Mittwoch, 11. September 2019

Der erste Sonnenstrahl


„Die notwendige Verborgenheit des Weisen: sein Bewusstsein, unbedingt nicht verstanden zu werden; sein Machiavellismus, seine Kälte gegen das Gegenwärtige.“ (Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht)
Die Wolken öffneten sich und der erste Strahl der Sonne traf die leere Weinflasche auf dem Schreibtisch. Dort blitzte er kurz auf und setzte seine Reise in Richtung Bett fort, wo er die geschlossenen Augenlider von Anselm Schwanenweiher kitzelte. Er erwachte, blickte kurz um sich und drehte sich auf die andere Seite. Er war zu müde, um wirklich wütend zu sein, aber es ärgerte ihn doch, schon wieder das Ende des Traums verpasst zu haben. Zum Weiterschlafen reichte wiederum die Müdigkeit nicht und so stand er wenig später auf.
Elf Uhr. Er setzte sich auf die Toilettenschüssel und wartete das zögerliche Rinnsal ab. Anschließend schlurfte er in die Küche. Ein kleiner Trampelpfad führte zwischen Dutzenden leeren Flaschen von der Tür zum Kühlschrank und zur Kaffeemaschine. Vorsichtig, als ginge er auf einem Schwebebalken, bewegte er sich durch das Flaschenmeer. Eine falsche Bewegung und die folgende Kettenreaktion würde sein Leben in ein ohrenbetäubendes Chaos stürzen.
Die erste Tasse Kaffee trank er im Stehen. Missmutig betrachtete er das Geschirr, das sich im Spülbecken stapelte. Neben der Spüle. Auf der Waschmaschine. Das brachte ihn dazu, zum Wäschekorb hinüberzuschauen, der vor ungewaschenen Shirts, Socken und Unterhosen überquoll. Ich muss Waschmittel kaufen, dachte er. Ich muss überhaupt einkaufen. Er nahm die nasse Filtertüte aus der Kaffeemaschine. Die Kaffeekanne und die Tasse würde er mit zum Schreibtisch nehmen.
Der Mülleimer unter der Spüle war nicht nur voll. Es war ein gefährlich hoher Berg Abfall auf seiner Spitze. Vorsichtig platzierte er die Filtertüte an eine Stelle, die ihm günstig erschien. Das war ein Fehler, denn jetzt kam alles ins Rutschen. Eine Lawine ergoss sich in den hinteren Teil des Schränkchens, in dem vertrocknete Putzmittelflaschen und Putzlumpen lagen. So ging es nicht weiter. Er holte eine Mülltüte, stopfte den ganzen Müll hinein und brachte sie zur Haustür. Dann hängte er sie an die Türklinke, um sie auf dem Weg zum Supermarkt auf keinen Fall zu vergessen.
Er setzte sich an den Schreibtisch und trank eine zweite Tasse Kaffee, während er den Laptop hochfuhr. Ich muss unbedingt aufräumen, dachte er. Der angefangene Text von gestern Abend fiel ihm ein. Er öffnete die Datei. Zwei Seiten über den frühen Marcuse, die letzte halbe Seite nur wirre Stichwörter. Eigentlich wollte er ja an einer Glosse über den Werteverfall und den Aufstieg der Moralapostel in den Medien schreiben. Aber er fand einfach keinen guten Einstieg, keinen ersten Satz.
Er musste dringend mal wieder den Schreibtisch mit einem feuchten Tuch und irgendeinem Reinigungsspray sauber machen. Aber dazu müsste er ihn komplett abräumen. Den Laptop, die Kästen mit den Schubfächern, die Blechkisten voller Bleistiftstummel und Kieselsteinen, die Zettel, die Bücher, das Kofferradio, unendlichen Kram müsste er woanders hinstellen. Aber wohin? Überall war schon etwas anderes. Er müsste alles Überflüssige aussortieren und einfach wegschmeißen. Dinge nach Prioritäten ordnen oder einfach nach Ähnlichkeit, Farbe oder Alter.
Wo fange ich an, fragte er sich. Am besten mache ich eine Liste, auf der ich notiere, was alles zu tun ist. Dann bringe ich die Punkte auf der Liste in eine logische Reihenfolge, überlegte er. Er nahm einen Kugelschreiber aus seinem Zahnputzbecher, der ihm inzwischen zur Aufbewahrung seiner wichtigsten Stifte diente. Dazu die Rückseite einer Rechnung des Pizzalieferdienstes. Aber der Kugelschreiber funktionierte nicht. Dann überfiel ihn plötzlich Müdigkeit. Er setzte sich in seinen alten Ledersessel, den er mit Klebeband notdürftig geflickt hatte, und ruhte sich erst einmal aus.
Es war zu viel. Zu viel für diesen Morgen. Nach einer Weile legte er eine Schallplatte auf. Bruckner. Dachte an früher. Als alles viel schlimmer war. Stapel alter Zeitungen, Zeitschriften, Pamphlete, Programme, Fotografien, Telefonbücher, Notizen. Papier in jeder Form stapelte sich um Tische, Sessel und Stühle, bedeckten den Boden und wucherte aus halboffenen Schubladen. Aber damals war er noch jung und voller Energie. Jeden Tag hundert Ideen. Neunundneunzig verrückt, nutzlos oder gefährlich. Eine genial.
Sein Magen knurrte. Hatte er noch Geld, um in den Supermarkt zu gehen? Wo hatte er gestern die Brieftasche hingelegt?
Dusty Springfield – Spooky. https://www.youtube.com/watch?v=f7QzxYAjgNc

Kommentare:

  1. HERRLICH und DANKE, dass DU mich als männlichen Protagonisten hast auftreten lassen !!!

    Am 3.September - 22:15 im ZDF - 37 Grad "Zuhausee im Chaos" - war ich zu sehen ... (ړײ)

    *GULP...anonymst...undnachDIKTATverreist*

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    1. Der Text ist reine Fiktion. Bei mir sieht es immer so aus, als wäre gerade der Fotograf von "Schöner Wohnen" dagewesen ;o)))

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  2. Wozu auf die Schüssel setzen, wenn es auch das Waschbecken gibt?

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