Freitag, 23. August 2019

Ihr seid doch alle nicht besser als Jorge Gonzalez!

Frühstück in Poppenbüttel, dem Blankenese des Hamburger Nordens. Ich trinke einen Cappuccino (Filterkaffee war gestern, heute triffst du ja nur noch diese Schmalspurbaristas) und frage meinen alten Kumpel J., was er heute so machen wird. Er hat einen Termin, sagt er. Pediküre.
Ich bin sprachlos. Ein Mann in meinem Alter. Wieso schneidet er sich nicht einfach die Nägel selbst wie jeder Mensch bei uns im Hunsrück? Nein. Er macht einen Termin in einem Nagel-„Studio“ aus, fährt mit der A-Klasse seiner Frau eine halbe Stunde durch die Stadt, um sich von einer Vietnamesin die Fußnägel schneiden zu lassen. Mit dem Auto seiner Frau! A-Klasse! In einem Frauenauto, in dem eigentlich nur Zahnarztgattinnen sitzen! Er selbst hat kein Auto mehr – und ich kenne ihn noch mit Cabrio und 1200er Kawa. Dann gondelt er wieder nach Hause und schon ist der Vormittag rum. Wie schwul ist das denn, frage ich ihn. Hörst du inzwischen auch Musicals? Hast du einen Fahrradhelm im Dino-Design? Das ist doch nicht normal. Das ist hochgradig homosexuell.
Ich lebe einfach schon zu lange in der tiefsten Provinz. Wenn du als Mann in meinem Dorf sagst, dass du einen Termin in einem Nagelstudio hast – PEDIKÜRE! -, dann kannst du auch gleich deine Koffer packen. Persona non grata. Sozialer Kältetod. Dann kannst du genauso gut in einer knallbunten Radlerwurstpelle in die Dorfkneipe gehen und nach alkoholfreiem Bier und Quinoa fragen.
Während seine Tochter in der Schule und seine Frau im Büro ist, wird er sich mittags die Reste von den Spaghetti Bolo warm machen, die wir gestern Abend hatten. Nachmittags hat er eine Schulung. Im Internet. Heißt konkret: Er sieht sich ein YouTube-Video an. Dabei hätte er sich auch bequem die Nägel schneiden können. Hat der Mann keine Nagelschere?! Ich kann es immer noch nicht fassen.
Früher hat ihn seine Firma noch in teuren Seminaren geschult. Da fuhr er für ein paar Tage in ein Fünf-Sterne-Hotel auf Sylt oder am Starnberger See. Vor ihm standen hochbezahlte Dozenten im Nadelstreifenanzug und nach ein paar Power-Point-Präsentationsgrafiken zum Thema Controlling oder Insolvenzrecht ging es mit der ganzen Rasselbande ins Gourmetrestaurant. Alles auf Spesen. Seine Firma hat Kohle ohne Ende. Jetzt sitzt er in Unterhosen vor seinem Laptop und sieht sich ein Video an. Wertschätzung für Mitarbeiter sieht anders aus.
Er soll demnächst durch Deutschland tingeln und den Handwerkskammern eine neue Software andrehen, damit deren Zunftmitglieder ihr Rechnungswesen „vereinfachen“ können. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Hunsrück vor zwanzig Schlachtermeistern sitzt und ihnen das Produkt erklärt, während seine manikürten Fingerchen auf der Tastatur seines Rechners rumklimpern. Hallöchen. Ich bin Jorge von der Reeperbahn. Ich bin so schwul, dass ich meinen Vormittag mit Fußpflege verbringe. Kaufen Sie meine Software. Ich habe eine dreißigminütige Internetschulung gemacht. Haben Sie Mitleid!
Früher war er als Unternehmensberater fest angestellt, jetzt arbeitet er als Selbstständiger. Für die gleiche Firma! Er hat mir das als Fortschritt verkauft. Aber damals hatte er einen fetten Audi als Dienstwagen. Im Zug immer nur 1. Klasse. Flugreisen. Jetzt bekommt er eine Reisekostenpauschale von tausend Euro im Monat. Kein Auto, 2. Klasse und drittklassige Pensionen. Tingeltangel-Bob. Er wird im Herbst 55 und an seiner Stelle wäre mir längst der kalte Angstschweiß den Rücken runter gelaufen. Er ist der einzige Mieter in einer Straße voller Eigentümer und weiß, dass er es nie schaffen wird, aus der Nummer auszukommen. Drückt jeden Monat zwei Riesen ab. Von der Kohle zahlt sein Vermieter die Leasing-Rate und den Sprit für seinen nagelneuen Porsche 911. Erzählt er mir mit dem bornierten Zynismus eines Ulf Poschardt. Scheißleben.
Neulich hatte er einen Bandscheibenvorfall, weil er seinen Arsch nie bewegt. Auf seinem Grabstein wird „Home-Office“ stehen. Jetzt fährt er jeden zweiten Tag durch die halbe Stadt, um bei einer Physiotherapeutin, also einer Gymnastiklehrerin, wie wir es auf dem Land nennen, ein paar Übungen zu machen. Wieso macht er sie nicht einfach jeden Tag zu Hause? Dann hätte er vielleicht auch keine Rückenprobleme. Nein. Eine Stunde im Auto hocken für eine halbe Stunde Kniebeugen oder was weiß ich. Was ist denn nur los mit diesem Land?
P.S.: Habe ich erwähnt, dass J. Nachthemden trägt? Nachthemden, echt jetzt!?! Früher haben wir zusammen gelacht, über Leute ohne Auto, über Nagelstudios, über Fahrradhelme - heute lache ich über ihn, obwohl es eigentlich zum Heulen ist.
Billy Idol - Cradle Of Love. https://www.youtube.com/watch?v=NCZuYS-9qaw

