Dienstag, 5. November 2019

Sind Medien sozial?


Die Frage ist eigentlich absurd. Das geschriebene Wort ist gegenüber dem gesprochenen Wort, ohne das sich eine Gesellschaft nicht einmal denken lässt, ein Quantensprung. Massengesellschaften, in denen sich Millionen Individuen miteinander verständigen, Meinungen austauschen und möglicherweise sogar Konsens erzielen müssen, sind ohne Medien gar nicht vorstellbar. Dennoch ist es in Mode gekommen, ich schließe mich selbst bei dieser Kritik nicht aus, vom Internet und seinen öffentlichen Foren wie Facebook, Twitter etc. bis hinab in die Gefilde von Kleinbloggersdorf mit Begriffen wie „asoziale Medien“ zu operieren.
Die Verwirrung geht aber noch wesentlich tiefer. Was ist überhaupt sozial? Darüber sind Linke und Rechte heillos zerstritten. Für die Linken ist eine liberale Gesellschaft, die offen für neue Mitglieder ist, sozial. Wer Migranten ausgrenzt, ist in ihren Augen unsozial. Für die Rechten ist eine ethnisch geschlossene Gesellschaft sozial. Einwanderung ist in ihren Augen das Ende der bestehenden Gesellschaft, also unsozial.
Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, genauer gesagt: zwei Menschenbilder, die wir bereits aus dem 20. Jahrhundert zur Genüge kennen. Die Linken sagen, dass Menschen sich ändern können. Sie können sich einer neuen sozialen Umgebung anpassen, eine neue Sprache lernen, die rechtlichen Bestimmungen und kulturellen Eigenheiten adaptieren. Umgekehrt ist die autochthone Gesellschaft anpassungsfähig und nimmt ständig nicht nur neue Menschen, sondern auch neue Gewohnheiten (z.B. Hollywood-Kino, Pizza und Falafel, Begriffe aus dem Hip-Hop) in sich auf. In ihren Augen ist der Mensch zur Integration fähig.
Für die Rechten – und dieses Menschenbild reicht tief hinein ins bürgerliche Lager – ist der Mensch nicht wandlungsfähig. Jedes neue Mitglied der Gesellschaft schlägt eine Wunde in die bestehende ethnische und kulturelle Gemeinschaft. Migration ist nicht Bereicherung, sondern Verlust. Menschen aus anderen Kulturen werden immer fremd bleiben, es entsteht kein Amalgam, sondern ein erbitterter Konkurrenzkampf. Wo eine Moschee oder eine Synagoge gebaut wird, schließt eine Kirche. Wo ein Dönerladen eröffnet wird, muss eine Bratwurstbude verschwinden. Da fremde Menschen sich nicht ändern können, müssen sie aus der Gesellschaft entfernt werden. Man kann sich in diesen Irrsinn bis zum Massenmord hineinsteigern.
Diese Auseinandersetzung wird gerade in den sozialen Medien, aber natürlich auch in den traditionellen Medien und in der Politik, geführt. Wir können ihr nicht entgehen, wir können uns nicht wegducken, weil uns die rhetorische Brutalität der Rechten jeden Tag aufs Neue verletzt. Wenn wir, die wir augenblicklich noch mit unserem liberalen Weltbild in der Mehrheit sind, die Deutungshoheit über das Menschenbild oder die Zukunft der Gesellschaft verlieren, verlieren wir alles, was seit Hitlers Tod in Deutschland entstanden ist. Erst verlieren wir das Netz, dann die Straße, dann das Land. Noch ist der Ausgang der Debatte offen, noch ist nichts entschieden.
Frank Zappa - DC Boogie. https://www.youtube.com/watch?v=dzg5evqxi_8

17 Kommentare:

  1. Dieser Kampf geht an ganz anderer Stelle verloren, nämlich in den Untiefen des Kapitalismus und Neoliberalismus.
    Als Deutschland bis weit in die 1960er Jahre gezwungen war Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten aufzunehmen, gab es selbst auf Wahlplakaten der CSU rassistische Äußerungen, an die sich bis heute nicht mal die AfD ran traut.
    Im Gegensatz dazu wurde aber durch die Regierung Infrastruktur und Wohnungen aus dem Boden gestampft.
    Selbst der "linkste" und "liberalste" Gutmensch gibt sich aktuell damit zufrieden, das jeder Asylant oder Migrant einfach in Container verbracht wird, wenn er es nach Deutschland schafft.
    Hat er dieses "Paradies" erfolgreich hinter sich gelassen, darf er in den Konkurrenzkampf gegen die bereits "hier länger Lebenden" eintreten im Kampf um Hartz 4, Aufstockerdasein und bezahlbaren Wohnraum.
    Wo sind die "linken" Massenproteste für die Reanimierung des sozialen Wohnungsbaus?
    Die Migration wird mit bester Hilfe aller "fortschrittlichen" Kräfte genauso gegen die Wand gefahren wie die Energiewende mit tatkräftiger Unterstützung der Grünen.
    Ach was rede ich, Hauptsache man sagt nicht Neger und geht im Osten auf Nazijagd. Den Rest regelt der Markt.

