Dienstag, 27. August 2019

Herbst, Erwachen

Er wachte in der Morgendämmerung auf. Eine Weile starrte er an die Decke. Es hatte keinen Zweck, auf den Wecker zu schauen. Er würde erst in ein oder zwei Stunden klingeln. Es war zu früh, um diese Zeit musste man nicht wissen, wie spät es war. Er drehte sich auf die Seite und sah zum Fenster hinüber. Langsam drang das leise Geräusch von Nieselregen in sein Ohr.
Im Badezimmer starrte er lange unschlüssig auf sein Spiegelbild. Er war alt, in den tiefen Furchen seines Gesichts nisteten Zorn, Furcht und Weinerlichkeit. Natürlich hatte er auch gestern wieder vergessen, neue Zahnpasta zu kaufen. Zu einer Rasur konnte er sich nicht hinreißen.
Neulich hatte er von einer jungen Inderin gelesen, in deren Bauch die Überreste eines Fötus gefunden worden waren. Ihr Zwillingsbruder. Reste von Knochen, Zähnen und Haaren. Er stellte sich vor, in seinem Bauch wären die Reste eines Zwillings eingeschlossen. Sein früheres Ich. Reste von Hoffnung, Zuversicht und Träumen von einem schönen Leben. Jetzt eingeschlossen in verknorpeltes, warziges Fett unter der haarigen Haut seines Bauchs.
Die letzten beiden Scheiben Graubrot, die leere Plastikverpackung warf er in den Mülleimer unter der Spüle. Ranzige Butter, Marmelade. Eine halbe Flasche Cola Zero. Er musste sich nicht beeilen. Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis der Wecker klingeln würde. Er las die neuesten Meldungen auf dem Display seines Handys.
Der Bürgerkrieg in Görlitz war eskaliert. Inzwischen kämpften nicht nur die Polen und die Antifa gegen die Nazis. Eine Hundertschaft Polizisten war aus Dresden entsandt worden. In der Nacht hatten sie sich auf die Seite der Nazis geschlagen. Mehrere tote Antifaschisten. Die Polen hatten Waffen von ihrer Seite der Grenze geholt und ihrerseits das Feuer eröffnet. Mehrere tote Nazis und Polizisten. Die Lage in der Innenstadt war unübersichtlich. Häuserkampf. Unruhen aus anderen Teilen Sachsens und Thüringens wurden gemeldet.
Er musste sich Vorräte zulegen, dachte er. Konserven, Trinkwasser. Vielleicht auch einen Schlagstock und Tränengas. Es wird ja nicht besser, dachte er. Es besteht kein Anlass zu Sorglosigkeit. Wer lacht, steht unter dringendem Tatverdacht. Die Lage ist ernst und man hält sich am besten aus allem raus. Irgendwann ist es vorbei, so oder so. Ich bin allein, dachte er, mir hilft sowieso niemand. Und die Erniedrigung durch die Banalität des Alltags wird immer größer sein als die Angst vor der Gewalt.
Peter Gabriel – Humdrum. https://www.youtube.com/watch?v=Z-QV-9JTN3w