14 Kommentare:

  1. Hätte eine fröhliche MORGÄHN-Lektüre sein werden wollen können ...IST es aber nicht...Bonetti ebent... und der WAHRHEIT... vorletztes Wort (ړײ)
    am

    Reite-den-Wind-Tag 2019
    23. August 2019 in der Welt

    *tja*

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  2. Ist halt wichtig das mit den Fingernägeln, Erkennungsmerkmal für Insider. Handgeschnitten ist wie Quinoa in der Dorfkneipe.

    PoBü liegt übrigens im Norden, Blankenese im Westen. Das Kohleviertel im Osten nennt sich Marienthal.

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    1. Danke. Ich setz mich immer nur mit der S1 bis Endstation und werde dort abgeholt.

      Erkennungsmerkmale im Bonetti-Konzern: Augenringe, hohle Wangen, Panik im Blick, wenn der Alte reinstürmt.

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    2. P.S.: Maniküre - okay. Aber Pediküre? Wenn man mit dem Kunden im Puff oder in der Sauna ist?

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    3. Pediküre durch Podologen ist Pflicht bei Diabetes.
      Immer dran bleiben beim Übergewicht, dann lernt man ganz schnell wie wichtig das ist.
      Alternativ als Normalgewichtiger jede Bewegung meiden, auch dann erhöht man die Chancen auf frühzeitige Altersdiabetes dramatisch.
      Vielleicht hat der Kumpel das ja schon erreicht.

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    4. Das Thema ist ja eigentlich Dekadenz und das überhebliche Getue von Unternehmensberatern ...

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    5. ...hab`mir schon öfter gewünscht, dass das Thema explizit benannt wird,...spart uns allen viel Arbeit...

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    6. Da steht tatsächlich Pediküre, konnte sich wohl mein Kopf nicht vorstellen.

      Sei's drum, wer als UB mitte 50 noch zur Miete wohnt wird wissen wo der Angstschweiß läuft oder er hat seien Schäfchen anderweitig ins trockene gebracht (der Makler wohnt zur Miete), muss er ja keinem erzählen.

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    7. J. ist nicht der klassische UB, wie wir ihn von McKinsey oder BCG kennen. Er hat nie studiert, sondern nur die Hauptschule besucht. Abi in NRW in der Abendschule. Jobs als Kellner, in der Verwaltung einer Fabrik, mehrfach arbeitslos. Rentenbescheid im dreistelligen Bereich, Altersarmut droht. Gerade darum bin ich erstaunt, warum er sich noch nicht mal die Nägel selbst schneiden will. Ich kenne den Arbeitersohn seit den 90ern, er war vorher in Berlin. Also: keine Schafe im Trockenen. Ich verstehe es auch nicht.

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  3. Er wird eingewachsene Zehennägel haben. Ein Thema, über das zu sprechen gerne vermieden wird.

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  4. Bonetti erreicht seine Fußnägel noch selbst ? Stehend??

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    1. Ich lasse sie von dressierten Eichhörnchen abknabbern, während ich mit einem Röhnrad durch die Weinberge rolle, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.

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    2. Welchen?
      Den fürs Röhnrad, den für die Eichhörnchen oder den für die Weinberge?
      Immer dieser Entertainment- Gedanke, was war das Leben noch schön als man sich die Fußnägel beim Essen in der Küche geschnitten hat.
      https://www.youtube.com/watch?v=6K9E8LwrKLU

      Das Leben wird immer komplizierter.

      flurdab

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  5. Lasst das bloß nicht die Bewohner der Rh(!)ön hören.
    Die schenken Euch einen ein:
    https://www.rhoentropfen.com/

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