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    1. Interessanterweise schlägt sich aber "die Wirtschaft" bzw. "der Kapitalismus" immer auf die Seite der Migrationsbefürworter, allerdings mit einer anderen Motivation. Hier kann der Einwanderer als Billiglöhner die Tarifverträge untergraben. Noch interessanter finde ich den Umstand, dass selbst der Nazi-Stammtisch in Zwickau nichts gegen Migration haben kann, denn die türkische Putzfrau und der polnische Bauarbeiter erledigen längst die Arbeiten, für die sich die Blutsdeutschen zu schade sind. Migration fördert die Teilung in die Herrenrasse, die schön im Warmen sitzt und sich nicht mehr die Hände schmutzig machen will, und die Knechte, die für uns schuften (inklusive der Knechte, die in Asien unsere Klamotten und Handys herstellen).

      Wir lügen uns selbst in die Tasche, wenn wir über Migration überhaupt noch diskutieren wollen. Sie ist und bleibt notwendig, es stellt sich nur die Frage, wie sozial wir sie gestalten wollen. Und an diesem Punkt haben Sie vollkommen recht. Sie wird gegen die Wand gefahren. Es entstehen Ghettos für die Armen, denen wir Jobs geben, in denen die deutsche Sprache noch nicht einmal notwendig ist. Wir lassen sie im Keller des "gemeinsamen Hauses" verrotten - Grün- und Linkswähler genauso wie alle anderen, denen soziale Fragen am Allerwertesten vorbeigehen.

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  2. Wer "offene Gesellschaft" sagt, sagt "Popper".
    Muss, wer "Popper" sagt , nicht auch "Hayek" sagen ?

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  3. Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
    aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.


    Albert Einstein *seufzzz*

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    1. "Vor dem Internet dachten wir, die Leute wären nur so bescheuert, weil sie nicht informiert genug waren. Aber das wars wohl nicht." (Wollunke, Twitter)

      "Mit der Intelligenz ist es ja so: Entweder man hat sie, oder man weiß gar nicht, dass sie einem fehlt." (King Schmunzel, Twitter)

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  4. Was ist eigentlich passiert, daß Sie in letzter Zeit so, na ja, angefressen, ja fast erschrocken wirken? Wurden Sie angemacht? Drohungen hier auf dem Blog?
    Die Situation ist zur Zeit in der Tat etwas ungemütlich, was heißt zur Zeit, in den letzten 20 Jahren hat sich unmerklich aber jetzt im Ergebniss doch spührbar die Stimmung, oder wie man manchmal liest die Gemengelage, deutlich verändert. Alleine der Umgang miteinander, vor allem bei der Arbeit, im Straßenverkehr, auch im Verein oder in ähnlichen Situationen.
    Und es ist tatsächlich furchtbar. Das dabei die Nazis Oberwasser kriegen ist klar, es sind die Kakerlaken und Ratten, die aus den Löchern kriechen, wenn auf den Straßen zu viel Unrat herumliegt. Und der liegt da rum, weil die Bevölkerung, die sonst die Straßen kehrt und sauber macht, das vernachlässigt. Ein liegengelassener Döhner oder Mitnehmpizza, achtlos in die Ecke gepfeffert, und keiner sagt he, räum das auf, nimm deinen Scheß mit.
    Den tägliche Rassismus erlebe ich auch in der Fa. Aber würde man dagegen aufbegehren wären die Konsequenzen blöde. Es ist schrecklich !! Aber Normal.

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    1. Angefressen? ich habe die Lage nur nüchtern analysiert. Beleidigungen und Wünsche nach meinem baldigen Ableben, häufig von Nazis, lösche ich hier gelegentlich. Das beeinflusst meine Stimmung nicht.

