Dienstag, 17. September 2019

Weltuntergang


„Er verschenkt nur Dinge, die früher einmal nützlich waren. Zum Beispiel Teppichklopfer und Schaffnermützen. Er spricht sehr leise und drückt sich umständlich aus. Außerdem kratzt er sich gerne am Kopf, wenn er allein ist. Es heißt, er sei der Sohn eines wohlhabenden sibirischen Pelzhändlers.“ (Samuel Paxton: Sutton Mallet, UK)
Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern. Es war Sonntag, früher Abend. Ich saß mit meiner Frau in einem Kaffeehaus und wir tranken Tee. Der Fernseher lief, ein Riesenapparat, Flachbildschirm. An diesem Tag hatte es eine Wahl gegeben und die erste Hochrechnung wurde eingeblendet. Die Grünen hatten gewonnen. Ich sah aus dem Fenster. Dieser Sonnenuntergang. Noch nie hatte ich solche Farben gesehen. Ich ging hinaus und machte ein paar Fotos. Ein Regenbogen hatte sich über der untergehenden Sonne gebildet. Ein perfekter Halbkreis mit kräftigen Farben. Und da wusste ich es. Die Welt geht unter. Es war mir völlig klar. Egal, was die Vollidioten in den Medien sagen. Das war es. Es konnte nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen sein.
Ich ging sofort zurück und bezahlte die Rechnung. Dann nahm ich meine Frau an der Hand und wir rannten nach Hause. Die Welt geht unter, schrie ich. Haben wir noch genug zu essen zu Hause? Wir müssen Vorräte anlegen. Es liegen fünf Kreuzungen zwischen dem Kaffeehaus und unserer Wohnung. Teilweise liefen wir bei Rot über die Straße, die Autos hupten, es war mir alles egal. Was sollten wir noch kaufen? Beim Bäcker nahm ich ein ganzes Brot mit und danach gingen wir zum Metzger. Fünf Pfund Fleisch. Zum Einfrieren. Hoffentlich würde es keinen Stromausfall geben. Als wir den Laden des Metzgers verließen, saß er auf dem Bürgersteig und glotzte uns an. Ein hässlicher kleiner Streuner. Er hob den Kopf und jaulte. Hatte er den Weltuntergang auch bemerkt? Jedenfalls lief er uns hinterher. Schlüpfte durch die Haustür und lief auch die Treppen hinauf, ohne uns aus den Augen zu lassen. Natürlich habe ich ihm die Wohnungstür vor der Nase zugeschlagen.
Was soll ich sagen? Stundenlang hat er geheult. Lag auf unserem Fußabtreter und heulte sich die Seele aus dem Leib. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und ihn hineingelassen. Sofort rannte er hechelnd durch die ganze Wohnung, als ob er sie inspizieren wollte. Dann sprang er auf meinen Sessel und blieb dort liegen. Ein schreckliches Vieh. Kaum größer als eine Katze. Verliert pfundweise Haare und leckt sich den ganzen Tag die Eier. Stundenlang, ohne Unterbrechung. Außerdem hat er einen bestialischen Mundgeruch. So etwas habe ich noch nie erlebt. Die ganze Wohnung stinkt wie sein Maul. Selbstverständlich frisst er uns die Haare vom Kopf. Die Vorräte für den Weltuntergang. Wenn ich mit ihm Gassi gehe, renne ich manchmal weg. Laufe in ein Kaufhaus und verlasse es durch den Hintereingang, nehme mir ein Taxi und fahre ans andere Ende der Stadt, aber er kommt immer wieder ins Haus und vor unsere Wohnung. Den werden wir nicht mehr los, diesen elenden kleinen Stinker.
Fun Boy Three - Our Lips Are Sealed. https://www.youtube.com/watch?v=QhVhK-VVeXo

2 Kommentare:

  1. Habe "kleiner Stinker" eingegeben und dies hier bekommen:

    http://www.aggressionshund-forum.de/t8383f26-Kleiner-Stinker.html

    *hehe*

    AntwortenLöschen
  2. Wenn man es kleingeschrieben bei Google eingibt, kommt man zu einem Tiroler Käse. Und schon habe ich wieder ein neues Thema :o)

    AntwortenLöschen