Donnerstag, 26. September 2019

Das Spiel mit der Identität


Der Computer und das Internet haben uns neue Möglichkeiten eröffnet, mit unserer Identität zu experimentieren. Jeder weiß das. Es gibt Online-Rollenspiele, in denen aus dem blassen Bürolurch ein strahlender Held wird. Wir können uns Paläste einrichten, während wir in Unterhosen in einem verkommenen Hinterhof-Wohnklo vor dem Laptop sitzen. Wir sprechen Leute an, die wir im wahren Leben nie ansprechen würden. Man nennt diese selbstgeschaffenen Figuren Avatare.
In den sozialen Medien haben wir uns auch Avatare geschaffen. Wir brüllen und beleidigen, wir drohen und prügeln uns verbal. Wir trauen uns Dinge, die wir uns im wahren Leben nicht trauen würden. Schon weil wir „in echt“ für solche Aktionen vor Gericht kommen würden. Unser Alter Ego nutzt die Anonymität als Schutzschild vor juristischer und anderweitiger Vergeltung wie die Räuber den „Schutz der Dunkelheit“ für ihre Überfälle nutzen.
Jetzt kommt die Gretchenfrage – und ausnahmsweise geht es nicht um Frau Thunberg: Nimmt die Aggression durch dieses Verhalten im Internet zu oder nimmt sie ab? Schaukelt sich da etwas Unheilvolles auf, das sich in der Realität entladen kann, oder reagieren sich die Leute im Netz ab? Wir sind bei Aristoteles. Katharsis? Es heißt immer, ohne die sozialen Medien könnten sich die Nazi-Flashmobs wie in Chemnitz gar nicht bilden. Ich sage: die Nazi-Flashmobs hatten wir Anfang der Neunziger schon in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, als es noch gar kein Internet gab.
Sehen wir uns die Statistik zum Thema Gewaltverbrechen an. Die Fallzahlen bei Mord und Totschlag sind rückläufig. Je häufiger wir uns mit Schwertern im Online-Rollenspiel gegenseitig die Rübe runterhauen und je häufiger wir uns bei Twitter gegenseitig die Pest an den Hals wünschen, desto friedfertiger ist die Gesellschaft in Wirklichkeit. Katharsis. Das gilt für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Die gewalttätige Minderheit hätte es auch ohne moderne Kommunikationsmittel gegeben. Die Nazis, um ein aktuelles Beispiel zu nehmen, sind in Deutschland nie weggewesen. Noch ein Beispiel: Praktisch jeder, den ich kenne, hasst die E-Scooter-Fahrer, aber bisher ist noch keiner mit dem Baseballschläger von seinem Roller geprügelt worden. Nur in Gedanken. Und im Netz.
Elvis Presley - Suspicious Minds. https://www.youtube.com/watch?v=Wb0Jmy-JYbA

6 Kommentare:

  1. Gilt nicht auch, was geschrieben wurde im Netz, wird "alltäglicher"? Wenn man sich Formulierungen ausdenkt und schreibt, sind sie in der Welt. Und der Schritt, auch im Alltag so zu reden ist einfacher.
    Mit den rückläufigen Straftaten hast Du Recht, aber wie kann man das an die Bürger bringen? Sie verwechseln die Krimflut im TV mit der Wirklichkeit.

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    1. Kennst du das, wenn Autofahrer rumschreien? Keiner hört sie auf der Autobahn oder wo auch immer. Dann gehen sie ganz entspannt ins Büro. Das Internet hat auch eine Ventilfunktion. Wie der Straßenverkehr. Wenn ich aussteigen würde und einen anderen Fahrer anbrülle und beleidige, kommt die Polizei. Besser, man lässt irgendwo Dampf ab, statt es in sich aufzustauen.

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  2. Ich will nur spielen ... (ړײ)
    und habe - dessenthalben - mehrere Idenditäten im Netz... (ړײ)
    das Engelchen ist mir - dabei - die LIEBSTE ... (ړײ)

    *manischLOL*

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  3. Ihr seid alle doof.

    So jetzt kann der Tag weitergehen.

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