Donnerstag, 28. November 2019

Der Leser


Er saß an seinem Schreibtisch und öffnete die untere linke Schublade. Darin befanden sich Schreibpapier und Briefumschläge. Das Päckchen mit den Umschlägen war noch in Zellophan verpackt, es war allerdings schon angebrochen. Fünf Umschläge fehlten, die nächsten fünf Umschläge waren leer. In den restlichen vierzig Umschlägen steckte jeweils ein druckfrischer Fünfhundert-Euro-Schein. Das perfekte Versteck. Welcher Einbrecher stiehlt schon Büromaterial? Im Internetzeitalter?
Er steckte das Päckchen in die Innentasche seines Mantels. Was brauchte er noch? Den Hausschlüssel? Er würde nicht mehr wiederkommen. Die Brieftasche? Seine Ausweispapiere waren nutzlos. Er würde neue Dokumente brauchen. Er nahm sein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber mit, dann stand er auf und verließ das Haus. Fünf Minuten später hatte ihn das riesige U-Bahn-Netz verschluckt. Ein junges Mädchen, an ihren iPod angestöpselt, mit kamelhaarfarbener Pagenfrisur und industriell zerstörten Jeans, saß ihm gegenüber. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war.
***
Er hatte kreisrunde Brillengläser, schütteres Haar und sah aus wie der junge Himmler.
„Die Kleiderschränke sind voll, der Ausweis ist da. Es sieht nicht aus, als ob er abgehauen wäre.“
„Es hat keinen Zweck, auf ihn zu warten. Er wird nie mehr wiederkommen. Wir müssen uns fragen, wohin er gegangen ist.“ Der Kommissar setzte sich auf einen Barhocker in der Küche.
„Er hat keine Verwandten und keine Freunde, die wir kennen.“
„Nehmen Sie die Fingerabdrücke, suchen sie ein Haar auf dem Kopfkissen und jagen Sie das Material durch unser System.“
***
Die Flucht machte alles einfacher. Er kam im Intercity von Berlin nach Amsterdam mit einer klugen und witzigen Frau ins Gespräch. Sie unterhielten sich mehrere Stunden. In Rheine stieg sie aus. Was wäre passiert, wenn sie sich noch einmal getroffen und wirklich kennengelernt hätten? Heirat und 1,3 Kinder? Reihenhaus in Bad Nauheim? Hätte er irgendwann Anspruch auf eine Betriebsrente gehabt? Würde er über Bridge anders denken, weil er mit einer Kartenspielerin zusammenleben würde? Eine Milliarde ungelebte Leben auf eine echte Biographie. Aber er hatte keine Zeit für diese Überlegungen. Im Hotelzimmer sortierte er seine Möglichkeiten und die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs.
***
Das Antiquariat lag an einer Seitengracht. Der Raum war schmal, die Bücherregale reichten bis zur Decke. Dahinter war ein Durchgang, in dem eine Treppe in die Wohnung über dem Laden führte. Hinter dem Durchgang war ein Hinterzimmer. Auch hier waren die Wände komplett hinter Bücheregalen verschwunden. Zwei alte Ledersessel standen in der Mitte des Raums. Hier konnte man in Ruhe lesen.
Selbst an der Treppe waren Bücherregale. Die Wohnung im ersten Stock bestand aus zwei Zimmern, einer kleinen Küche und einem Bad. Überall Bücher. Man fragte sich unwillkürlich, ob sie sich im Laufe der Jahre von den Geschäftsräumen auf die Wohnräume verbreitet hatten oder umgekehrt. Eines Tages würde dieses Haus aufplatzen wie eine reife Frucht und die Bücher würden sich über den Bürgersteig bis in die Gracht ergießen.
Er kam kurz vor Geschäftsschluss, es dämmerte schon, und fragte seinen alten Freund, ob er eine Weile bleiben durfte. Der Buchhändler lächelte und nickte. Der Mann ging nach oben, nahm sich ein Buch aus dem Regal und fing an zu lesen. Einen ganzen Monat würde er sich noch nicht einmal am Fenster zeigen können. Viel Zeit für Literatur. Viel Zeit, um nachzudenken. Dann würde er noch einmal von vorne anfangen.
The Rolling Stones – Winter. https://www.youtube.com/watch?v=frt_f0eP_Hs

1 Kommentar:

  1. "Dann würde er noch einmal von vorne anfangen."

    Bei Herrn Ackerbau hängt ein Mann im Baum ... da jetzt nicht dran denken mag ?!? *grusel*

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