Donnerstag, 7. November 2019

Beobachtungen und Überlegungen eines Unbeteiligten


Mit winzigen Schritten schlurft der alte Mann die Straße entlang, das Haupt tief gebeugt, so als kenne er den Weg. Er wird es nicht schaffen, denke ich, er ist zu langsam. Noch bevor er den Platz am Ende der Straße erreicht, wird es Nacht geworden sein und die Geschäfte wären längst geschlossen. Für eine Umkehr ist es dann allerdings zu spät. Er wird auf einer der Bänke vor dem Brunnen schlafen und morgen früh sein Glück beim Bäcker versuchen müssen.
***
Alle nennen ihn nur den Schreiber. Seinen wirklichen Namen kenne ich nicht. Aber er ist der einzige im Dorf, der schreiben kann. Wenn die Dorfbewohner also ein Schriftstück benötigen, gehen sie zu ihm. Er läuft durch die Felder und den Wald in die Stadt, um ihre Behördengänge zu erledigen. Aber in der Stadt lachen sie ihn nur aus, denn er ist wie ein Bauer gekleidet. In den Amtsstuben lassen sie ihn lange warten und schicken ihn dann fort. Auf der Straße laufen die Kinder hinter ihm her, manche bewerfen ihn sogar mit Steinen. Er gehört weder in unser Dorf noch in die Stadt. Wenn er sich im Wirtshaus an den Tisch der Bauern setzt, schweigen die Bauern. Wenn er sich an den Tisch der Handwerker setzt, schweigen die Handwerker.
***
Noch vor Anbruch des Tages setzt sich der glatzköpfige Priester auf den goldenen Thron. Er ist ein Riese und wiegt so viel wie ein Ochse. An den Seiten des Throns sind zwei Eisenstangen angebracht. Zwölf starke Männer heben ihn an und tragen ihn zum Tempel hinaus. Es geht durch ein kleines Kieferwäldchen zum heiligen Berg. Der Weg ist steil und als die Sonne aufgegangen ist, glänzen die schweißnassen Leiber der Träger. Unter dem Gipfelplateau halten sie an. Dort ist ein Korb, den man mit einem Seilzug in die Höhe ziehen kann. Der Priester setzt sich hinein und steigt auf dem Plateau aus. Man kann über das grüne Tal bis in die weite Ferne blicken. Hier steht ein gewaltiger Gong aus Bronze. Der Priester schlägt ihn drei Mal. Jetzt beginnt das Leben in den Dörfern und die Menschen strömen auf die Felder. Diese Zeremonie ist seit Jahrtausenden unverändert. Wäre alles nicht viel einfacher, wenn der Gong im Tempel stünde?
Creedence Clearwater Revival - Fortunate Son. https://www.youtube.com/watch?v=ec0XKhAHR5I

Lovis Corinth: Walchensee, Abendstimmung.

1 Kommentar:

  1. Natürlich wäre es einfacher, stünde der Gong im Tempel! Aber das Bild, was ich nach der Schilderung im Kopf habe ist grosses Kino.

    AntwortenLöschen