Donnerstag, 31. Oktober 2019

Herz der Finsternis


„Ständig wird über die neuen Bundesländer berichtet. Wie geht es unserem Ossi? War er wieder böse und hat rechts gewählt? Fühlt er sich benachteiligt? Was können wir noch für ihn tun? Als hätte man ein behindertes Kind in der Familie.“ (Andy Bonetti)
Hamburg. Weltstadt. Zivilisation. Wir waren drei tapfere Helden, die von St. Pauli mit ihrem Motorboot die Elbe hinauffahren wollten. In die Wildnis. Ins Land der Ossis.
Fiasco Brunelli, der Kapitän mit der dunkelblauen Kapitänsmütze. Sein Bart war schneeweiß, er hatte immer eine Pfeife im Mundwinkel und seine Augen waren so grau wie das Meer bei Regen. Isabella Schüsselsprung, Journalistin vom „Wasserspiegel“, mit langen roten Haaren und furchtlosem Lächeln. Ihre Sommersprossen bildeten ganze Sternbilder auf Stirn und Wangen. Und ich, ein Ethnologe auf der Suche nach der Grenzen der Erkenntnis.
Es war ein heiterer, unbeschwerter Sommertag, als wir die Leinen lösten und auf die Reise gingen. Ein paar Stunden hinter Hamburg wurden die Häuser an den Ufern weniger, schließlich verschwanden sie ganz. Wildnis umgab uns. In der Ferne hörten wir den Klang der Trommeln. Ossiland. Herz der Finsternis. In der ersten Nacht hörten wir grässliche Schreie und Gelächter. Es lief uns kalt den Rücken hinunter. Am Ufer sahen wir ein Feuer, aber es waren keine Menschen zu sehen. Wir ankerten in der Mitte des Flusses.
Am nächsten Morgen fuhren wir weiter. Dichter Wald säumte die Ufer und unheimliche Tierlaute hallten über das Wasser. Plötzlich sah ich einen Ossi zwischen den Bäumen. Er hatte kurz geschorene Haare und war voller Tätowierungen. Sorgfältig legte ich mit der Muskete an und schoss, aber als sich der Pulverdampf verzogen hatte, war er verschwunden.
Gegen Abend erreichten wir Fort Kohl. Es ist mit Holzpalisaden geschützt, an allen vier Ecken gibt es Wachtürme. Hier ist ein Regiment schwäbischer Infanteristen stationiert. Der Kommandant begrüßte uns und bat uns in sein bescheidenes Heim. Dort bewirtete er uns und erzählte von den Sitten und Gebräuchen der Ossis. Sie verehrten die alten heidnischen Götter wie Wotan und Odin, ihr Wappentier sei der Goldbroiler. Jeden Montag versammelten sich wütende Ossis vor dem verbarrikadierten Eingang des Forts und riefen unverständliches Zeug. An allen anderen Tagen tauschten sie Rostbratwürste und Leipziger Allerlei gegen Feuerwasser und Perlenketten.
Eindringlich warnte er uns vor der Weiterfahrt, aber wir wollten unbedingt nach Dresden. Mitten hinein ins Herz dieser unergründlichen Finsternis, wo der sagenumwobene Sandro Kurtz herrschte. Ein ehemaliger Wessi, der jeglichen Kontakt zur zivilisierten Welt abgebrochen hatte. Der Kommandant zeigte uns ein Foto von ihm. Kurtz hatte einen heimtückischen, verschlagenen Blick und dunkelbraunes Haar. Auf der Oberlippe balancierte er ein schmales Agentenbärtchen, nicht mehr als ein schwarzer Strich.
Hinter Dresden, das einst von Kolonialtruppen niedergebrannt, aber inzwischen von den Wilden wieder aufgebaut worden war, kam nur noch das Erzgebirge, ein mythischer Ort, den niemand jemals zuvor gesehen hatte – das Synonym für das Ende der Welt.
Rätselhaftes und verborgenes Leben, dunkles Geheimnis, fremde Laute und Gerüche, unbekanntes Land, Wildnis, unerbittliche Ossis. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir fuhren. Jegliches Gefühl für Zeit war uns verloren gegangen. Tag folgte auf Nacht, Nacht folgte auf Tag. Wir fuhren immer weiter, als würden wir der unerbittlichen Logik eines Traums folgen.
Schwarzes Wasser, schwarzer Himmel. Unsichtbare Welt, unsichtbare Furcht.
Plötzlich Stille. Bedrückende, unheilvolle Stille.
Am Horizont tauchte nur Augenblicke später ein Feuerschein auf. Lautlos glitten Kanus auf unser Boot zu. Dunkle Krieger kletterten an Bord. Bald waren wir vor dem steinernen Thron von König Kurtz. Fackeln, bemalte Gesichter. Augen voller Verachtung, voller Feindschaft. Der Kapitän war verschwunden, vielleicht schon tot, und Isabella warf Kurtz unverhohlen unzüchtige Blicke zu. Angst stieg in mir hoch, Todesangst.
Wer war dieser Kurtz? Sein Gesicht war weiß geschminkt, sein Mund in grellem Rot, die Augen schwarz. Er trug einen Lederschurz und einen langen Umhang, auf dem Kopf hatte er bunten Federschmuck. Dann begann er zu lachen und im nächsten Moment stieß er einen schrillen Schrei aus, ein Kriegsgeheul, in das die ganze Meute einstimmte.
Ich war verloren. Verdammt. Verraten. Verkauft. Ein Wessi in der Hölle.
The Gun Club - My Dreams. https://www.youtube.com/watch?v=8uMiDak76KI

Kommentare:

  1. Super Text, danke.

    YMMD

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  2. Der Osten, abgesehen vom jetzigen Ost-Berlin, ist tatsächlich anders.
    Die Kneipen irgendwie nicht so gemütlich, der Ostmief steckt noch in vielen Gebäuden,es gibt immer noch richtige Ruinenstraßen, wo Bäume in den Regenrinnen wachsen.
    Wobei man so etwas inzwischen auch im Ruhrgebiet bestaunen kann.
    Das färbt dann auch auf die Leute ab, isso.
    Die Ossis die im Westen leben sind da schon wieder anders. Hoffnungsvoller, besser drauf.
    Es ist kein anderes Land, aber wenn man aus dem paradiesischen Südwesten kommt muß man sich inzwischen in vielen Gegenden Deutschlands die Augen reiben.
    Die Gegend um Bremen soll z.T. schlimm sein, sagen manche. Oder Herne , auch gnadenlos.
    Und das ist Westen.

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  3. Schade, Text viel zu kurz.....

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  4. Filmrechte - BITTE - an mich !!! *grusel...bibber...LOL*

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