Montag, 16. September 2019

Gespräch über Mühlheimer


Als Mühlheimer gerade den Schlüssel aus seiner Manteltasche geholt hatte, wurde ihm die Haustür geöffnet. Seine Frau stand vor ihm und sah ihn ausdruckslos an.
„Ich möchte die Scheidung“, sagte sie.
Mühlheimer war verblüfft und sah sie schweigend an.
„Deine Sachen habe ich schon gepackt.“
Sie stellte einen großen Koffer vor die Tür.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Mühlheimer nur.
Sie schloss die Tür.
Eine Weile stand er vor dem Haus. Dann nahm er den Koffer, ging zum Bürgersteig und setzte sich auf das schmale Mäuerchen, das den Vorgarten umgab. Er öffnete den Koffer und betrachtete den Inhalt. Sorgfältig zusammengelegte Hemden und Unterwäsche, zwei Hosen, ein Schlafanzug, sein Rasierapparat und ein Kulturbeutel mit Zahnbürste, Zahnpasta, Nagelschere und Kamm.
Es begann zu regnen. Natürlich. Mühlheimer schloss den Koffer und ging zur kleinen Pension am Ende der Straße. Er mietete ein Zimmer und stellte den Koffer in den Schrank. Den ganzen Abend stand er am Fenster und betrachtete sein Haus in der Ferne. Im Wohnzimmer brannte Licht. Aber niemand betrat oder verließ das Haus. Schließlich wurden die Lichter gelöscht und auch Mühlheimer ging zu Bett.
Am nächsten Tag ging er zum Haus hinüber. Seine Frau würde im Büro sein, sie arbeitete in der Innenstadt. Falls sie doch anwesend sein würde, könnte er vortäuschen, dass sie beim Packen etwas vergessen hätte.
Er klingelte. Nichts. Er klingelte noch einmal. Nach einer Weile holte er den Haustürschlüssel aus seiner Tasche und wollte die Tür öffnen. Aber der Schlüssel passte nicht mehr. Sie hatte offenbar schon am Tag zuvor das Schloss wechseln lassen.
Mühlheimer überlegte. Dann ging er durch den Garten auf die Rückseite des Hauses. Auch die Terrassentür war verschlossen. Eigentlich hatte er es auch nicht anders erwartet. Er setzte sich in einen der Korbstühle, die um einen runden Tisch standen. Die Sonne schien, er streckte die Beine aus und schloss die Augen. Er hatte in der Nacht kaum geschlafen und so nickte er schließlich ein.
Ein Geräusch weckte ihn. Frauenlachen. Er stand auf und lief zum Gartenhäuschen hinüber. Dahinter versteckte er sich und wartete ab. Die Terrassentür wurde geöffnet. Er hörte die Stimme seiner Frau und eine andere weibliche Stimme. Vermutlich eine Freundin.
„Sei froh, dass du ihn endlich los bist“, sagte die andere Frau.
Der helle Klang zweier Weingläser, die aneinandergestoßen wurden.
„Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten“, sagte seine Frau. „Sein endloses Schweigen hat mich verrückt gemacht. Außerdem hat er ständig in meinen Sachen geschnüffelt. Als ob ich hinter seinem Rücken eine Affäre hätte.“
Beide lachten.
„Er weiß nichts von Ricardo, oder?“
„Nein. Es geht jetzt schon sechs Monate. Mein zukünftiger Ex-Mann kapiert einfach gar nichts.“
So ging es den ganzen Abend. Ricardo. Das heimliche Konto, auf das sie ein kleines Vermögen abgezweigt hatte. Die Sache mit Paul. Und natürlich Dieter. Sein bester Freund.
Als die beiden Frauen schließlich ins Haus gingen, schlich sich Mühlheimer davon und kam nie wieder.
David McWilliams - Days Of Pearly Spencer. https://www.youtube.com/watch?v=4VDS8uArR0A

5 Kommentare:

  1. Der Beginn einer spannenden Geschichte deren Ende offen ist. Er musste nicht zurückkommen, um sein Dasein zu beweisen! Er musste nicht einmal beweisen, dass er das war...

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  2. Ja, Frauen sind die härtesten Darvinisten überhaupt.
    Hat der Alte eine Krankheit ? Pflegebedürftig ?
    Oder geht die Kohle aus, Job weg, irgendwas ?
    Oder kriegt er keinen mehr hoch wegen Stress ? Geht ruck zuck, kenn ich von mir oder Freunden, die den Mut hatten, das zu besprechen. Gut, da gibt es inzwischen Pillen, vor Viagra war das in der Tat ein Problem.
    Da ist er gleich abserviert. Selber bleibt man natürlich im Einfamilientraumbunker hocken.
    Man hat ja die Kinder. Emanzipation ? Ha !
    OK, die Frauen verdienen für gleiche Arbeit immer noch weniger als ein Mann, auch manches andere ist noch reformierbar, aber im wahren Leben haben die oft die besseren Karten.
    Sie sind einfach härter.

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    1. ... hart wie STEIN:

      Sammle-Steine-Tag 2019
      16. September 2019 in der Welt

      (ړײ)

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    2. „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.“
      ―Loriot

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    3. So weit würde ich nicht gehen.
      Ich finde, wir passen schon gut zusammen, das hat die Natur gefickt eingeschädelt.
      Aber dieser kapitalistische Leistungsdruck setzt sich im Privatleben gnadenlos fort.
      Der Mann hat am WE die Schnauze voll und würde lieber auf dem Sofa / Holywoodschaukel abhängen, aber die Frau will " was erleben ". Oder wenigstens reden. Was auch sehr anstrengend sein kann. Oder wegfahren, Geld ausgeben, Schuhe kaufen,
      "Freunde" besuchen, in`s Balett. ( Höchststrafe )
      Was der Mann dann lustlos mitmacht. Dann heißt es wieder Duuu, Du hast ja gar keine Lust. Mit Dir kann man aber auch nix machen. Beginn des Dramas.
      Aber mal Tacheles, wer schon so weit ist, daß er mit der Frau einkaufen geht hat schon verloren ! Also Achtung !

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