Dienstag, 12. November 2019

Hotel Bellevue


Ein feiner Nieselregen. Staub aus Wasser. Ich war gerade aus dem Mietwagen gestiegen und die Feuchtigkeit legte sich augenblicklich auf mein Gesicht und meine Hände. Die ganze Welt war klamm und grau. Ein grauer Tag zwischen zwei schwarzen Nächten. Wer den November mag, bringt vermutlich auch Verständnis für Buchhaltung oder private Altersvorsorge auf.
Von der Landschaft war fast nichts zu sehen. Ein paar kahle Bäume am Rande des Parkplatzes. Ich hatte im Internet recherchiert: Auch bei Sonnenschein gab es hier nichts zu sehen. Endlose Felder. Etwa ein Kilometer entfernt eine Kleinstadt. Wer baut an diesen verlassenen Ort ein Hotel?
Ein erfahrener Kollege hatte mir erklärt, solche Immobilien seien Abschreibungsobjekte großer Konzerne. Ein Teil der Investitionssumme, lächerlich hohe Rechnungen für Berater oder Briefkastenfirmen, waren versteckte Boni für Vorstandsmitglieder und inoffizielle Ausschüttungen an Großaktionäre. Finanziell machte alles einen Sinn, aber wenn man das Foyer des trostlosen, zwölfstockigen Gebäudes betrat, konnte man nur den Kopf schütteln.
Ich hatte es mir abgewöhnt, Aufträge zu hinterfragen. Als freier Journalist nimmt man Orte und Themen klaglos hin. Das Kundenmagazin einer großen Bank hatte drei Seiten Text bestellt und ich würde sie liefern. Irgendwann käme auch ein Fotograf vorbei, um die Bilder zum Artikel zu liefern. Ich kannte seinen Namen nicht.
Die junge Frau an der Rezeption trug eine dunkle Jacke und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Als ich exakt einen Meter von ihr entfernt war, sah sie auf und knipste ihr Service-Lächeln an. Ich füllte ein Formular aus und nahm die Plastikkarte entgegen, die Zimmer 513 öffnen sollte. Sie zeigte mir den Weg zum Fahrstuhl und senkte den Blick wieder. Ihr Gesicht wurde innerhalb von Sekundenbruchteilen völlig ausdruckslos.
Nachdem ich meine Reisetasche neben das Bett gestellt hatte, ging ich zum Fenster. Auch vom fünften Stock aus war nichts zu erkennen. Grauer Nebel. Auf dem Fensterbrett saß ein Rabe, aber er schien mich nicht zu bemerken. Offensichtlich waren die Scheiben getönt. Ich beschloss, in die Bar im zwölften Stock zu gehen.
Obwohl es erst früher Nachmittag war, herrschte an den Tischen und am Tresen ausgelassene Stimmung. Ich bestellte einen Harvey Wallbanger und verzog mich an einen kleinen Tisch in der Nähe der Toiletten. Ein Kellner brachte mir den Drink und sagte nur: “Ärztekongress”. Ich nickte verständnisvoll. Spesenritter bei ihrem halbjährlichen Treffen. Offiziell lief die Veranstaltung als Weiterbildung. Bei den Vorträgen saßen aber nur wenige Leute, eigentlich war es eine Geisterveranstaltung. Die meisten Teilnehmer soffen und fraßen sich durch den Tag, machten sich mit alten Kollegen über ihre Patienten lustig und spielten bei schönem Wetter eine Runde Golf auf dem Gelände eines Clubs, der nicht weit entfernt war.
Am Abend ging ich ins Hotelrestaurant. Die Speisekarte bot keinerlei Überraschungen. Gutbürgerlich mit internationalem Einschlag. Drei Suppen, vier Salate, fünf Hauptgerichte und drei Desserts. Ein Hauptgericht war vegan, eins war mit Fisch. Ich entschied mich für eine Steinpilzcremesuppe, Schweinemedaillons mit Spätzle und das Zitronensorbet. Morgen würde ich noch einmal zu Mittag essen, bevor ich abreiste. Dann hätte ich sechs Gerichte probiert, über die ich schreiben konnte. Die Weinkarte bot Rebsorten, die jeder kannte, aus beliebten Anbaugebieten in Deutschland, Frankreich und Italien. Ich bestellte ein Glas Merlot und später noch einen Riesling von der Mosel.
In meinem Hotelzimmer plünderte ich die Minibar. Vier Flaschen Bier. Das würde reichen. Was sollte ich bloß drei Seiten lang schreiben? Das Zimmer war absolut nichtssagend. Es war alles da, was man brauchte, und nicht mehr. Es war sauber, aber auf abstoßende Weise ungemütlich. Alle Zimmer im Hotel sahen gleich aus. Alle Flure waren gleich. Eine fadenscheinige und deprimierende Kulisse, eine Fassade, hinter der sich nichts verbarg. Ich versuchte, mir den Innenarchitekten vorzustellen. Ein Anzugträger mittleren Alters, mit einem Mittelklassewaren, einer Frau und zwei Kindern in einem Fertighaus in irgendeinem Vorort irgendeiner Stadt, deren Namen man nicht kennen muss.
Am nächsten Morgen, nachdem ich das belanglose Frühstücksbuffet hinter mich gebracht hatte, führte ich ein Gespräch mit dem Hotelmanager. Halbglatze, Bauchansatz, der Händedruck weich und etwas feucht. Er betrachtete einen Augenblick mein Gesicht, halb angewidert, halb interessiert, als ob er einem dreibeinigen Hund beim Laufen zusehen würde. Dann setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch und beantwortete routiniert meine Fragen. Hotel vor zwei Jahren erbaut, Auslastung zufriedenstellend, das Museum für Landeskunde in der nahen Kleinstadt immer einen Besuch wert.
In meinem Zimmer begann ich zu schreiben. Ich stellte die Fakten zusammen, dazu ein paar Textbausteine aus ähnlichen Auftragsarbeiten. Das klingt dann so: „Sie möchten stilvoll feiern, erfolgreich tagen oder sich mit ihren Mitarbeitern ein verdientes Incentive-Wochenende gönnen?“ Oder so: „Das Hotel Bellevue kompensiert seinen kompletten CO2-Verbrauch. Jede Veranstaltung ist somit klimaneutral.“ „Die Umgebung des Hotels lädt förmlich zu Outdooraktivitäten ein. Ob Wandern, Biken oder Golf, jeder Sportbegeisterte kommt hier auf seine Kosten.“ Komfortabel eingerichtet, Hotelküche lässt keine Wünsche offen, einmaliges Ambiente, Wellness-Oase und fertig ist die Laube.
Zwei Stunden später war ich wieder auf der Autobahn.
The Specials - Ghost Town. https://www.youtube.com/watch?v=jqZ8428GSrI

