Dienstag, 26. November 2019

Unsterbliche Welt des Bauerntheaters


Der Bahnhof von Bieselskirchen. Ich habe wie üblich einen Platz in der ersten Reihe, wenn sich die Dramen des Lebens abspielen. Ich sehe einen korpulenten Mann mit viel zu kurzen Beinen und einem viel zu kleinen Hut, der den Bahnsteig entlang rennt. In seinem Schlepptau eine hagere Frau mit einem langen dunkelblauen Mantel. Immer wieder ruft er japsend über die Schulter, sie solle sich beeilen.
Ich habe als stiller Beobachter meine Freude, denn es gibt für mich nichts Schöneres, als ruhig auf einer Bank zu sitzen und den Leuten dabei zuzuschauen, wie sie sich ganz der Eile hingeben. Plötzlich hat das kleinbürgerliche Leben eine Bedeutung. Es geht darum, diesen Zug zu erreichen. Ihr ganzes Dasein konzentriert sich auf diesen einen Punkt. Und natürlich setzt sich der Zug in Bewegung, bevor sie die erste Tür erreicht haben. Mit geradezu obszöner Langsamkeit rollt er aus der Bahnhofshalle hinaus. Verzweifelt schlägt der Mann mit seiner kleinen Faust gegen die Tür, aber es ist längst zu spät.
Es beginnt der zweite Akt. Nachdem er sich eine Minute in Flüchen und Verwünschungen ergangen hat, geht es jetzt um eines der großen Menschheitsthemen. Wer ist schuldig, wer hat eine Sünde auf sich geladen, wer darf Sühne fordern, wer muss bestraft werden? Natürlich ist seine Frau schuld, sagt der Mann. Sie sei zu langsam gerannt. Natürlich sei der Mann schuld, sagt die Frau. Man habe sich viel zu spät auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Längst haben die beiden Menschen vergessen, dass sie nicht allein sind. Das Publikum schweigt hingerissen. Endlich schweigt auch das Paar. Dann versöhnen sie sich. Es ist nicht mehr zu ändern, heißt es jetzt. Alles halb so wild. Man möchte stehend applaudieren, als sie einträchtig abgehen.
Alsbald kommen sie glücklich und zufrieden zurück. Sie waren in der Bahnhofshalle und haben sich mit den irdischen Gütern versorgt, die unsere schöne Welt zum Trost bereithält und auch an alle Verlierer freigiebig verteilt. Sie halten Schokolade und Kaffeebecher in ihren Händen. In diesem Augenblick wirken sie wie Kinder. Ein Drama in drei Akten. Fünfzehn Minuten später fährt der nächste Zug ein und nun können sie die lange ersehnte Reise nach Ödelschwing endlich antreten. Vorhang, bitte.
Melvins - A History of Bad Men. https://www.youtube.com/watch?v=ov2VJmhk4Lo
Haben diese Menschen überhaupt etwas mit dem Thema Zugverkehr zu tun?

1 Kommentar:

  1. YOU made my day .... (ړײ)
    mit was für einer köstlichen Frühstückslektüre,

    am Welttag der Zeitschriften 2019
    26. November 2019 in der Welt

    *GRUß und Kuß aus Hessen ✿*

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