen. Ist mir mal in einer Stammkneipe passiert, nach 10 Jahren. Die Reaktion der Wirtin war - sagen wir mal - der Kundenbindung abträglich.

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  5. Geschichte könnte von Hermann Hesse sein...

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  6. Kann ja jeder kommen. Irgend so ne Töle von der Strasse aufgabeln, zu Limo und Pommes einladen, großartig bestellen und wenns um die Rechnung geht, "Oh, Sorry hab eben meine Brieftasche im Ferrari vergessen, komme gleich wieder..."

    Zur Sicherheit hätte ich den Rotzlöffel erstmal einmal in den Kartoffelkeller gesperrt, sonst ist der auch noch durch die Lappen!

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