Mittwoch, 30. Oktober 2019

Komm mit ins Abenteuerland


Frankfurt Hauptbahnhof, neun Uhr morgens. Beim Aussteigen aus dem Regionalzug riecht es nach frischen Backwaren, nach Sauberkeit, mit kleinen Einsprengseln von Rauch. Ich habe eine Stunde Aufenthalt und spaziere zum einen Seitenausgang hinaus, über den ganzen Vorplatz und zum anderen Seiteneingang wieder hinein. Plaudernde Polizisten, eilige Angestellte. Lieferanten mit ihren Lastwagen. Die temporäre Bevölkerung unter dem silberblauen Morgenhimmel ernährt sich von Kaffee und Zigaretten. Der Bahnhof wirkt zu dieser Stunde so unschuldig wie neugeborenes Leben, als hätte es die ganzen Junkies und Taschendiebe, die Betrunkenen und die Bettler nie gegeben.
Ich habe zu dieser Uhrzeit die Wahl zwischen Currywurst und indischem Curry, belegten Brötchen und Pizza, Pommes und Thaifood, Bowles und Burgern. Da der Teufel meinen Leib regiert und sich die Engel in meinem willensschwachen Gehirn verbarrikadiert haben, entscheide ich mich für ein Doppelwhopper-Menü mit Cola. Ein älteres Ehepaar setzt sich an meinen Tisch. Sie haben viel Gepäck dabei. Offenbar kommen sie vom Flughafen. Die Frau fragt tatsächlich, ob hier noch frei wäre, als säßen wir in einem richtigen Restaurant. Dann möchte sie wissen, ob man hier auch Pommes frites käuflich erwerben kann. Ich nicke und erkläre ihr, dass es sogar Kaffee gäbe.
Nach dem Frühstück setze ich mich auf eine Bank an Gleis 9, um auf meinen Zug zu warten. Und auf das Abenteuer. Ich werde nicht enttäuscht. Die Deutsche Bahn hat ihrem reichhaltigen Repertoire an perfidem Psychoterror ein neues Element hinzugefügt. Mein ICE nach Berlin wird an meinem Gleis bereits auf der Info-Tafel angezeigt, aber es rollt ein anderer Zug ein – der zur allgemeinen Verwirrung ebenfalls nach Berlin fährt. Sicherheitshalber frage ich eine Schaffnerin, ob man die Zugnummern getauscht habe. Sie verneint und ich steige schnell wieder aus, denn als Supersparschwein mit 19-Euro-Ticket habe ich eine geradezu frühkindlich-libidinöse Bindung an den ICE 692. Viel Hektik, Leute steigen ein und wieder aus. Aber ein paar Amateurreisende hat man sicher gefangen. Inhaber von Sparpreis-Tickets dürfen nach Abfahrt des Zuges einen neuen Fahrschein kaufen. Ohne Bahncard sind dann 150 Euro fällig.
Erfahrene Buddhisten, die wissen, dass Bahnreisen Leiden ist, sind natürlich nicht in diese Falle getappt. Kurz vor Abfahrt wird, zur allgemeinen Begeisterung, noch ein Gleiswechsel bekannt gegeben und ich mache mich demütig auf den Weg. Auch das Thema „geänderte Wagenreihung“ entlockt mir nur ein mildes Lächeln. Damit können sie mich schon lange nicht mehr zermürben. Ich erreiche meinen reservierten Platz, bevor der Zug mit zehnminütiger Verspätung losfährt. Beide Züge setzen sich übrigens zur gleichen Zeit in Bewegung. Unser Zug ist brechend voll, der andere ICE ist fast leer.
Im Zug: „Liebe Fahrgäste! Genießen Sie die Mittagszeit in unserem Bordrestaurant mit Görlitzer Nierenallerlei und einer schönen Graupensuppe.“ Ich habe vorgesorgt, mir ist schon schlecht.
An meinem Tisch im Großraumwagen erkläre ich einem französischen Ehepaar den deutschen Begriff „Ruhebereich“. Ob man sich hier unterhalten könne? Selbstverständlich, antworte ich. Aber Bongotrommeln und Trompetenspiel seien weniger gerne gesehen. Falls sie sich streiten wollen und herumschreien möchten, sollten sie den Wagen wechseln. Das sei im normalen Bereich des Zuges kein Problem. Wenn sie sich prügeln wollten, gäbe es noch das Kleinkindabteil. Alles sei in Deutschland gut organisiert. Das Paar lächelt und ist mit der Erklärung zufrieden. Zehn Minuten vor Berlin – einige Enthusiasten packen schon oder stehen im Gang – bleibt der Zug in Ludwigsfelde liegen. Ich hab’s doch gewusst. Beinahe wären wir pünktlich angekommen. Das wäre ja noch schöner gewesen!
Das erste Telefonat, das ich in der Berliner U-Bahn höre: „Er kann nicht alleine. Er ist Schufa. Seine Frau ist Schufa.“
Vor meiner Haustüre stehen ein E-Scooter und zwei Leihräder.
Willkommen in Berlin.
P.S.: Krönender Abschluss des Tages war die Leistung eines italienischen Lieferdienstes, der mir zur Pizza zwei alkoholfreie Kristallweizen brachte, die ich garantiert nicht bestellt hatte. Natürlich bemerkte ich es zu spät.