      Die Nazis kriegen Oberwasser, weil die Straßen nicht sauber sind? Gegen Rassismus kann man nichts machen? Ich empfehle Ihnen den Kommentarbereich von "Tichys Einblick" :o)))

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    2. Ich hätte von Ihnen mehr Abstaktionsvermögen erwartet.
      Der achtlos weggeworfene, halb gegessene Döhner ist die rassistische Bemerkung, der dumme Spruch, die Rücksichtslosigkeit des Mitmenschen.
      Und der Bürger mit dem Besen ist der aufmerksame Zeitgenosse, der auch mal sagt he, halt bloß die Fresse hier.
      Aber das wird eben, wie schon geschrieben, nicht mehr gemacht. Der mutige Mensch mit dem Besen wird ausgegrenzt, ist das Arschloch, wird vertrieben oder auch mal entlassen. So war`s gemeint, gell !

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    3. Warum drücken Sie das, was Sie meinen, nicht einfach klar und deutlich aus?

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    4. Des said dr Rächt.
      Das sagt der Richtige ( nicht der Rechte )
      Schwäbisch, gell !

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  5. Also böse gesagt sind die "Linken" für alles was die "Sozialindustrie" und ggf. ihre Einkommen sichert und "die Rechten" gegen irgendjemanden mit dem Sie ihre Abgreife kaschieren können.

    Die "einen" wollen absurde Dinge wie unbegrenzte Immigration und die anderen haben ihr Gehetze von den Sozialhilfeempfängern auf Migranten transponiert (macht sich dann nicht mehr gut auf "deutschen" rumzuhacken). beide wollen Sie Rente von Kindern die Sie nie bekommen haben.

    Allen ist das Hemd näher als die Hose. Die Diskussion ist so deutsch wie Sie plumper nicht sein könnte. Typen wie Sarrazin z.B. behaupten ja nur das es weniger Ureinwohner gibt wenn diese kaum noch Kinder bekommen. Irre Erkenntnis, wäre ich nie drauf gekommen.

    Die andere Seite erzählt mir was von Flüchtlingen und Fachkräften. Wer jemals Flüchtlinge miterlebt hat würde es nicht wagen diese Worte in den Mund nehmen.

    Das ganze findet in dann in den Medien statt ist als per se sozial. Passt auch sonst: dumpfdeutsche Naivprimitivparolen mit max. zwei drei Grautönen die widersprüchliches weder erkennen noch aushalten.

    Voll sozial, sozialer geht es kaum but @ german issue.

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    1. Es ist leider z.T. schon so, daß da nicht gerade "leistungsbereite" Leute herkommen.
      Man spreche mal mit Leuten, die in so Flüchtlingsunterkünften arbeiten, Typen, die sich früher mal als Sozialisten oder gar Linke bezeichnet haben, auf Demos waren und "die Guten" sind. Die schimpfen schon auch über so manchen Hänger, der eigentlich zu nichts zu gebrauchen ist.
      Andere Seite: Häuptlingssohn aus Gambia in der Glaserei, macht eine Lehre, ist nicht mehr wegzudenken. Bei mir in der Nachbarschaft. Der gleichaltrige Deutsche packt die Prüfung nicht weil er zu doof ist.
      Also wie jetzt ???

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    2. Leistungsbereit? Das ist eine Reservearmee, der Staat hätte keine Problem die Zügel anzuziehen, macht aber auf die Guten ins Töpfchen ... . Dei Invasion wurde abgefedert und in Ihr Gegenteil verdreht, Hut ab.

      War neulich im Krankenhaus (Besuch). Von Pflegern und Helfern (m/w) hatte noch einer helle Hautfarbe. Hier im Flüchtlingsheim in der Nähe sind die Kinder im Vorschulalter und toben im Park. Süße Fratze, kommen demnächst in die Schule. In meiner Firma geben sich die Paketboten ein internationales Stelldichein, auch nur einer "autochthon".

      Deutschland ist der erfolgreichste melting pot worldwide. Mit Erfahrung aus Jahrhunderten.

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  6. BAP singt das richtige Lied: Arsch hoch, Maul auf, und wir sind viele! War 1989 auch so, wenn man sich zusammentut wird sich etwas ändern. Keine Wunder, aber kein Rückschritt passiert mehr.

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    1. Ihr seid viele, was für viele?
      Schafe? Lämmer? Mitläufer (wohin?) in jedem Fall, da "inbegriffen".

      Oder Lemminge? Extinction rebels - kaum verhüllt der Aufruf zur (eigenen) Ausrottung.

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    2. Vielleicht solltest Du das Lied mal anhören? Und was tust Du gegen die "Ausrottung"?

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