Montag, 9. September 2019

Die dunkle Moderne


Nachhaltigkeit. Toleranz. Menschenwürde. Tierwohl. Diese Prunkwörter tragen wir auf seidenen Kissen vor uns her, wenn wir in die Arena der politischen Diskussion ziehen. Aber wer fällt auf diesen rhetorischen Tand noch herein? Es geht um Interessen. Es herrscht der nackte Egoismus wie zu allen Zeiten.
Warum erzwingt die Jugend eine öffentliche Debatte über das Klima? Weil sich ihre Zukunft über viele Jahrzehnte erstreckt und sie Angst um die Lebensqualität in fünfzig Jahren hat. Warum wehren sich die Alten wie Teenager in der Trotzphase gegen einen paternalistischen Staat, der ihnen mit Verboten und Preiserhöhungen Verhaltensänderungen aufzwingen will? Weil die Zukunft der Alten nur noch ein kurzer Stummel in der Geschichte ist. Warum soll man in den letzten Jahrzehnten des Lebens, wenn man endlich zu Wohlstand gekommen ist, das Dolce Vita auf den Malediven nicht genießen dürfen?
Die Jungen möchten die Alten erziehen, aber die Erziehungsberechtigten, Regierung und Parlament, sind fest in der Hand der Alten. Handverlesene Quotenjugend wie Amthor ist nur Staffage. Wir wissen also, wie die Partie ausgehen wird. Kohleausstieg 2038 – das war ein guter Vorgeschmack. Da ist Merkel 84 und schon lange in Rente, wenn die Generation ihrer Nachfolger die Energiewende vollenden soll. Die Flugreisen werden etwas teurer werden, aber gerade so, dass es niemandem weh tut. Die zusätzlichen Steuereinnahmen wird der Staat gerne akzeptieren. Der Umwelt zu liebe. Für jedes Flugticket wird ein Baum gepflanzt. Fernreisen für den Regenwald. Tante Schulze mit Spaten und Schössling. Blitzlichtgewitter.
Die Alten werden sich nicht ändern. Wir sind die Sintflut. Na und? Das ist mir neulich klar geworden, als ich die Datteln im Speckmantel gegessen habe und der Qualmwolke zugeschaut habe, die vom Grill aufstieg, während ich auf mein Schweinenackensteak gewartet habe. Es geht uns gut. Wir können das Leben genießen. Uns die Welt anschauen. Laut Statistik bleiben mir noch 25 Jahre, einigen am Tisch noch weniger. Wir bleiben, wie wir immer gewesen sind. Hedonisten mit rhetorischem Geschick und viel Erfahrung im Bereich Hinhaltetaktik. Die Zeit ist auf unserer Seite. Die Generation Windrad erreicht die Generation Verbrennungsmotor gar nicht mehr. Tief im Inneren haben wir Alten längst unser Nirwana gefunden. Darf es noch ein Prosecco sein?



Fun Facts For Fans
„Der Meeresspiegel ist im vergangenen Jahr außergewöhnlich stark gestiegen. Der globale Mittelwert lag 2018 einem Bericht der Weltwetterorganisation (WMO) zufolge etwa 3,7 Millimeter über dem Wert von 2017“ (Quelle: ZEIT Online, 29.3.2019). Bei einer Lebenserwartung von 25 Jahren steigt der Meeresspiegel bis 2044 also um 9,25 Zentimeter. Selbst wenn ich hundert Jahre alt werde, wird zu meinen Lebzeiten weder Hamburg noch Samoa in den Fluten versinken. Bei Worst Case Szenarien, die mit dem Abschmelzen der Polkappen operieren, verschweigt man gerne, dass dieser Prozess einige Jahrhunderte brauchen würde.
Die Wirkungen steigender Temperaturen bewältigt der mitteleuropäische Egozentriker mit dem Kauf einer Klimaanlage oder eines Klimageräts (ab 99 € inkl. Lieferung bei Bonetti Prime) und der Weigerung, bei großer Hitze die Wohnung zu verlassen. 2018 wurde mit zwanzig Tagen, an denen die Temperatur über dreißig Grad lag, ein neuer Rekord aufgestellt (zuvor: 2003 mit 19 Tagen). 2019 hatten wir ganze 17 „heiße Tage“ – also lag an 348 Tagen die Temperatur unter dreißig Grad. Sorgen könnte sich dieser ideelle Gesamteuropäer um die Menschen in den Tropen machen, aber er tut es bekanntlich nicht. Es ist ihm egal, ob sie im Meer ertrinken oder an Land verdursten.
Auch an diesem Punkt durchdringen die juvenilen Idealisten den eisernen Panzer der Hedonisten nicht. Herzen aus Stein und Geldbeutel statt Seelen. Warum sollte es den Freitagsbewegten anders ergehen als meiner Generation in den achtziger Jahren? Ausgerechnet für die Menschen in Afrika auf zwei Wochen im Club Med auf Ibiza verzichten? Mit dem Bus statt mit dem Geländewagen in die Innenstadt fahren? Tofu statt argentinischem Rinderfilet? Verrückte Vorstellung.
P.S.: Seit heute läuft bei mir die Heizung.
Peter Maffay – Es war Sommer. https://www.youtube.com/watch?v=e1kfav4auMA