8 Kommentare:

  1. Ich finde es immer recht witzig, wenn in diesen Bürgerkriegsszenarien die Realität komplett ausgeblendet wird. Polen auf Seiten der Antifa, der unbegrenzten Migration?
    Selten so gelacht.
    Und warum denkt keiner an die 5 Millionen Türken in Deutschland, mehr "staatstragend" oder "obrigkeitshörig" geht nicht. Zuerst ein Anruf in Istanbul, dann 10 Minuten Verhandlungen und anschließend werden hier alle Kurven begradigt.
    Um einen Krieg vom Zaun zu brechen, brauche ich kampffähige und kampfwillige junge Menschen, vorzugsweise männlich.
    Da müssen die Importraten aber noch dramatisch angehoben werden, falls jemand dem erzkonservativen türkischen Block in Deutschland ein "liberales oder linkes" Gegengewicht entgegen setzen möchte. Und ob die jetzt aktuellen Neubürger sich ernsthaft für Rousseau oder Habermas begeistern können fällt mir schwer zu glauben.
    Oder glaubt Bonetti ernsthaft das die "wer nicht hüpft, ist für Kohle" Jünger demnächst zur AK 47 greifen?
    Also genau die Leute, die sich nach ihrer Demo im Braunkohlegebiet massiv über die Polizei beschwert haben, das eben diese Polizei sich nicht mit Essen versorgt hat?
    Vielleicht findet man in dem Pulk ein oder zwei, die als Drohnenpilot in Ramstein taugen, aber der Rest? Krieg mit Leuten die Heulkrämpfe kriegen, wenn sie ein Schnitzel sehen?
    In den 1970ern Jahren gab es auf konservativer Seite zwei Sprüche die, schaut man auf die gesellschaftliche Entwicklung seit damals, nichts an Berechtigung verloren haben.
    1."In meiner Jugend glaubte ich, die beste Gesellschaftsform sei der Sozialismus. Heute weiß ich, es ist die GmbH & Co KG."
    2. "Wer mit 15 nicht links ist hat kein Herz. Wer mit 50 noch links ist hat kein Hirn."
    Bei letzterem kann heute noch anhängen: " oder plündert als ideologische Ballastexistenz im Staatsdienst genau die Leute aus, die zu schützen man vorgibt."

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    1. So ein Szenario weckt halt tiefe Ängste, ich halte es mit Bierce:

      Aufruhr, der – Ein Volksfest, von unschuldigen Passanten zur Belustigung des Militärs gegeben.

      Polen und Antifanten finde ich ein nettes Szenario, Görlitz statt Gleiwitz noch besser - wenn es denn intendiert war.

      Schlagstock und Tränengas sind - im unwahrscheinlichen Fall des Falles - übrigens glatter Selbstmord.

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  2. Schwere Gedanken, trostloses Ende - geh vor die Türe und rede mit anderen Menschen, würde ich dem Typ sagen. Diese Bilanz nutzt nur deinen Gegnern, die lachen darüber. Übe lieber ein gewaltiges Lachen im Angesicht der Vergänglichkeit aller Bemühungen. Lachen ist die beste Art, den Gegnern die Zähne zu zeigen.

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    1. Wer Zahnpasta braucht hat die Kontrolle über sein Leben verloren, ne Prise Salz bringt's genauso. Aber wenigstens Putz der Protagonist noch, so schlimm scheint es nicht zu sein.

      Mit dem Brot kann man noch Enten, Tauben Möwen füttern und wer in den Spiegel schaut sieht immer dem Tod bei der Arbeit zu. Mach ich nie, nicht mal beim rasieren, bin doch nicht blöd ;-).

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  3. Zitat von Publius Terentius Afer Terenz:

    Ich bin mir selbst der Nächste. - Proximus sum egomet mihi. *tja*

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  4. Sich selbst der Nächste sein ?
    Schwachsinn.
    Ohne Gemeinschaft, ohne Freunde, Nachbarn, wegen mir auch Verwandtschaft geht man zwangsläufig ein.
    Wie sangen schon die Scherben ?
    "Allein machen sie dich ein
    Schmeissen sie dich raus, lachen sie dich aus
    Und wenn du was dagegen machst
    Sperr'n se dich in den nächsten Knast"
    Und diese Vereinsamung wird ja auch gefördert durch TV, Kneipensterben,
    "soziale" Netzwerke und den ganzen anderen Scheiß.
    Mit tun die Kinder und Jugendlichen leid. Da steht im Fressenbuch, man hätte 100 Freunde. Ha ! Was für ein Witz. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit von physischer Gewalt, Revolution, Bürgerkrieg recht gering.
    Seien wir realistisch, würde der CIA nicht überall dort, wo es gerade Bürgerkrieg gibt, die Kämpfer mit Geld, Waffen und Munition versorgen, oder durch die Hintertür über die Saudis, da wäre aber ganz schnell Ruhe. Weil die "Rebellen", Kämpfer, ISler brauchen auch was zu Essen, vor allem deren Familien.

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  5. Danke Pater Busoni. Toller Text. Tolle Betrachtung.

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  6. Danke Pater. Toller Text, tolle Betrachtung.

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