Dienstag, 3. September 2019

Der Traumjob

Es ist Samstag, kurz vor zwölf. Die Mittagssonne brütet über einem Imbisswagen und einem halben Dutzend Tischen unter Krombacher-Schirmen. Heinz Krajewski, momentan arbeitssuchend, betritt die Szenerie. Er wirft einen Blick auf die Karte an der Wand und gibt ein großes Pils in Auftrag.
Es sind erst einige Männer hier, am Nachmittag, wenn die Bundesliga-Konferenz im Radio läuft, werden es sicher mehr sein. Im Dorf ist nicht viel los, die Alten sterben und die Jungen ziehen in die Stadt. Letztes Jahr hat die Dorfkneipe zugemacht, als der Wirt gestorben ist.
Roland Grubenwasser, der rasende Roland, wie er auch genannt wird, ist sicher schon länger hier. Der Imbiss öffnet um zehn Uhr und der Lkw-Fahrer mit dem gewaltigen Bauch verbringt sein ganzes Wochenende hier. Er wohnt nur drei Straßen weiter und seine Frau ist schon lange weg.
Am Nebentisch sitzt Gert Blaurock, mit blank polierter Glatze, Bermuda-Shorts und Sandalen. Neben ihm liest Hartmut Knöchl, ein Rentner mit Schnurrbart, seine BILD-Zeitung.
Olga stellt Heinz das Bier hin. Zwo Achtzig. Heinz legt drei Euro auf den Tisch und sagt „Stimmt so“. „Danke“, antwortet ihm die füllige Polin mit dem harten Akzent. Heinz setzt sich zu Roland.
Sie stoßen an. Roland ist wütend. Er hat sich vor einigen Tagen fast mit einem Kollegen geprügelt. Seinem Boss hat er mit Kündigung gedroht. Doch der hätte ihn nur gefragt: „Wo willst du denn hin?“ Roland wird nächstes Jahr sechzig. Er trinkt das Weizenbier in langen Zügen.
Eine halbe Stunde später sind sie bei ihrem Lieblingsthema. Wie man den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte. Rolands Blick ist glasig. Heinz erklärt allen Anwesenden, dass Hitler die Armee an der Ostfront geteilt hätte. Das sei ein Fehler gewesen. Mit Rommel über Alexandria zu den Ölfeldern am Kaspischen Meer. Moskau einnehmen und sich nicht auf Stalingrad konzentrieren.
„Rommel“, brüllt Roland. „Guderian. Das waren Generäle.“ Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Wir waren siebzig Kilometer vor Moskau.“
„Vierzig“, ruft Hartmut fröhlich dazwischen. „Wenn wir Moskau erobert hätten, wären die Russen geschlagen gewesen.“
„Das hat Napoleon auch gedacht“, gibt Gert zu bedenken. „Die Russen haben sich weiter zurückgezogen und die Franzosen doch noch besiegt.“
„Die Japaner hätten nicht China, sondern die Russen angreifen sollen. Dann hätten wir sie in die Zange nehmen können“, sagt Heinz. Dann bestellt er das nächste Bier.
„Unsere Verbündeten kannst du doch vergessen. Das kleinste Buch der Weltgeschichte: Die italienischen Heldentaten im Zweiten Weltkrieg“. Alle lachen über den Spruch von Hartmut. Jeder hat ihn schon hundert Mal gehört. Egal.
Gert und Heinz wedeln mit ihren leeren Gläsern. Die Männer trinken inzwischen synchron. Alle rauchen. Roland kratzt sich am Kopf. „Der Tiger war der beste Panzer der Welt. Gegen den hatte keiner eine Chance.“
„Man hätte die ME 262 als Jäger einsetzen sollen, nicht als Bomber. Die V3 und die V4 kamen zu spät. Die hätten New York erreicht.“ Heinz fühlt sich wohl. Das sind seine Jungs.
„Wir würden heute über Europa herrschen“, brüllt Roland und schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Vom Atlantik bis zum Ural“. Noch ein Fausthieb. Die Gläser wackeln.
Das ist der beste Job der Welt, denkt sich Heinz. V-Mann für den Verfassungsschutz. Den ganzen Tag mit irgendwelchen Jungs rumhängen. Die jungen Leute kann man mit Wehrsportübungen begeistern, die Alten für die NPD oder wenigstens die AfD. Einmal im Monat schreibt er einen Bericht über die rechte Szene in seinem Ort. Besser geht’s doch gar nicht. Nachher spielt noch Dynamo Dresden. Heute Abend Kameradschaftstreffen in der Stadt. Was für ein Leben!
P.S.: Diese Szene habe ich in diesem Sommer tatsächlich an einer Imbissbude erlebt – in Westdeutschland. Lediglich den V-Mann habe ich mir ausgedacht.
Bad Company - Bad Company. https://www.youtube.com/watch?v=_MzJrEhmRLM

6 Kommentare:

  1. Mein Vater, Flackhelfergeneration, also der hat zurückgeschossen, sagt, wenn es so weiter gegangen wäre hätte es nur noch 2 Sorten von Menschen gegeben.
    Die vor und die hinter dem Stacheldraht.
    Und der Tigerpanzer ist eine Allegorie aller späteren Produkte der Deutschen Fahrzeugbauindustrie. Zu schwer, zu technisch, zu mächtig, zu teuer, unnötig.

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  2. Unser Bildungssystem ist sehr schlecht, die sind alle nach 1945 in der Ausbildung gewesen. Und irgendwie denke ich schon, die Revoluzzer hätten mal die Bildzeitung übernehmen sollen, nach 68, beim Marsch durch die Institutionen. Hilfe, es fällt kein Verstand vom Himmel, und den Rest ersaufen sie in Bier!

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    1. Ach was ! Die Lehrer, die ich hatte, waren eigentlich OK.
      Z.T. sehr junge Leute mit Plänen. Es war schließlich die Zeit Willy Brands.
      Und die Leute, die jetzt so rausschwätzen haben dieses Bildungssystem ja auch durchlaufen.
      Egal ob Ost oder West, das Ost-Bildungssystem war sogar noch einen Zacken besser !
      Daran liegt es nicht.
      Aber ich habe solche Gespräche in der Tat auch schon mit verfolgt.
      Am besten Fresse halten, zügig zahlen und gehen.
      Weil hier zu agitieren bringt nix. Nicht das es gefährlich werden würde, Schläge gibt es in dem Stadium noch nicht. Trotzdem. Man erreicht die Leute nicht.
      Und wenn man denen erzählt, die AfD ist eine durch und durch neoliberale Partei muß man erst mal erklären, was Neoliberal ist. Schwierig.

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  3. Leben und leben lassen.

    Friedrich von Schiller (1759 - 1805)

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  4. ...weiss garnich`was ihr alle wollt,...das sind ganz normale Typen, so ab fünfzig etwa,...die wählen SPD oder christlich...

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  5. Der Nebenjobber von Hoch und Guck ist überbezahlt, dieses Geld könnte in die Bildung gesteckt werden. Das Gefühl für eigene Leistung braucht es, Handwerkerstolz o.ä., aber einen Sinn für ihr Leben findet an dem Büdchen nur, wenn drin mit Spaß arbeitet.

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