5 Kommentare:

  1. UND dafür bekommst DU Geld ?!? *RESPEKT*

    Herzlichen Glühstrumpf: am 12. November 2019 ist mal wieder Tag der schlechten Wortspiele.
    Na, das kann ja eiter werden! *augenroll*

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    1. UND solche Jobs traust DU mir zu ?!? *ENTSETZEN*

      Du bist wunderbärchen

      Tschüsseldorf

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  2. Das Ende der Nahrungskette sollen ja Motorjournalisten sein.
    Wenn eine neue Karre vorgestellt wird passiert das meist im Mittelmeerraum, damit auch die Bilder in den tollen Autojournalen schön sind. Meist an pitoresken Orten mit schöner Landschaft und tollen Hotels. Morgens ankommen, dann stehen schon ca. 100 so Kisten zur verfügung, reinhocken und durch die Gegend kacheln, abends dann Buffet und andere Bespaßung und zur Abreise bekommt man dann noch das Bulletin in die Hand gedrückt, damit man weiß was man schreiben soll.
    So hat es jedenfalls mein Freund beschrieben, der in der Branche als Beleuchter und Techniker unterwegs war.
    Also, Ihr wißt Bescheid, Augen auf bei der Berufswahl.

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  3. Tolle Shortstory. Mehr oder hoffentlich mal bei Luchterhand...

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  4. Schön- genauso habe ich mir die Konferenzen vorgestellt, ich konnte immer nur nach den Ergebnissen beurteilen. Aber die sind so dass ich diese Abläufe für schlüssig halte. Hätte gerne früher einen Job in der Branche gehabt, für kurze Zeit hätte ich es gern ausgehalten.

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