Mittwoch, 25. September 2019

Eine Plastikrose hat keine Dornen


Früher fragten sich die Menschen, was zuerst dagewesen sei, die Henne oder das Ei. In der Epoche der neoliberalen Degeneration, in der Dienstbotengesellschaft, in der bleiernen Zeit des GroKo-Biedermeier, in der die Klassenfrage noch nicht gestellt wird, obwohl sie längst da ist, in der es keinen Kontakt mehr zwischen Mensch und Huhn gibt, da das Nutzvieh hinter Fabrikmauern verschwunden ist, muss man die Frage anders stellen: Was war zuerst da, der märchenhafte Reichtum oder die ins Wahnhafte abgeglittene Unverschämtheit der Bonzen?
Erna P. aus K. schreibt: Lieber Herr Bonetti, wie kommen Sie auf diese Frage? Das kann ich Ihnen genau sagen, liebe Frau P. K., und auch Ihnen, liebe Lesende. Eine Bürgerinitiative hat mich zu dieser Frage veranlasst. Genauer gesagt: die Bürgerinitiative Neustadt-Ufer aus Mainz. Direkt am Zollhafen sind nämlich schicke Mehrfamilienhäuser gebaut worden. Innenstadtlage, teure Ausstattung, 6000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Da muss man für zwei Zimmer-Küche-Bad schon mal eine halbe Millionen Flocken locker machen. Und genau die Klientel, die – wie es im Maklerdeutsch heißt – „solvent“ ist, also die Bonzen, hat sich hier eingekauft.
So weit, so schlecht. Die Mainzer Neustadt, wo ich das letzte Drittel meines Zivildienstes 1987 verbracht habe, ist nämlich eigentlich ein klassisches Arbeiter- und Migrantenviertel gewesen. Zwischen dem Bahnhof und den Docks, weit genug weg vom Dom, den schicken Geschäften und Restaurants in der Altstadt. Dann kamen die Ökos und Studenten, sie blieben und wurden das linke Bürgertum, dessen Anwesenheit man an Bioläden und Spielstraßen erkennen kann. Jetzt erreicht die nächste Welle die Neustadt. Die Ökos haben sich ja noch angepasst, aber die Bonzen sind gekommen, um sich den Stadtteil zu unterwerfen, um alles wegzubeißen, was nicht in ihre Vorstellung von Leben passt.
Der Prenzlauer Berg ist das Synonym für diese Entwicklung, wenn man in Berlin lebt. Da kommt das Geld in prallen Säcken aus der Provinz in den Kiez geschwappt und dann werden Menschen vertrieben, Clubs und Bars geschlossen und die schwäbische Kehrwoche eingeführt. Genau das passiert in Mainz. Da klagt die eingangs erwähnte Bürgerinitiative, deren Mitglieder sich in den Borgwürfel am Rheinufer eingekauft haben, gegen die Schifffahrt auf dem Rhein. Weil vor ihrer Haustür Frachtschiffe anlegen.
Die Lärmbelästigung - über dem Grenzwert („Tag & Nacht“), die Abgase - Diesel! CO2!! Armageddon!!!, der verschandelte Blick auf den prächtigen Fluss und ins Grüne am anderen Ufer. Natürlich hat man direkt neben die Anlegestelle den „Piratenspielplatz“ für die Bonzenkinder angelegt, in 15 Meter Entfernung. Clever, oder? Günstig ist natürlich auch, dass in 30 Meter Entfernung der Feldbergplatz ist, der als Pausenhof für zwei Schulen und als Spielplatz für eine Kita genutzt wird. Denkt denn niemand an die Kinder?
Wenn ich doch von der schwäbischen Alb oder aus Baden-Baden oder wo dieser durchgeknallte Aktienpöbel sonst wohnt an den Rhein ziehe, Deutschlands größten Fluss und die wichtigste Wasserstraße der Republik, muss ich damit rechnen, dass Schiffe vor meinem Fenster unterwegs sind und den Anlegeplatz benutzen. Schließlich waren der Fluss und die Schiffe vorher da, sogar schon vor dem DAX und dem Kapitalismus. Hier legten bereits die Römer vor zweitausend Jahren an. Nicht umsonst gab es auf den Hafenkais nie Wohnhäuser.
Vielleicht klagt die Bürgerinitiative auch gegen den Fluglärm, denn der Frankfurter Flughafen ist nicht weit? Oder die ganzen Volksfeste an der Rheinpromenade, denn in Rheinhessen wird gerne und laut gefeiert? Auf der nahen Theodor-Heuss-Brücke ist jeden Tag die große Parade der Berufspendler, auch die Züge donnern über den Rhein. Sicherheitshalber klagen jetzt auch die Binnenschiffer gegen die Stadt Mainz, weil sie den Liegeplatz nicht aufgeben wollen. In Mainz ist der einzige Anlegeplatz zwischen Mannheim und Bingen.
Aber wer 6000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter in der Innenstadt zahlt, hat sich natürlich den Anspruch auf absolute Ruhe erworben. Ich freue mich schon auf die anstehenden Prozesse. Sicher gibt es in der Bürgerinitiative genug Rechtsanwälte und erfahrene Prozesshansel. Die Phase mit der Menschenkette (kein Witz) und der Kunstaktion (darf nicht fehlen) haben wir schon hinter uns. Alle Methoden, die in den siebziger Jahren von der linksalternativen Szene gegen den Staat und die Bonzen entwickelt wurden, werden verwendet. Jetzt spielt eben die Generation Immobilienbesitz für ihre Kapitalinteressen auf dieser Klaviatur, mit den drei Akkorden Zivilgesellschaft, Umweltschutz und Kinder. Hat jeder das selbstlose Engagement für Klima und Zukunft bemerkt? Wenn nicht, lesen Sie bitte unsere neue Pressemitteilung. Hat überhaupt nix mit dem Thema Geldanlage zu tun.
Hoffentlich geht die Neustadt nicht so erbärmlich unter wie der Prenzlauer Berg.
Jim Croce - I Got A Name. https://www.youtube.com/watch?v=cadvn16N188