Ein Bild des Mainzer Hauptbahnhofs von 1907. Die Palme im Vordergrund deutet bereits auf den bevorstehenden Klimawandel hin.
Rolling Stones - Little T & A. https://www.youtube.com/watch?v=lBFG7sERnmg

7 Kommentare:

  1. Sauberer Bahnhof ? Keine Spuckeseen von, wie der Kiezneurotiker/Pestarzt schreibt, Musterbeispielen mißlungener Integration ? Kahlrasierte dürfen auch nicht fehlen. Schlicht Dreck überall, der Boden ein einziger schwarzer Schmier, es stinkt nach Pisse, die Wänder Rauputz und darurch sehr Staubaffin, der Bäcker der schlechteste der Stadt, betrieben von übertrieben geschminkten Damen, deren vorherige Tätigkeit leicht zu erahnen ist. Das ist der Bahnhof von Reutlingen.
    Das muß man, so wie die Stadt, einfach mal gesehen haben.
    Fahren Sie dazu mal in Österreich oder der Schweiz mit dem Zug. Herrlich !

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    1. Meine schönste Bahnreise war in Japan. Ein Traum. Aber die Fahrt mit dem Transrapid in Shanghai war auch cool. In Reutlingen war ich nur mit dem Auto. Fand ich nicht so schlimm wie Neukölln ;o)

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    2. Jetzt verstehe ich , warum so viele Kumpels in Neukölln wohnen.

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    3. Transport und Bahnhöfe betreibt die Bahn. Aber was kann die für die Kulturformen die sich da herumtreiben? Das ist doch eher ein Thermo- und Barometer einer Gesellschaft oder Gegend.

      Für mich sind die Medien weitaus mehr verantwortlich als dies AG in Staatsbesitz. Sie hetzen gegen alles was eine Gesellschaft stabilisiert und ihr macht alle fleißig mit. Da kommt der Sündenbock Bahn gerade recht.

      Was da passiert ist auch mehrt als dubios. Die Bahn bekommt Neuinvestitionen ersetzt, Instandhaltung aber nicht. Da ist natürlich klar das alles auf Verschleiß gefahren wird. So etwas ist imo Vorsatz, weiß nur nicht von wem.

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  2. DANKE ... für die mich entzückendunderheiternde Morgääähn-Lektüre (ړײ)

    Und vergiss heute nicht ...

    Halloween 2019
    31. Oktober 2019 in Deutschland


    ..."Süßes oder Saures!" für die Monster - Kiddies bereitzuhalten !!!

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    1. Bei mir gibt es diesen neumodischen Brauch nicht. Heute ist Reformationstag und Geburtstag meiner Nichte :o)

      Bin sicherheitshalber den ganzen Tag als Wurst mit Gesicht verkleidet ...

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  3. Ich wünsche Dir spannende Erlebnisse in Berlin, Zeit zur Muße und etwas Aufregung, vielleicht wegen falscher Lieferung ;-). Die Berichte über die DB sollte jemand sammeln und dem Vorstand geben, auch wenn es nichts nutzen würde. Ich würde den Vorstand gern bei Wasser und Brot lesen lassen, ohne Handy, ganz ruhig. Und dann fragen, was sie tun wollen.

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