Freitag, 29. November 2019

Die Befreiung


Er trug einen grünen Kampfanzug ohne Rangabzeichen und ein rotes Barett. Er hatte einen schwarzen Vollbart und blickte heroisch in die Zukunft. Die perfektive Ikonographie des Aufstands: Commandante Bonetti. Viva la revolucion. Der bewaffnete Kampf gegen die Unterdrückung hatte begonnen. Als ersten Ort würden sie Wichtelbach vom Kapitalismus befreien.
Bonetti kam mit seinen zehn Companeros aus dem Wald. Mit entsicherter Pistole schlich er an der Friedhofsmauer entlang. Die Straßen des Dorfes waren leer, die Häuser standen einfach nur still in ihren Gärten. Sie rannten weiter zur Hauptstraße und blickten um die Ecke. Auf der Kreuzung in hundert Meter Entfernung hörten sie leise Musik. Ein Gasthaus, dessen Fenster schwach erleuchtet waren.
Sie stürmten in die Kneipe. Bonetti schoss einmal in die Decke. Grauer Putz rieselte auf sein Barett. Vielleicht hätte er schräg schießen sollen.
„Wir werden euch befreien“, rief er.
Am Tresen saßen zwei adipöse Mittfünfziger beim Bier. Der Wirt schaute Bonetti mit großen Augen an und machte die Musik aus. „Was ist denn los?“ fragte er.
„Heute werdet ihr das Joch der Ausbeutung abwerfen. Wo finden wir den Bürgermeister? Wir wollen zum Rathaus.“

„Der Rudi ist in Urlaub“, antwortete der Wirt.
„Rathaus haben wir keins“, sagte einer der Männer am Tresen.
„Aber wir dürfen doch weiter trinken?“ fragte der andere Gast und hob sein Glas.
Bonetti war ratlos. „Wo treffen sich die Arbeiter und Bauern dieses Dorfes?“
„In der Gemeindehalle. Wenn Sie rausgehen und an der Kreuzung in die Gaustraße einbiegen, kommen Sie zum Feuerwehrhaus. Schräg gegenüber ist die Halle.“
Bonetti ging mit seinen Kampfgenossen zur Gemeindehalle. Er schoss die Tür auf. Jetzt hatten sie wenigstens ein provisorisches Hauptquartier. Vor der Halle zogen sie an der Fahnenstange, an der während der Kirmes die Flagge mit dem Dorfwappen wehte, das rote Banner der Revolution auf. Der erste Schritt auf dem langen Weg war gemacht. Aufgepasst, Ochsenhausen!
Ton Steine Scherben - Die letzte Schlacht gewinnen wir. https://www.youtube.com/watch?v=hy-_T6WF0e4

2 Kommentare:

  1. Was für ein Augenöffner.
    Hier im Städtchen läuft gerade ein Kulturkampf.
    Das alte Rathaus aus den 70er Jahren ist marode, steht aber lustigerweise in seiner ganzen Häßlichkeit unter Denkmalschutz.
    Eine Kernsanierung käme teuerer als ein Neubau. Und so kämpfen die "Freunde der Bausünden" gegen den "Verband der Erbsenzähler".
    Meine Lösung war bisher, den alten Mist abzureißen und auf einen Neubau zu verzichten.
    Jetzt, wo ich weiß, ohne Rathaus keine Revolution, muss ich das nochmal überdenken.

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  2. Was ist besser? Menstruation oder Revolution?

    Egal, Hauptsache es fließt Blut!

    *anonym*

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