6 Kommentare:

  1. Also ab 30 Meter ist erst mal die Bude in Berlin dran.

    Schweppenhausen liegt 194 Meter über dem derzeitigen Level, da ist noch etwas Luft.

    http://www.floodmap.net/?ll=49.946845,7.799627&z=11&e=30

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mooment. Ich wohne im dritten Stock. Falls ich Urenkel hätte, würde ich ihnen eine Ausbildung als Gondoliere empfehlen. Aber bisher sind die Nachkommen ausgeblieben.

      Spaß beiseite: selbst Worst Case-Szenarien sehen bis 2100 nur einen Anstieg von 70 cm voraus. Da vertraue ich doch lieber der Wissenschaft als den Kassandras dieser Welt.

      Löschen
    2. Wer war es?

      Es ist heutzutage unmöglich eine Satire zu schreiben weil diese sofort von der Wirklichkeit überholt wird.

      Die Wirklichkeit ;-)?
      https://maritimebulletin.net/2019/09/04/ship-with-climate-change-warriors-caught-in-ice-warriors-evacuated/

      Löschen
    3. P.S.

      Habe selber früher Pegel gebaut. Wenn ich da mit Messungen im Millimeterbereich gekommen wäre hätten mich alle nur ausgelacht. Eine kleine Änderung der Hauptwindrichtung liegt bereits im Bereich Zentimeter. Das Wissenschaft nach dem Brot geht hat auch keinen Neuigkeitswert und wer bei Tidenhüben von weltweit von mehr als 20 Metern Millimeteränderungen behauptet ist imho ein Scharlatan.

      Löschen
  2. Und weil ja so fürchterlich die Meere steigen, kauft Obama sein Ferienhaus auf Martha's Vineyard, höchste Erhebung 95 m, direkt am Strand für schlanke 13 Millionen.
    Noch in den 1970er Jahren war das Mantra "Wir müssen die Überbevölkerung in den Griff kriegen" und es war Konsens unter allen Diplomaten.
    Mittlerweile ist die Erwähnung schon "Rassismus". Mich beschleicht da folgendender Gedanke:
    Irgendwann in den letzten Jahren hat man eingesehen, der Große Krieg ist nicht mehr machbar.
    Da fehlt aber Rendite, ersetzen wir ihn also durch hunderte Kleine.
    Viele Tote in Industrieländern gibt aber schlechte Presse, gehen wir in die dritte Welt.
    Und damit auch immer genug Opferlämmer bereit stehen, kein Wort mehr von Überbevölkerung.
    Außerdem kann man die beizeiten noch nutzen um die Einheimischen flott zu machen.

    Vom ersten Tag kotzt mich an der Klimadiskussion an, das es nirgends drum geht, sich auf die Folgen vorzubereiten. Man stelle sich mal vor, die Hütte brennt, wählt 110 und die Feuerwehr möchte erstmal wissen, ob der Brand auf einem Unfall, einer Straftat oder unbekannter Ursache beruht.
    Und der Rat, den man anschließend erhält lautet:"Essen Sie nichts Scharfes mehr, das könnte die Temperatur erhöhen."
    Mit Hilfe von Wikipedia und eines Taschenrechners habe ich ausgerechnet, daß man auf der Fläche des geografischen Europas die komplette Weltbevölkerung unterbringen könnte, bei einer Belegung von 761 Menschen pro Quadratkilometer. Oder auch die USA mit Kanada, dann nur noch 403 Menschen pro km2. Dann sind Zahlen für Mittel- und Kleinstädte.
    Das geilste Konjunkturprogramm aller Zeiten.
    Und wenn in 500 Jahren das Klima sich wieder wandelt, dann zieht die ganze Mischpoke eben nach Afrika oder sonstwo hin. Der ewige Umzug, die ewige Lizenz zum Geld drucken, keine Umweltverschmutzung mehr durch Krieg, weil alles innerstädtischer Terrorismus und nach dem Knall kommt die Müllabfuhr.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich halte die globale Variante des alten Nazi-Schlagers "Volk ohne Raum" auch für Schwachsinn. Es ist genug Platz für alle da und auch genug Nahrung, wenn man fair teilt. Menschen sind stapelbar (Hochhaus), Äcker sind es auch (Hydrokulturen in Hochhäusern, die man landwirtschaftlich nutzt, Energie aus Wind und Sonne). Die Lösungen sind vorhanden, es fehlt der Wille an der Umsetzung. Stattdessen Ignoranz oder Lust auf Apokalypse bzw. Selbsthass.

      Löschen