8 Kommentare:

  1. Ich muß doch sehr bitten !
    Auf der Schwäb. Alb wohnt kein Aktienpöbel !
    Dort herrscht Grundbesitz vor. Und Immobilien.
    Gerne auch alte Autos, Motorräder oder inzwischen alte Traktoren. Gute Geldanlage.
    So ein alter Lanz Bulldog kommt restauriert schon mal auf 20 000 € oder mehr.
    Pferde werden gerade erst entdeckt. Auch mittelalte 911er oder Daimler.
    Der wahre "Aktienpöbel" wohnt in Reutlingen, in den 70ern die Stadt der Millionäre.
    Oder Sindelfingen, Böblingen oder gleich Stuttgart.
    Gell ?

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  2. Freut mich das Bonetti Media endlich zum Kern der Klimakrise durchdringt.
    Es geht einzig und allein um die Tatsache dem Kommunismus den Garaus zu machen.
    Es kann ja nicht angehen, dass Leistungsträger und Grüne Eliten zwei Stunden in der Schlange vor dem Security Check am Flughafen verplempern, nur weil der Pauschal-Pöbel-Tourist alles verstopft.
    Außerdem hat man keinen Bock den Tesla nur Samstag Nachts um 03:00 ausfahren zu können, jagt die Diesel-Mischpoke vom Hof.
    Was die "armen" Menschen am Hafen angeht, kann ich nur Kapitän Ramius zitieren:
    "Umschalten auf geräuschlosen Antrieb." Ruderer oder Segel.
    Wir wandeln das ganze Schland um in ein Freilichtmuseum. Jeder unter 1.000.000 Netto Jahreseinkommen erhält eine Rolle zwangsweise zugewiesen, im Gegenzug Kost und Logis.
    Es war so 1990 herum, als ich zum ersten Mal in Dortmund einen BMW 12 Zylinder in Natur sah.
    Er stand direkt vor mir an einer roten Ampel. Ich schaute ganz fasziniert, bis ich das Nummernschild entdeckte.
    Da, wo andere auf dem Rahmen des Schildes stehen hatten "Autohaus XYZ", stand bei diesem Fahrzeug "Eure Armut kotzt mich an".

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  3. Zitat von Franz Kafka

    'Du musst nur die Laufrichtung ändern', sagte die Katze zur Maus und fraß sie.

    *hilftALLESnichts*

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  4. Richtigstellung :
    Habe etwas recherchiert.
    So ein Lanz Bulldock fängt bei 40 000 € erst an und hört bei 100 000 € noch lange nicht auf.
    Wußte ich so auch nicht ! Bei uns fahren davon einfach zu viele rum.
    Töff Töff Töff

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  5. Ich leb seit 20 Jahren auf St.Pauli/Hamburg und bin bei mir im Haus schon so ne Art White Trash oder so. Ältere Leute sieht man hier kaum noch. Dafür massenweise volltätowiertes Großbürgertum, nur echt mit Piraten, Rabauken und wilden Schlingeln anbei, deren Rabaukigkeit darin besteht, laut loszuplärren, wenn das Schokocroissant nicht in der Sandkiste angereicht wird. Man "arbeitet" vom Café aus und fliegt regelmässig zum Tauchen auf die Galapagosinseln oder zum chillen nach Bali. Alles gut?

    Meine Frau und ich arbeiten übrigens beide als Erzieher und sind froh wenn wir unserem Kind ein Fahrrad kaufen können. Gebraucht natürlich.
    Ich bin übrigens nicht neidisch, ich finde es einfach nur scheisse.

    Beste Grüsse, L´Andratté

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  6. Super ! google earth sei dank.
    Die alte Straße dort heißt "Am Getreidespeicher" Logisch.
    Die neue Straße an den Neubauten entlang heißt "An den Grachten".
    Selten so gelacht.

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  7. Es ist wirklich schlimm wie hier gelogen wird!!!1
    Natürlich gibt es für ne halbe Mio gar nix:
    https://www.immobilienscout24.de/neubau/bpd-immobilienentwicklung-gmbh/mainz-zollhafen-suedmole/39111.html

    Übrigens habe von einem Architekten erfahren das bei einem lokales Bauprojekt (80m2 Wohnung für 500k) am zugehörigen Stellplatz kein Saft für den Tesla zu Verfügung steht, da die Elektroverteilung für den Block Spitz auf Knopf kalkuliert wurde... Irgendwo muss ja ein kleiner Profit bleiben bei so günstigen Wohnungen.

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    1. Projekt Bayside: ab 368.000 - also quasi geschenkt. Da reicht die Kohle auch noch für den Tesla.

      https://www.immobilienscout24.de/Suche/S-T/Wohnung-Kauf/Rheinland-Pfalz/Mainz/Neustadt?enteredFrom=one_step_search

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